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Aachen: Aachener Nabu fordert eine neue Agrarpolitik

Aachen : Aachener Nabu fordert eine neue Agrarpolitik

Der Aachener Dreiländerweg hat nicht nur deswegen etwas mit Europa zu tun, weil er von Aachen aus direkt zum Dreiländereck führt. Hier, am westlichen Ende der Stadt, liegt unter anderem das Schutzgebiet „Am Türmchen“ des Aachener Nabu (Naturschutzbund).

Auf der 5,6 Hektar großen Obstwiese, die seit mehr als 20 Jahren nicht mehr gedüngt wird, finden viele Insekten und Vögel ein großes Futterangebot. Doch wenn man den Nabu fragt, ist das nicht genug: Auch die Region Aachen ist vom Vogelschwund und vom Insektensterben betroffen.

Immer weniger Singvögel sind in den heimischen Gärten, immer weniger Bienen und andere bestäubende Insekten in den Aachener Feldern und Wäldern unterwegs. Über ihre Sorgen haben die Aachener Naturschützer sich nun mit dem Europaparlamentarier Arndt Kohn (SPD) unterhalten. Denn einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Biodiversität haben die rund 115 landwirtschaftlichen Betriebe in Aachen.

Und die bekommen viel Geld für ihre Arbeit von der Europäischen Union. Rund 40 Prozent des EU-Haushalts, das sind etwa 58 Milliarden, fließen in die landwirtschaftlichen Betriebe auf dem Kontinent. Derzeit laufen die Diskussionen für die Förderperiode 2021-2027. Und der Nabu Aachen macht sich dafür stark, dass die Förderung in Zukunft anders läuft: Weg vom Gießkannenprinzip, zum Beispiel.

„Im Moment bekommen 20 Prozent der Agrarbetriebe 80 Prozent der EU-Fördermittel“, erklärt Manfred Aletsee, der für den Aachener Nabu landwirtschaftliche Flächen bewirtschaftet. Das seien zum Großteil Gelder, die nach der Größe der Betriebe verteilt werden. „Der Aufwand, um diese Fördermittel zu bekommen, ist relativ gering“, sagt Aletsee. Dem gegenüber stehen weitere Fördermittel, die es beispielsweise für die Pflege von Streuobstwiesen oder das Erhalten von Spezialbiotopen gibt. Insgesamt bekommt der Nabu Aachen jährlich 15.000 Euro Fördermittel.

Falsche Anreize

Der Effekt dieser Art von Förderung sei, dass der Anreiz, mehr Fläche zu machen, sehr groß sei. Im Klartext bedeutet das: Große, kapitalstarke Betriebe werden immer größer, die kleinen verschwinden. Denn je größer eine agrarwirtschaftliche Fläche ist, desto geringer ist der Aufwand, den ein Landwirt betreiben muss. Das belegen auch Zahlen des statistischen Landesamtes NRW. Der Anreiz, ökologischen Landbau zu betreiben, sei zu gering.

Auch in Aachen ist die Zahl der Landwirte in den vergangenen Jahrzehnten stark gesunken. Und offizielle „Bio“-Landwirte gibt es lediglich vier. Sebastian Strumann, der für den Nabu Deutschland am Gespräch teilgenommen hat, ergänzt: „Die industrielle Landwirtschaft kauft alles auf, kleine Familienbetriebe, die auf eine Pacht angewiesen sind, haben es immer schwerer.“ Dass das auch in Aachen ein Problem sei, bekräftigte der Aachener Nabu-Vorsitzende Claus Mayr. „Zwischen den Großbauern und den kleinen Betrieben, die ökologischen Landbau machen, besteht tatsächlich ein gewisses Unverständnis“, sagt Aletsee.

Die Forderung des Naturschutzbundes lautet daher: Die Förderung der Landwirte muss qualifizierter, also nachhaltiger werden, und dennoch unkomplizierter. Zu viel Zeit ginge am Tag für die Büroarbeit drauf, weil die Dokumentationspflichten so umfangreich seien. „Die Mittelbeantragung, Mittelverwaltung und die Dokumentation ist schwierig und ineffizient“, sagt Sebastian Strumann, und der bürokratische Aufwand sei in den vergangenen Jahren noch größer geworden.

Nach dem Brexit ist es schwerer

„Wir müssen mal sehen, wie wir in der EU nach dem Brexit alles finanziert bekommen“, sagt Arndt Kohn, der aus Stolberg stammt und das Wegbleiben der Singvögel auch beobachtet hat. Durch den geplanten Ausstieg der Briten aus der Union sei zu erwarten, dass die zu verteilenden Mittel insgesamt geringer ausfallen. „Mit Sicherheit gibt es Möglichkeiten, das vorhandene Geld besser einzusetzen.“ Allerdings räumt Kohn ein, dass man auch um eine Dokumentation nicht herumkomme. Einen gewissen bürokratischen Aufwand werden Aachens Landwirte also auch in Zukunft haben.