„Aachener Netzwerk Wahlgroßeltern“: Omas und Opas nach Wahl

Aachen : Hier gibt es Omas und Opas nach Wahl

Seine Verwandtschaft kann man sich nicht aussuchen, heißt es immer. Beim „Aachener Netzwerk Wahlgroßeltern“ geht das aber sehr wohl. Hier können Familien mit Kindern eine Oma oder einen Opa ehrenhalber finden. Einen Menschen, der nicht mit ihnen verwandt ist, aber trotzdem Lust hat, Zeit mit Kindern und deren Eltern zu verbringen.

„Wir wollen Menschen 60 plus mit Familien zusammenbringen“, sagt Projektkoordinatorin Mareike Sera vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Aachen. Beide Seiten sollen profitieren. Viele junge Familien in Aachen haben keine Großeltern in der Nähe und vermissen diesen Kontakt. Auf der anderen Seite gibt es Seniorinnen und Senioren, die Zeit übrig haben und sich eine zusätzliche Portion Familienanschluss wünschen.

Bei Hildegard Döltgen hat das ganz wunderbar geklappt. Die eigenen Kinder und die Enkel wohnen weit weg, erzählt die 68-Jährige. „Meine Enkel sehe ich nicht oft. Das fehlt mir.“ Seit einigen Wochen hat sie nun Kontakt zu einer Familie mit zwei Kindern, zwei und vier Jahre, die sie meist einmal in der Woche trifft. Die ersten Erfahrungen seien sehr positiv, erzählt sie. „Meine Erwartungen haben sich bisher erfüllt. Das ist ein Geben und Nehmen.“

Ziel: Familienfreundlichkeit

Der Aufbau eines Netzwerks von Wahlgroßeltern ist eines von zwölf Zielen, das die Stadt Aachen sich gesetzt, um noch familienfreundlicher zu werden. Das DRK ist Projektträger und hat auch die Koordination übernommen. Mit im Boot sind aber ganz viele Partner. Die Finanzierung ist mit einem städtischen Zuschuss und Stiftungsmitteln für zwei Jahre gesichert.

Das erste Jahr der praktischen Umsetzung ist nun vorbei. Und die Bilanz fällt auf den ersten Blick noch bescheiden aus. Es haben sich rund 30 Familien gemeldet, die gerne Wahlgroßeltern hätten. Und es gibt auch an die 20 ältere Menschen, die sich so eine Aufgabe sehr gut vorstellen könnten. Das Netzwerk hat bisher aber erst drei Familien mit einer Wahloma oder einen Wahlopa zusammengebracht.

Das hängt einmal damit zusammen, dass sehr genau hingeschaut wird, wer zu wem passt, erläutert Mareike Sera. Die Wahlgroßeltern werden außerdem intensiv auf ihren Einsatz vorbereitet. Sie lernen Erste Hilfe am Kind, sie besuchen eine Präventionsschulung zu sexualisierter Gewalt und sie absolvieren den Kurs „Starke Großeltern, starke Enkelkinder“ des Kinderschutzbunds. Auch ein fachlich angeleiteter Erfahrungsaustausch für die Wahlgroßeltern soll eingerichtet werden.

Edgar Stollenwerk hatte im Seniorenrat vom Projekt Wahlgroßeltern gehört. Er findet gerade das umfangreiche Kursangebot attraktiv. Ehrenamtlich kümmert er sich schon länger um ein achtjähriges Mädchen, das Kind einer guten Freundin seiner Frau. Mittlerweile tut er das ganz offiziell als Wahlgroßvater. „Einmal in der Woche hole ich die Kleine von der Schule ab“, erzählt er. „Dann gehen wir zusammen nach Hause. Und dieser Fußweg ist die schönste Zeit für mich.“

Wie oft sie einander sehen, regeln Wahlgroßeltern und Familien selbstständig. Und natürlich sollen die Familien auch Unterstützung finden. „Die Wahlgroßeltern sind aber keine Feuerwehr für den Notfall und keine billige Kinderbetreuung“, warnt Mareike Sera. Wie wertvoll ihr Einsatz dennoch ist, hat Wahloma Hildegard Döltgen schon festgestellt. Sie ist eine begehrte Vorleserin im Kinderzimmer, und sie kennt natürlich längst alle Lieblingsspielzeuge „ihrer“ Enkel. Und beim Plätzchenbacken neulich im Kindergarten waren zwei zusätzliche helfende Hände mehr als willkommen.

Nach der zweijährigen Projektphase soll das „Aachener Netzwerk Wahlgroßeltern“ so stark verknüpft sein, dass es möglichst viele Menschen trägt. „Der Bedarf ist auf jeden Fall da“, sagt Mareike Sera. „Bei mir melden sich sogar Eltern, deren Kind noch nicht geboren ist.“

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