Aachen: Aachener Friedenspreis: Flüchtlinge sind keine Kriminellen

Aachen : Aachener Friedenspreis: Flüchtlinge sind keine Kriminellen

Standing Ovations und minutenlanger Applaus in der Aula Carolina: Die fünf Preisträger aus Afrika bekamen nach einer insgesamt aufrüttelnden Veranstaltung zur Verleihung des 28. Aachener Friedenspreises am Dienstagabend den hochverdienten Lohn für ihre schwierige Arbeit gegen Krieg, Gewalt und das Flüchtlingselend vor Ort.

Die Studenten Rakotonirina Mandimbihery Anjaralova aus Madagaskar, Lumbela Azarias Zacarias aus Mosambik und Balorbey Théophilus Oklu aus Ghana, die alle drei selbstlos und unter hoher Gefahr in Marokko gestrandete Flüchtlinge betreuen, sowie die beiden Geistlichen Erzbischof Dieudonné Nzapalinga und Imam Oumur Kobine Layama aus der religiös zerstrittenen Zentralafrikanischen Republik (siehePolitk) bedankten sich nach der Zeremonie mit warmherzigen Dankesreden für diese Auszeichnung. „Die Flüchtlinge in Marokko sind keine Kriminellen, sie haben nichts getan“, sagte Zacarias in seiner Dankesrede im Namen all seiner Kommilitonen aus der marokkanischen Universitätsstadt Oujda. Das Kommen der drei nach Aachen war laut Ralf Woelk, dem Vorsitzenden des Friedenspreises, bis kurz vor dem Termin noch gar nicht sicher, aber es klappte dann doch.

Antikriegstag: DGB-Marsch mit den Preisträgern von der Kundgebung am Elisenbrunnen zur Verleihung in der Aula Carolina.

Laudatorin Margot Käßmann, die ehemalige Bischöfin, war angesichts des Grauens und der Rechtlosigkeit im Umgang mit den Flüchtlingen aus den Winkeln Afrikas entsetzt, empört und zornig: „Nicht nur das Mittelmeer, auch die Sahara ist inzwischen ein Massengrab geworden. Frauen, Männer und Kinder werden in die Wüste getrieben — die marokkanische Variante von Abschiebung“, beschrieb sie den Exodus der Menschen aus dem Kontinent in Richtung Norden, von Menschen, die nach Europa wollen und dann ohne jede Chance in Nordafrika stranden.

Möglicher Tod durch EU-Gelder

Finanziert würden die Unrechtsmaßnahmen der marokkanischen Behörden gegen die Flüchtlingsströme auch mit EU-Mitteln. In Marokko gebe es regelmäßig Razzien, Rücktransporte und Internierungslager mit einem vielfachen Tod in der Wüste. Dann eben, wenn die Menschen bei ihrer Anreise und der späteren Deportation irgendwohin zurück „einfach von den LKW fallen“ und in der Wüste bleiben.

„Menschenrechte enden nicht an den Grenzen Europas“, stellte sie fest und warb für die Unterstützung des kirchlichen Hilfsprojektes in Marokko.

Eine andere Qualität leben die Geistlichen aus der völlig armen Republik Zentralafrika vor. Der Bischof und der Imam, der Christ und der Muslim: „Beide werden nicht müde, immer wieder vor ihren eigenen Gläubigen für ein friedliches Miteinander zu werben und selbst Beispiel zu geben“. Sie unterstützten sich konsequent gegenseitig, treten für die Entwaffnung der Konfliktparteien ein.

Nicht Flüchtlinge, sondern der Krieg und die Waffen dazu müssten bekämpft werden, war aus aktuellem Anlass die Botschaft der diesjährigen Friedenspreisverleihung, die außerordentlich gut besucht war und von Vorstandsmitglied Halice Kreß-Vannahme wohltuend frisch und mit viel Esprit moderiert wurde. Den musikalischen Rahmen erbrachte virtuos das Folk-Ensemble Da Musica.

Bürgermeister Björn Jansen betonte in seinem Grußwort, der Friedenspreis habe eine alternativlose Bedeutung für die Stadt. Das zu betonen, liege ihm am Herzen. Auch OB Marcel Philipp hatte sich bei dem Empfang mittags im Rathaus so geäußert.

Am Elisenbrunnen war zuvor die Kundgebung des DGB zum Antikriegstag, dem 1. September, über die Bühne gegangen. Die Gewerkschafter protestierten gegen Waffen, gegen Krieg und gegen das Flüchtlingselend.

Ursachen beseitigen

Redner Franz-Peter Beckers, ehemaliger IG-Metall-Chef, mahnte: „Waffen und Rüstung — sie töten auch in Friedenszeiten“ und forderte ultimativ, nicht mehr die Flüchtlinge zu bekämpfen, sondern die Ursachen zu beseitigen. Statt das globale System der Ausbeutung zu bekämpfen, werde weiterhin „die Flucht“ bekämpft. „Europäische Auffanglager in Nordafrika und mit EU-Geldern finanzierte Stahlzäune“ richten sich alleine gegen die Opfer, nämlich gegen die Flüchtlinge, sagte Beckers.

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