Gebäude am Büchel: Aachener haben ihre „Rote Burg“ wieder zurück

Gebäude am Büchel : Aachener haben ihre „Rote Burg“ wieder zurück

In einem historischen Gebäude am Büchel hat der Psychotherapeut Jörg von der Laage sein ganz privates Museum eröffnet.

Daran geschnuppert haben die Öcher schon, an ihrer „Roten Burg“. Zwei Tage lang Ende September, während der Kunstroute 2018. Das Echo war überwältigend. Der Psychotherapeut Jörg von der Laage erfüllt sich dort einen Lebenstraum. „Da war ein unheimliches Interesse“, sagt der frischgebackene Museumsbesitzer von der Laage. Nun ist es soweit, die „Rote Burg“ hat ihre Pforten auf Dauer geöffnet. 

Es scheint so, dass die „Rote Burg“ fest im kollektiven Bewusstsein Aachens verankert ist. Alt genug ist das Gemäuer schließlich, der Gewölbekeller stammt aus dem Jahr 1450 und hat auch den Stadtbrand und zwei Weltkriege fast unversehrt überstanden. Erbaut wurde das Haus Büchel 14 im 15. Jahrhundert von einem wohlhabenden Kaufmann, es machte im Lauf der Jahrhunderte viele Wandlungen durch.

Um 1850 herum beherbergte es etwa einen Kolonialwarenladen und war um 1960 als „Charlys Leierkasten“ stadtbekannt. Aus diesen beiden Perioden hängen Zeichnungen oder Fotos im Entree des einladenden Gebäudes in der Nähe des Marktes. Und zwei Fotos aus „Charlys Leierkasten“, aufgenommen um 1960 herum. Der legendäre Wirt mit einem Pils am Tresen, ein Blick in die mit Trödel überladene Szenekneipe – für viele (ältere) ein Aha-Erlebnis.

Nun also auf zwei Ebenen Heimstatt für das Schaffen des Künstlers Emil Orlik, 1870 in Böhmen geboren. Ein deutsch-böhmischer Maler, Zeichner und Grafiker und für Sammler Jörg von der Laage ein Jahrhundertkünstler, der in der Zeit um 1900 seine eigene Bildsprache zwischen Realismus und Jugendstil entwickelte. Prag, München, Wien und Berlin waren Fixpunkte seines Lebens und Wirkens. Orlik brachte Kunsthandwerk und Kunst miteinander in Einklang, druckte selbst, lithografierte und aquarellierte.

Vier Porträts

Kennen und schätzen gelernt hat von der Laage das Werk des 1932 gestorbenen Künstlers während seines Psychologiestudiums in München, dem Aachener Publikum vorgestellt wird Orlik in vier Porträts am Anfang der Ausstellung.

Bücher von Orlik liegen aus, ein Lehrgedicht des langjährigen Professors in Berlin oder der Katalog seiner ersten Einzelausstellung in Brünn. „Das ist etwas ganz Seltenes.“ Anhand von Zustandsdrucken wird die Entstehung von Grafiken und Radierungen aufgezeigt: „Das findet man sonst nirgendwo.“ Aquarelle aus Bosnien, Zeichnungen aus dem kalten Manhattan oder dem mondänen Paris sind zu sehen.

Hinten im Erdgeschoss gibt es eine Art Kabinett mit Radierungen und Lithografien fast aller bedeutenden Künstler, Wissenschaftler, Dichter oder Komponisten wie Rilke, Mahler, Einstein, Strauss, Schopenhauer, Furtwängler, auch Trotzki auf der Friedenskonferenz 1918 in Brest-Litowsk: „Orlik war Anfang des 20. Jahrhunderts der begehrteste Porträtist der damaligen Welt.“ Mit Gerhart Hauptmann verband ihn eine enge Freundschaft, er besuchte ihn jedes Jahr in seinem Haus. So hängt im Büchel 14 auch ein Steindruck „Sonnenuntergang auf Hiddensee“: „Das ist eines der schönsten Blätter.“

Im historischen Untergeschoss hängen japanisch und arabisch beeinflusste Werke von Orlik, der Zeit seines Lebens viel reiste, etwa Pinselzeichnungen, Aquarelle oder Holzschnitte, für die bis zu zehn Arbeitsschritte notwendig waren. Ein Café lädt die Besucher zum Verweilen bei kalten und warmen Getränken und Snacks ein.

Lösen Gefühle aus

Die Bilder hätten die Betrachter sehr stark angesprochen, obwohl (oder gerade weil?) Orlik den „meisten Leuten unbekannt war“. Die Werke lösten nämlich schöne Gefühle aus: „Orlik hat das Leben gezeichnet und die Menschen psychologisiert,“ sagt Jörg von der Laage und erklärt damit auch, was ihn an dem Künstler so fasziniert.

Die stilsichere Innenausstattung hat der Psychotherapeut, auch gelernter Mechaniker und studierter Maschinenbauer, selbst entworfen. Moderne Elemente wie perforierte Aluminiumplatten oder LED-Flächenlampen, die die Räume taghell erleuchten, kombinierte er mit alten Möbeln und dem Kontrast des jahrhundertealten Mauerwerks.

Im Gewölbe will er auch Lesungen abhalten, Musikabende oder Podiumsdiskussionen zu allgemeinen gesellschaftlichen Themen. Das kostet natürlich viel Geld, das Jörg von der Laage nicht allein aufbringen kann. Schon der Kauf des Hauses hat ihn strapaziert, Umbau und Restaurierung wurden doppelt so teuer wie geplant. Deshalb hofft er auf Geld und Ideen durch den Förderverein und Sponsoren, auch sollen andere Sammler zu Ausstellungen animiert werden: „Wir sind auf Spenden angewiesen, um ein ungewöhnliches Projekt zu gestalten.“

Geöffnet ist die „Rote Burg“ donnerstags, freitags, samstags und sonntags von 12 bis 18 Uhr.

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