Aachener Bürger leiden unter Autobahnlärm

Autobahnlärm : Am Driescher Hof ist und bleibt es zu laut

Es war ein Heimspiel für die Leute von Driescher Hof. Das Bürgerforum kam zu ihnen und die Bürger kamen in Scharen. Das Sälchen in der Offenen Tür Driescher Hof in der Königsberger Straße war mit knapp 100 Zuhörern proppenvoll, als es um eine höhere Lärmschutzwand entlang der riesigen Wohnsiedlung in direkter Nachbarschaft zur Autobahn A 44 ging.

Die IG Lärmschutzwand und ihre Anhänger haben sich phantastisch geschlagen. Sachlich und ohne Schimpf und Spektakel schilderten sie anschaulich, wie die Geißel Lärm der nahen A 44 sie tagtäglich und auch nachts foltert. Dennoch hat Driescher Hof das Heimspiel nicht gewonnen, verloren aber ist auch noch nichts, im November geht es im Umweltausschuss in die Verlängerung.

In der OT trafen die Bürger von Driescher Hof nur auf Sympathisanten. „Die Aachener Politik ist vollständig an ihrer Seite“, versicherte CDU-Sprecherin Iris Lürken. Auch die eigens zum Termin nach Aachen gekommenen und dafür mit Beifall begrüßten Vertreterinnen des Landesbetriebs Straßen NRW, Silke Ulhas und Frauke Haller, bekundeten Verständnis. Der Gegner ist in Berlin und Bonn auszumachen, am ersten und zweiten Sitz des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur, kurz BMVI.

Seit 1963 in Betrieb

Die Historie: 1963 ging die A 44 im Bereich Driescher Hof in Betrieb. Im Rahmen einer Lärmsanierung wurde 1989 eine zwei Meter hohe Lärmschutzwand gebaut. Beschwerden der Bürger gegen die ihrer Ansicht nach unzureichende Höhe gab es von Anfang an. Die Stadt unterstützte sie. Doch alle Bemühungen über die Jahre blieben negativ: Werte hinsichtlich der Lärmimmissionen, urteilten zuständige Instanzen, würden in Driescher Hof nicht überschritten.

Hoffnung auf neue lärmtechnische Untersuchungen kam erst wieder auf mit dem Verkehrslärmschutzgesetz im Jahr 2013. Das senkt die Werte, ab denen Lärmsanierungen fällig sind. Der Landesbetrieb Straßen NRW machte sich für Driescher Hof erneut ans Werk. Silke Ulhas und Frauke Haller sprachen von Verkehr, Auslösewerten, Grenzwerten, Berechnungen, Prognosen und gemittelten Dauerschallpegeln, was für alle Laien im Saal nicht so flott zu begreifen war, aber die Analyse war eindeutig: „Es gibt Überschreitungen, wir müssen etwas tun. Eine neue, vier Meter hohe Lärmschutzwand war aus unserer Sicht sinnvoll.“

Damals, 2013. Wieso auch immer erst fünf Jahre später, im Frühjahr 2018, sagt das BMVI nein. Denn Bonn-Berlin hat inzwischen beschlossen, die marode A 44 komplett zu erneuern und mit einem „lärmmindernden Asphalt“ auszustatten. Das BVMI wies das untergebene Straßen NRW an, die Lärmschutzwand Driescher Hof sei ob des geplanten neuen Asphalts „so wie sie ist“ in Ordnung.

Berechnet, nicht gemessen

Straßen NRW musste auf höheren Befehl neu rechnen. Kurios, für Außenstehende nicht leicht nachvollziehbar: Lärmimmissionen werden „berechnet“, nicht vor Ort „gemessen“. Straßen NRW berechnete auf Grund einer vom BMVI für die Bevölkerungs-, Wirtschafts- und Verkehrsentwicklung für ganz Deutschland erstellten „Prognose 2030“. Zuruf einer Dame aus dem Publikum: „Bis dahin bin ich im Heim.“ Ulhas-Haller bekannten freimütig: „Der Bund hat uns die höhere Wand rausgeprüft. Er ist unseren Abwägungen einfach nicht gefolgt. Der Bund ist unser Chef, wir können nichts mehr tun.“

Wortmeldungen aus dem Publikum: „Die Herren in Bonn schlafen nicht in unseren Schlafzimmern.“ „Ein Schlag ins Gesicht der Bürger.“ „Morgens um fünf müssen wir die Fenster schließen.“ „Wenn man ein Fenster kippt, glaubt man, der Nachbar arbeite mit schwerem Gerät.“ „Den Lärm vor Ort messen, das geht schon mit einer Handy-App, nicht berechnen.“ „Mit dieser Bewertung können wir nicht leben.“ „Was wissen die Leute in Bonn und Berlin – uns hier betrifft es.“

„Werte sind veraltet“

Die Bürger wiesen auf die vielen Veränderungen im Viertel hin, einst gemessene Werte seien veraltet, Kleingewerbe mit Zuliefererverkehr nehme stark zu, das neue Polizeipräsidium werde demnächst mit „Tatüütataa“ zusätzlich nerven. Mehrere glauben, der Brander Wall auf der anderen Seite der Autobahn und deshalb die Stadt seien schuld, vom Wall werde der Autobahnlärm reflektiert und donnere gegen die Hochhäuser Driescher Hof, bevor er sich von dort über die ganze Siedlung lege.

„Physikalisch“ sei der Brander Wall „kein Faktor“, glaubt indes Klaus Meiners vom Fachbereich Umwelt. Mit seiner Bemerkung, die Stadt müsse entscheiden, ob sie wegen der besonderen Situation Driescher Hof „Eigenmittel“ in die Hand nehme, elektrisierte er die Politiker. Drei Millionen Euro, so schätzt Straßen NRW, werde eine vier Meter hohe Lärmschutzwand kosten. Die Hoffnung, die Stadt werde drei Millionen locker machen für etwas, das sie nicht müsse, sollten die Bürger sich nicht machen, warnte allerdings Margret Vallot von den Piraten vor Illusionen. Eine Dame rief: „Illusionen haben wir schon lange keine mehr.“

Hoffnung kommt dennoch auf. CDU-Sprecherin Iris Lürken nährte sie: „Warum hat Bonn-Berlin die Entscheidung von Straßen NRW gekippt? Woran hat es gehapert? Haben wir eine Möglichkeit, das die Entscheidung noch einmal kippt?“ Nicht alle Lärm-Problemfälle seien gesetzlich „über einen Kamm zu scheren“, Driescher Hof sei eine besondere Situation. Die Damen Ulhals-Haller rieten, wolle die Stadt erneut tätig werden, vorab Gespräche mit dem Bund zu führen, um herauszufinden, was die Meinung des BMVI ändern könne.

In den Umweltausschuss

Das Bürgerforum folgte Iris Lürken und empfahl, den Sachverhalt nun auch im Umweltausschuss zu beraten und nach „Abhilfemaßnahmen“ zu suchen. Zudem soll der Oberbürgermeister sich „an maßgeblichen Stellen“ für den Bau einer neuen Lärmschutzwand einsetzen.

„Sie haben Ihre Anliegen sehr gut rübergebracht“, bedankte sich Forums-Vorsitzende Lisa Lassay Bei den Bürgern für ihr Engagement. Die versprachen: „Wir werden nicht aufhören, zu kämpfen.“ Petitionen haben sie beim Land und Bund eingebracht und 600 Unterschriften gesammelt. „Die würden wir gerne Oberbürgermeister Philipp überreichen, damit er sie nach Berlin bringt.“

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