Aachener fahren mit Oldtimer 7500 Kilometer ohne Navi

Rallye zugunsten Menschen helfen Menschen : Angst nur vor dem Nord-Cap-Köpper

Ein Aachener Trio startet beim „Baltic Sea Circle“ und sammelt Spenden für „Menschen helfen Menschen“.

Frisch poliert und so, als ob er gestern vom Fließband gerollt wäre, steht der Wagen in der Burtscheider Dammstraße. Dabei ist der VW T4 26 Jahre alt. Und was sonst bei Autos eher ein Ausschlusskriterium ist – das hohe Alter –, wurde bei dem weißen Van zur Eintrittskarte. Zum Ticket für ein Abenteuer von drei Freunden mit karitativem Hintergrund. Am 15. Juni wird der Zündschlüssel nach rechts gedreht, und es kann losgehen.

Mustafa Ahmad, sein Neffe Hasan Cheikh und ihr Freund Patrick Krott verleihen dann dem meist abgedroschen Sinnspruch „Der Weg ist das Ziel“ neue Substanz. Die drei Aachener machen sich auf zu einer Rallye über 7500 Kilometer, innerhalb von zwei Wochen, ohne GPS, ohne Autobahn.

Start und Ziel Hamburg

Start: Hamburg. Ziel: Hamburg. Dazwischen liegen Etappen über Stockholm, die Lofoten, das Nord Cap, Murmansk, St. Petersburg, Tallin, Kaliningrad. Auch heute noch ein Abenteuer, gerade angesichts der genannten Regeln, die eingehalten werden müssen. Darüber wachen nämlich die Organisatoren des „Baltic Sea Circle“, der nördlichsten Rallye der Erde, so akribisch wie über die Eingangsvoraussetzungen, um sich überhaupt anmelden zu dürfen: Das Rallye-Gefährt muss mindestens 20 Jahre alt sein, und die Teilnehmer müssen für einen wohltätigen Zweck an den Start gehen. Und hier sitzt unsere Zeitung dann ideell mit im Cockpit, denn das Aachener Trio sammelt für unser Hilfswerk „Menschen helfen Menschen“. Dazu später mehr.

Mustafa Ahmads Ehefrau hatte von Kieler Freunden von dieser Rallye gehört und spontan gedacht, das wäre etwas für Ahmed. Keine Fehleinschätzung, wie sich sehr schnell zeigte. Die drei Plätze des Kieler Teams waren aber ruckzuck vergeben. Also gründete der Aachener mit syrischen Wurzeln sein eigenes Team. Sein Neffe Hasan Cheikh Hasan und Kumpel Patrick Krott brauchten erst gar nicht groß zu überlegen, das „Team Afrin“ war geboren.

Namensgeber ist die Stadt Afrin im Nordwesten von Syrien im Gouvernement Aleppo. Afrin ist die Heimatstadt der Familie Ahmad. Als der verheerende Bürgerkrieg in Syrien losbrach, machte sich Ahmad, der schon lange in Aachen lebt und die deutsche Staatsangehörigkeit hat, auf, um Teile seiner Familie aus der Feuerhölle in Sicherheit zu holen. „Das war ein wirkliches, ein reelles Abenteuer. Total gefährlich“, sagt der Familienvater heute. 2011 fragte er aber nicht, er handelte. Bald wusste er seine Familie in seinem Haus in Burtscheid in Sicherheit. Wirtschaftliche Unterstützung kam von „Menschen helfen Menschen“. „Jetzt möchten wir etwas zurückgeben und haben ‚Menschen helfen Menschen‘ als Charity-Adresse für die Rallye ausgesucht“, erzählt er lächelnd und ergänzt voller Freude, dass seine Angehörigen alle ihren Platz in Deutschland gefunden haben.

Viele von ihnen werden das „Team Afrin“ mit der Startnummer 168 zum Start vom Hamburger Fischmarkt aus begleiten. Sie alle geben volle Rückendeckung, denn eine Urlaubsfahrt wird diese Rallye mitnichten. Teils geht es über Schotterpisten, wer auf eine Autobahn fährt, ist raus, und die jeweilige nächste Etappe erfahren die 272 teilnehmenden Teams erst am Vorabend aus dem Road-Buch. Per Handy halten die Organisatoren auch zu „Team Afrin“ Kontakt – was einerseits ein Stück Sicherheit gibt, andererseits aber verhindert, dass jemand unbemerkt doch ein Navi nutzt.

Der weiße Van mit den Rallyeaufklebern ist auf Vordermann gebracht, die zwei Vordersitze sind gegen einer Dreiersitzbank ausgetauscht. Patrick Krott ist Softwareentwickler, Hasan Cheikh Hasan Fachinformatiker, und Mustafa Ahmad betreibt seit 2005 das „Café M“ in Burtscheid.

Sie wissen sich zu helfen

Auch wenn keiner von ihnen mit dem Schraubenschlüssel in der Hand zur Welt gekommen ist, wissen sie sich zu helfen. „Unser Werkzeug würden wird gerne unbenutzt Ende Juni wieder in Aachen auspacken“, lacht Hasan Cheikh Hasan. Aber Improvisation ist irgendwie bei diesem Unternehmen Programm – und Angst kennt das Trio eh nicht.

Wohl aber Respekt. Etwas mulmig wird ihnen nur bei einem Programmpunkt: „Wenn wir am Nord-Cap angekommen sind, müssen alle Teilnehmer ins Meer springen“, beschreibt Patrick Krott ein Bonbon am nördlichsten Punkt der Rundfahrt, „den Gedanken daran verdrängen wir vorerst noch…“ Ein wirklicher Sprung ins kalte Wasser, man spricht von vier bis fünf Grad. Und eins steht fest: Beim Aachener Trio kribbelt es auch jetzt schon genug.

www.teamafrin.de/
https://balticrally.superlative-adventure.com/rallye.html

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