Aachener Chorleiter Rolf Schmitz-Malburg im Interview

Aachener Chorleiter im Interview : Was man mit der Stimme alles machen kann

Jeder kann es, viele tun es. Und es tut gut. Zu singen, ist ein menschliches Urbedürfnis – immer und überall möglich. Denn die Stimme hat jeder jederzeit dabei. Der Aachener Chorleiter Rolf Schmitz-Malburg erläutert im Interview mit Peter Pappert, wie es ist, im Chor zu singen.

Kann jeder singen?

Rolf Schmitz-Malburg: Ja.

„Singe, wem Gesang gegeben“, hat Ludwig Uhland gemeint. Aber ist er jedem gegeben?

Schmitz-Malburg: Wer sich traut – dem ja.

Sollte lieber den Mund halten, wem er nicht gegeben ist?

Schmitz-Malburg: Der sollte trainieren.

Heißt das: Jeder ist musikalisch?

Schmitz-Malburg: Ja, jeder ist musikalisch.

Woran erkennen Sie, ob jemand in einem Ihrer Chöre gut mitsingen könnte?

Schmitz-Malburg: Wer sich traut, mit Klang zu gähnen, lässt erkennen, ob eine gute Stimme da ist. Wer im Chor singen will, muss Klang zeigen. Das trauen sich leider nur wenige.

Was sind die Bedingungen, damit Sie sagen: Die hat großes Talent zum Singen?

Schmitz-Malburg: Sie muss zuhören können. Singen beginnt damit, sich selber zuzuhören.

Warum ist Singen in der Badewanne so beliebt?

Schmitz-Malburg: Weil es ein freier und geschützter Raum ist. Da singen viele, die sonst nicht singen.

Wird deshalb auch so viel im Auto gesungen?

Schmitz-Malburg: Ja. Viele Chorsänger üben im Auto. Ich schlage dann immer die Hände über dem Kopf zusammen.

Warum das denn?

Schmitz-Malburg: Eingeklemmt hinterm Lenkrad – das ist die denkbar schlechteste Position zum Singen. Aber man fühlt sich dort frei, weil niemand zuhört. Das ist wie mit dem Nasebohren im Auto: Die Leute denken auch immer, sie würden nicht gesehen.

Aber die Akustik ist im Auto ganz gut.

Schmitz-Malburg: Nein, das stimmt nicht.

Sind beim Lied Melodie und Text gleichermaßen wichtig?

Schmitz-Malburg: Ja. Es gibt unter Chorleitern aber verschiedene Ansichten. Dem einen ist der Klang wichtiger, dem anderen die deutliche Aussprache. Beides zusammen ist die Höchstleistung. Für mich ist der Klang erst mal wichtiger.

Für einen guten Klang würden Sie einen miesen Text in Kauf nehmen?

Schmitz-Malburg (zögert etwas): Eher ja.

Aber sie würden nicht einen miesen Klang wegen eines tollen Textes akzeptieren.

Schmitz-Malburg: So ist es.

Wie cool ist es, einen Chor zu leiten?

Schmitz-Malburg: Es ist wie das Steuern eines Düsenjets. Es ist großartig, fünfzig Leute vor mir zu haben und am Klang zu arbeiten.

Hat ein Chorleiter Macht?

Schmitz-Malburg: Einfluss – und letztlich auch Macht zu manipulieren.

Was manipulieren Sie?

Schmitz-Malburg: Nicht nur den Klang. Ich kann einem Chor gute Laune vermitteln, ich kann ihn aber auch runtermachen und runterziehen.

Der Chorleiter ist autoritär.

Schmitz-Malburg: Bei ihm laufen jedenfalls die musikalischen Fäden zusammen.

Merken Sie, wenn im Chor mal einer nicht mitsingt?

Schmitz-Malburg: Ja.

Auch wenn er den Mund clever bewegt.

Schmitz-Malburg: Auch dann.

Hängt das von der Größe des Chores ab?

Schmitz-Malburg: Nein. Der Chorleiter bekommt alles mit – vorausgesetzt, man guckt.

Sie dirigieren also auch mit den Augen.

Schmitz-Malburg: Ja, man braucht nicht nur die Hände, sondern auch Blickkontakt.

Sie müssen Ihre Sängerinnen zwischendurch mal ansehen.

Schmitz-Malburg: Ja, natürlich – die Sänger übrigens auch.

Aber dann gucken die vielleicht gerade auf die Noten oder in den Text.

Schmitz-Malburg: Dann gucke ich so lange, bis sie gucken.

Singen Sie mit?

Schmitz-Malburg: Nein.

Es gibt Chorleiter, die fuchteln wild in der Luft rum; andere dirigieren mit ganz sparsamen Gesten. Wovon hängt das ab – vom Temperament des Chorleiters? Vom Lied? Von der Größe des Chores? Oder von der Belastbarkeit der Wirbelsäule?

Schmitz-Malburg: Bis auf die Wirbelsäule spielen alle Faktoren eine Rolle. Es hängt viel von der Persönlichkeit des Chorleiters ab. Davon abgesehen sind starke Bewegungen gekoppelt mit Lautstärke, mit großen musikalischen Bewegungen. Von seinem Naturell her dirigiert der eine groß, der andere mit sparsamen Gesten. Da entwickelt sich jeweils eine spezielle Sprache zwischen Chor und Chorleiter.

Ist es okay, wenn ein Chorsänger bei hohen Tönen schon mal aussetzt in der Gewissheit oder in der Hoffnung, dass die anderen das schon schaffen?

Schmitz-Malburg: Ja, das ist okay.

Wie singt man sich ein?

Schmitz-Malburg: Man muss wie beim Sport den gesamten Körper aufwärmen. Weil sehr viele Muskeln beteiligt sind, ist Körperarbeit sehr wichtig.

Also vor jeder Probe und vor jedem Konzert.

Schmitz-Malburg: Ja – auf jeden Fall.

Was schadet der Stimme?

Schmitz-Malburg: Rotwein, Pfeife, Klimaanlagen, schlechte Laune.

Soll man vor dem Konzert etwas lutschen?

Schmitz-Malburg: Wenn es die Nerven beruhigt. Nur keinen Milchkaffee trinken!

Was ist schwieriger: Dass alle gleichzeitig anfangen oder alle in derselben Millisekunde aufhören?

Schmitz-Malburg: Beides gleichermaßen. Man braucht den gemeinsamen Impuls einzuatmen; damit beginnt es. Gemeinsam aufzuhören, heißt häufig, am Schluss gleichzeitig denselben Konsonanten zu sprechen.

Wie oft gelingt das nicht?

Schmitz-Malburg: Weiß ich nicht – wahrscheinlich häufig genug.

Muss ein Chorsänger Noten lesen können?

Schmitz-Malburg: Wenn der Chorleiter Geduld mitbringt und am Klavier oft genug vorspielt und vorsingt, geht das auch. Notenkenntnis ist ein Vorteil, aber kein zwingendes Muss.

Ist es egal, ob die Chorsängerin freihändig singt oder die Liedmappe in der Hand hat?

Schmitz-Malburg: Das Ideal ist, auswendig zu singen. Aber es gibt große Werke, da geht das einfach nicht.

Gibt es heute mehr oder weniger Chöre als vor 20 oder 30 Jahren?

Schmitz-Malburg: Früher gab es deutlich mehr Kirchen- und Männerchöre. Heute gibt es mehr Projekt- oder Gospelchöre. Ich glaube, dass die Zahl der Menschen, die singen, gleich geblieben ist. Es hat sich nur verlagert.

Warum singen mehr Frauen als Männer in den Chören?

Schmitz-Malburg: Das frage ich mich auch oft. Wahrscheinlich haben Frauen weniger Scheu vor Emotionen, sind mutiger und freier, kreativ zu sein. Männer muss man oft erst mal aus der Reserve locken.

In Aachen und Umgebung gibt es sehr viele Chöre. Worin unterscheiden die sich?

Schmitz-Malburg: Zunächst mal durch das Genre und durch das Alter der Mitglieder. Wir haben hier in der Region tatsächlich überdurchschnittlich viele gute Konzertchöre. Dass die Chorbiennale in Aachen stattfindet, ist ja kein Zufall.

Ist es bei diesen vielen guten Chören schwierig geworden, zwischen professionellem und Laien-Chor zu unterscheiden?

Schmitz-Malburg: Wir haben es häufig mit Laien-Chören zu tun, die professionell arbeiten: Stimmbildung, Chor-Wochenenden, Coaching durch externe Experten. Die Vielfalt und die Ernsthaftigkeit, mit der das hierzulande gemacht wird, sind schon einzigartig.

Warum ist das gerade in Deutschland so?

Schmitz-Malburg: Das ist traditionell bedingt, über Jahrhunderte gewachsen. Und es hat auch eine soziale Funktion, was in dieser Form selbst kein Sportverein leisten kann, dass ein Kind und ein 87-Jähriger gemeinsam aktiv sind. Dieser Reichtum kommt nicht zuletzt aus der föderalen Historie. Wer singt, braucht zudem kein Instrument; man muss nicht reich sein. Jeder konnte und kann mitsingen.

Werden neue Chormitglieder gerne aufgenommen, oder stoßen die eher auf Skepsis?

Schmitz-Malburg: Das kommt darauf an. Bei den meisten Chören gibt es Wartelisten für Frauenstimmen. Männerstimmen werden immer genommen, weil fast alle Chöre Männer suchen.

Wie wichtig ist es für die Sängerin oder den Sänger, eine bestimmte Tonhöhe zu erreichen?

Schmitz-Malburg: Es kommt nicht nur auf die Tonhöhe an, sondern auch auf den Klang. Eine Altistin hat einen wärmeren Klang als eine Sopranistin.

Der Laie denkt: Je höher eine Sängerin kommt, umso besser ist sie.

Schmitz-Malburg: Singen ist kein Bergsteigen. Die Höhe hat nichts zu tun mit der Qualität des Singens, auch wenn Tenöre, die höher singen, besser bezahlt werden.

Wann sollte man aufhören mit dem Singen?

Schmitz-Malburg: Niemals!

Wird die Stimme – wie alle anderen Körperfunktionen – im Alter schlechter?

Schmitz-Malburg: Wer regelmäßig trainiert und singt, kann diesen Prozess aufhalten.

„Wo man singt, lass Dich ruhig nieder . . ., böse Menschen haben keine Lieder.“ So heißt es bei Johann Gottfried Seume. Ist das Ihre Erfahrung? Kann man sich immer beruhigt niederlassen, wo Menschen singen?

Schmitz-Malburg: Ja, wo gesungen wird, steigt das Wohlgefühl.

Stimmt es, dass böse Menschen keine Lieder haben?

Schmitz-Malburg: Alle haben Lieder – die auch.

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