Aachen: Zahl der Biber steigt

Biber sind in Aachen wieder heimisch : Der Baumeister mit den scharfen Zähnen

Mehr als 100 Jahre lang war der Biber in Europa so gut wie ausgerottet. Mittlerweile gibt es in Aachen wieder rund ein Dutzend Reviere.

Ganz schön imposant, dieses Tier. Von der Nasenspitze bis zum Schwanzende fast einen halben Meter lang, mit dichtem Fell und mächtigen Nagezähnen. Bestimmt zehn Kilo bringt der Kerl auf die Waage. Dabei ist er fast noch ein Baby. Höchstens anderthalb Jahre alt, schätzt Manfred Aletsee, sei der junge Biber geworden. Im Januar wurde das Tier tot an der Iter, unweit der Aachener Straße, gefunden. Todesursache: unbekannt. Die Nabu-Naturschutzstation in Aachen hat den Biber ausstopfen lassen, so dass man ihn in Ruhe betrachten kann. Denn so nah wie dem präparierten Tier kommt man einem Biber in freier Natur eigentlich nie, sagt Geschäftsführer Aletsee. Biber sind scheu, ihre Dämme und Burgen bauen sie meist nachts.

Selbstverständlich ist es nicht, dass in und um Aachen Biber leben. Mehr als 100 Jahre lang war das große Nagetier in ganz Mitteleuropa so gut wie ausgerottet. Vor allem wegen seines Fells wurde der Biber erbarmungslos gejagt. „Umso faszinierender ist es für uns im Naturschutz, dass sich eine fast ausgerottete Art in einer intensiv genutzten Landschaft wieder ansiedeln kann“, sagt Aletsee. Vor zwölf Jahren hinterließen erstmals wieder Tiere ihre Spuren an Inde und Wurm. Heute, schätzt der Biologe, gibt es auf Aachener Gebiet rund ein Dutzend Reviere mit 20 bis 25 Bibern.

Von selbst sind sie nicht gekommen. Vielmehr wurden sie in verschiedenen Bachsystemen rund um Aachen ausgesetzt, in den Niederlanden etwa im Gebiet der Maas, in Belgien in den Ardennen. „Von allen Seiten sind Biber nach Aachen eingewandert“, sagt Aletsee. Der ausgestopfte Biber in der Naturschutzstation ist übrigens wohl ein Abkömmling jener Tiere, die bereits in den 1980er Jahren vom Forstamt Hürtgenwald in der Eifel ausgesetzt wurden. „Man erkennt das am schwarzen Fell“, erklärt der Biologe. Ursprünglich stammten diese Tiere aus einer Pelztierfarm in Polen.

Monika Nelißen, Gewässerexpertin des Aachener Ökologie-Zentrums und auch beim Nabu aktiv, ist fasziniert davon, wie sehr ein Biber seinen Lebensraum gestaltet. „Das ist einzigartig in der Natur“, sagt die Diplom-Geographin. An der Wurm, unweit der Krefelder Straße, kann man das wunderbar sehen. Da ist wahrscheinlich eine ganze Biberfamilie mächtig bei der Arbeit. Frische Bissspuren, gefällte Bäumchen und ein Staudamm quer durch den Wasserlauf zeugen von emsiger Bautätigkeit. Hier, nur ein paar Meter von der Autobahn und von der nächsten Wohnbebauung entfernt, haben die Biber ihre eigene kleine Wasserlandschaft geschaffen. „Ein solcher Bibersee ist auch ein Paradies für andere Tiere“, sagt Nelißen. Molche, Frösche, Libellen und sogar der Eisvogel finden hier gute Lebensbedingungen. „Das hat große Bedeutung für den Naturschutz.“

Ordentlich aussehen tut so ein Biberparadies natürlich nicht. Stämme und Äste liegen kreuz und quer. Und als Baumfäller schafft der Biber ordentlich was weg. „Der Biber ist nicht gerade ein Baumschützer“, sagt Nelißen. Da komme beim Menschen nicht unbedingt Freude auf. „Für uns ist ein Baum ja etwas Wertvolles. Und dann kommt der Biber und knabbert.“ Auf einer Obstwiese bei Hahn, erzählt Manfred Aletsee, habe ein Biber innerhalb von einer Woche sechs Bäume gefällt, die ausgerechnet zu Landschafts- und Naturschutzzwecken gepflanzt worden waren.

Ein Baumschützer ist der Biber nicht gerade. Manfred Aletsee, Geschäftsführer der Nabu-Naturschutzstation, zeigt frische Bissspuren an der Wurm. Foto: ZVA/Harald Krömer

Weil der Baumfäller Biber sich immer mal wieder unbeliebt macht, gibt es bereits seit dem vergangenen Jahr offizielle Biberbeauftragte in Aachen. Manfred Aletsee und Winfried Engels vom Fachbereich Umwelt der Stadt Aachen teilen sich diesen Job. „Wer auf seinem Grundstück Nagespuren entdeckt und in Sorge ist, sollte sich am besten gleich bei uns melden, damit wir beraten können“, sagt Aletsee. Bäume zum Beispiel könne man relativ leicht mit Estrichmatten schützen. An deren Stahlgeflecht scheiterten auch scharfe Biberzähne.

Zahl wird weiter steigen

Die Zahl der Biber in und um Aachen wird wohl weiter steigen, erwartet Aletsee. „Wir sind hier noch in der Besiedlungsphase. Die Zahl der Reviere könnte sich glatt verdoppeln.“ Jedes Jungtier wird irgendwann von seiner Familie verjagt und muss sich ein eigenes Revier suchen. Allerdings gebe es nicht mehr viele freie Biberreviere, sagt Aletsee. Weitere Konflikte zwischen Mensch und Biber dürften also zu erwarten sein. „Und natürlich gibt es Stellen, wo man den Biber nicht dulden kann“, sagt Monika Nelißen. Dort müsse man die Tiere zur Not wegfangen und anderswo aussetzen. So etwas geht allerdings nur mit offizieller Genehmigung. Denn der Biber ist nach der Berner Artenschutzkonvention streng geschützt. Auch seine Reviere dürfen nicht gestört werden.

Den Biber zum Nachbarn zu haben, das sei vielleicht nicht immer bequem, sagt Monika Nelißen. In der Soers musste ein beliebter Spazierweg entlang des Wildbachs gesperrt werden, weil Biber dort Tunnel gegraben hatten, die sich zu Stolperfallen entwickelten. Dennoch appelliert Nelißen, den großen Nagern mit Toleranz zu begegnen. „Der Biber renaturiert uns unsere Gewässer zum Nulltarif. Man muss ihm nur Platz einräumen.“ Im Vergleich zu den landwirtschaftlichen Nutzflächen, sagt Manfred Aletsee, beanspruche der Biber wirklich wenig Platz. „Und der Nutzen für die Natur ist riesig.“

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