Aachener Jury vergibt zwei zweite und einen dritten Preis

Marienskulptur im Aachener Dom : 98 Entwürfe für Marias neues Kleid

„Ein Kleid für Maria“: Im Wettbewerb des Aachener Domkapitels sind 98 Entwürfe eingereicht worden. Die Jury hat nun zwei zweite und einen dritten Preis vergeben. Und in der Domschatzkammer ist eine Ausstellung zum Wettbewerb zu sehen.

Wer in den nächsten Wochen das Gnadenbild im Aachener Dom besucht, kann die Marienstatue so erleben, wie man sie eigentlich nie sieht: ganz ohne eines der prächtigen Gewänder, die Gläubige über die Jahrhunderte für die Muttergottes gestiftet haben. Die geschnitzte Madonnenfigur mit dem Jesuskind auf dem Arm hält nur einen dünnen Leinenschal in Händen. Quasi umarmt aber wird die Statue von der Silhouette des Marienkleids, der wohl bedeutendsten Reliquie, die der Aachener Dom zu bieten hat. Die ungewöhnliche Installation ist einer der beiden Siegerentwürfe im künstlerischen Wettbewerb „Ein Kleid für Maria“, den das Aachener Domkapitel im vergangenen Sommer ausgerufen hatte. In der Domschatzkammer kann man weitere 18 Entwürfe aus dem Wettbewerb betrachten.

Seit fast 700 Jahren werde Maria, die Patronin des Aachener Doms, im Münster verehrt, erinnerte Dompropst Manfred von Holtum, als am Freitag die Siegerentwürfe präsentiert wurden. Ebenfalls seit Jahrhunderten ist es Brauch, das Gnadenbild prächtig zu bekleiden und zu schmücken. Maria und Kind besitzen 43 Gewänder und rund 350 Schmuckstücke. Die Herausforderung im Wettbewerb bestand darin, gerade kein festliches Gewand zu entwerfen, sondern ein „alltagstaugliches“ Kleid. Der Wettbewerb war Schlusspunkt der Feierlichkeiten zum Jubiläum „40 Jahre Unesco-Weltkulturerbe Aachener Dom“.

Und die Resonanz war groß. 98 ganz unterschiedliche Beiträge aus Deutschland, Österreich, Belgien, den Niederlanden, der Schweiz und der Tschechischen Republik gingen ein. Die Jury begutachtete Zeichnungen, Stoffproben, Ausschneidevorlagen, fertig genähte Kleider und digitale Präsentationen. „Alle Entwürfe behandelten die Aufgabe mit großem Respekt“, betonte Barbara Jacobs, die Koordinatorin des Wettbewerbs. „Die Leute sind mit Herzblut an das Thema herangegangen.“

Maria und das Kind in eine Rettungsdecke gehüllt: Mit diesem Entwurf gewann Heinke Haberland ebenfalls einen zweiten Preis. Foto: ZVA/Harald Krömer

Vergeben hat die Jury letztlich nicht einen ersten, sondern zwei zweite Preise. „Wir konnten uns einfach nicht entscheiden“, gestand Birgitta Falk, die Leiterin der Domschatzkammer. Beide Siegerentwürfe, so betonte sie, erfüllten einen hohen künstlerischen und theologischen Anspruch. Der Wettbewerbsbeitrag, der am Gnadenbild umgesetzt ist, stammt von Schwester Klara Antons aus der Benediktinerabtei St. Hildegard in Rüdesheim. Ihr Entwurf erinnert daran, dass es in Aachen ja bereits ein kostbares alltagstaugliches Kleid Mariens gibt – der Stoff, der alle sieben Jahre bei der Heiligtumsfahrt als Reliquie verehrt wird. Maria soll dieses schlichte Leinenunterkleid in der Heiligen Nacht getragen haben.

Die Werkstatt der Domschatzkammer hat den Entwurf maßstabsgerecht in Leinenstoff mit Goldpigmenten umgesetzt. Und wie bei der echten Reliquie, aus der man im Laufe der Jahrhunderte immer mal wieder Stücke herausgeschnitten hatte, ist sogar ein Ärmel kürzer als der andere. „Der Entwurf geht über die Aufgabenstellung hinaus“, würdigte Birgitta Falk. „Er erneuert das ganze Ensemble des Gnadenbilds.“

Ein Jeanskleid und ein Gewand aus farbenfrohen Stoffresten: Eindrücke aus der Ausstellung in der Domschatzkammer. Foto: ZVA/Harald Krömer

Einen zweiten Preis erkannte die Jury auch dem Entwurf der Künstlerin Heinke Haberland aus Düsseldorf zu. Sie hüllt Maria und ihr Kind – verblüffend einfach – in eine der goldfarbenen Rettungsdecken, wie man sie von so vielen Flüchtlings-Fernsehbildern kennt. „Dieser Entwurf hat uns alle fasziniert“, sagte Falk. „Der goldenen Pracht des Doms wird das Gold des Elends entgegengesetzt.“ Maria reihe sich ein in die Reihe derer, die von Tod und Elend bedroht sind.

Der dritte Preis ging an den Glasmaler Gerlach Bente aus Radevormwald. Als einer der wenigen Teilnehmer habe er sich mit dem Umfeld des Gnadenbilds und dem Kirchenraum und dessen Blau- und Goldtönen auseinandergesetzt und als Gegenpol ein zartes Gewand aus zarten Seidenstoffen entworfen.

Und so stellt sich die achtjährige Marlene ein modernes Kleid vor: Maria im Karnevalskostüm. Foto: ZVA/Harald Krömer

Aber auch die weiteren 18 Entwürfe, die im Untergeschoss der Domschatzkammer zu sehen sind, lohnen einen genauen Blick. Saskia Werth zum Beispiel hat ein Kleid aus lauter kleinen weißen Briefumschlägen entworfen – Briefe, die Botschaften, Wünsche, Sorgen aufnehmen können. Thomas Volkmann überzeugte mit einem Gewand, auf das je nach liturgischem Anlass Bilder projiziert werden können. Dina Sabbar setzte aus vielen Stoffresten etwas Neues zusammen. Und Ana Sous greift das Thema Pilgern auf. Sie zerschnitt Landkarten, nähte die Stücke zu Streifen zusammen und schneiderte daraus ein Kleid – Sinnbild für die Pilgerwege, die in Aachen zusammenlaufen.

Und dann gibt es noch den Entwurf von Marlene. Die Achtjährige hatte mit ihrer Oma den Dom besucht und von dem Wettbewerb erfahren. Marlene meint: „Die Maria und das Jesuskind brauchen doch auch ein Karnevalskostüm.“ Sie hat ihnen eins gebastelt – mit Hühnern auf den Köpfen.

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