Theater Aachen mit Herzblut dabei: Aachener bejubeln, was Bernsteins Landsleute irritierte

Theater Aachen mit Herzblut dabei: Aachener bejubeln, was Bernsteins Landsleute irritierte

Der Riesenerfolg der „West Side Story“ darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Leonard Bernstein seine Bemühungen um ein hochwertiges, spezifisch amerikanisches Musiktheater als gescheitert betrachtete. Die Aachener feiern im Theater das, was zu viel für Amerika war.

Vom banalen Musical-Typus des Broadways zog er sich enttäuscht zurück. Dass seine 1983 in Houston uraufgeführte Oper „A Quit Place“ trotz mehrerer Revisionen in Europa eine größere Resonanz fand als in Amerika, desillusionierte ihn zusätzlich.

Mit großem Einsatz und entsprechend viel Herzensblut widmet sich das Aachener Theater dem anspruchsvollen Werk, das, ganz im Sinne Bernsteins, mit der 30 Jahre früher entstandenen Kurzoper „Trouble in Tahiti“ gekoppelt wird.

Das Premieren-Publikum reagierte begeistert auf die rundum gelungene Produktion. Auch wenn Bernstein keine wirklich zukunftsweisende Lösung gefunden hat, erweist sich auch hier der suchende Weg als lohnendes Ziel, so dass die Produktion bereits zur Halbzeit der Saison als ein Höhepunkt des Aachener Angebots bezeichnet werden kann.

Dabei lässt sich auch nachvollziehen, wodurch Bernstein seine Landsleute irritierte. Mit seiner radikalen Abkehr vom Popular Song und den damit garantierten Ohrwürmern enttäuschte er die Erwartungen des Publikums und provozierte mit einer Handlung, die den glanzvollen „American Way of Life“ radikal in Frage stellt. Ein Ehepaar, das sich nichts zu sagen hat, ein psychisch labiler, noch dazu homosexueller Sohn, inzestuöse Spannungen zwischen Geschwistern sowie Vater und Tochter:

Kein Stoff, den man von einer Oper erwartete. Und wenn die Oper zu dumpfen, zerrissenen Klängen mit der Trauerfeier der offenbar durch Selbstmord ums Leben gekommenen Ehegattin Dinah beginnt, lässt Bernstein keinen Zweifel daran, dass es ihm nicht auf publikumswirksame Effekte ankommt.

Die bereits 1951 entstandene Kurzoper „Trouble in Tahiti“ wird in Aachen zwischen die beiden ersten Akte geschoben. Eine Art Vorspiel, das die geistige und kommunikative Leere der Ehebeziehung zum Ausdruck bringt. Eine Leere, die allenfalls durch Besuche banaler Filme wie „Trouble in Tahiti“ kurzfristig übertüncht werden kann.

Obwohl die Oper neben einem stattlichen Orchester mit Chor, Statisterie und fast 20 Solo-Rollen aufwartet, behält sie doch ihren Kammerspielcharakter. Die Regisseurin Nina Russi arbeitet die gestörten Charaktere und die brüchigen Beziehungen detailgenau aus und folgt im Spieltempo aufmerksam dem Duktus der Musik.

Generalmusikdirektor Christopher Ward betont mit dem teilweise sehr massiv aufspielenden Aachener Sinfonieorchester die herben Töne und Kanten der filigranen Partitur. Die wenigen Jazz-Anleihen erhalten den nötigen Drive und den emotionalen Wechselbädern folgt Ward stil- und treffsicher.

Was die Besetzung angeht, eignet sich das Werk vorzüglich für den Nachweis guter Ensemblearbeit, mit dem das Aachener Theater in aller Regel punkten kann. Das trifft auch auch den fast dreistündigen Bernstein-Abend zu. Hervorzuheben ist eine erfreulich geschlossene Ensembleleistung ohne den kleinsten Ausreißer.

In „Trouble in Tahiti“ glänzt Fanny Lustaud mit einer zwischen Illusion und Ernüchterung hin- und hergerissenen Darstellung der Ehegattin Dinah. Sebastià Peris gelang es vorzüglich, für Ronan Collett in der anspruchsvollen Rolle des jungen Ehemanns Sam einzuspringen. Die noch größere Partie des älteren Sam findet in Wieland Sattler einen exzellenten Interpreten.

Zu ganz großer Form läuft Fabio Lesuisse in der komplexen Rolle des psychisch angeschlagenen Juniors auf. Patrick Cook gelingt als scheinbar biederer Ehemann der Tochter Dede ein differenziertes, von homosexuellen Neigungen durchzogenes Rollenportrait. Und Evmorfia Metaxaki hatte als Dede für die erkrankte Katharina Hagopian eine besonders anspruchsvolle Aufgabe zu bewältigen.

Die kleineren Partien waren ebenfalls makellos besetzt. Dabei verdient das Jazz-Trio in der Mini-Oper besondere Beachtung: Zu nennen sind hier Jelena Rakic, Takahiro Namiki und Eddie Mofokeng. Ohne Fehl und Tadel bewältigt der Chor seine kleine Rolle.

Die nächsten Aufführungen im Theater Aachen sind am 16., 24. und 27. Februar, am 10. März sowie am 11., 18. und 26. April zu erleben.

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