Aachen: Wo können "Seiteneinsteiger" am besten lernen?

Wo können „Seiteneinsteiger“ am besten lernen?: Erst Förderklasse, dann neue Schule

Wie gelingt der Flüchtlingen der Übergang in den regulären Unterricht? Viele Flüchtlinge müssen nach dem Sprachkurs die Schulform wechseln. Ein Kraftakt, der ganz gut funktionert. Es gibt aber auch Probleme.

Letzte Woche erst hat Schulleiter Ralf Said wieder drei Neue aufgenommen. Drei Schüler, die an einer anderen Schule, in einer anderen Schulform, Deutsch gelernt haben, nun aber an der Hauptschule Aretzstraße zu einem Schulabschluss geführt werden sollen.

Auf die erste riesige Herausforderung, eine große Zahl von Flüchtlingskindern mit Schulplätzen und Deutschunterricht zu versorgen, folgt längst das nächste Stück Arbeit: der Übergang dieser „Seiteneinsteiger“ in den regulären Unterricht. Und längst nicht alle sind richtig untergebracht an der Schule, an der sie zunächst die Sprache lernen.

Als der städtische Schulausschuss im Herbst 2017 über das Thema diskutierte, da ging die Verwaltung von rund 800 Kindern und Jugendlichen aus, für die der Übergang aus Sprachfördergruppen und internationalen Klassen in den „normalen“ Unterricht gestaltet werden musste. Eine große Zahl. Und an vielen Schulen, hieß es damals, seien die Klassen ohnehin schon voll. Wie es heute aussieht, gelingt dieser Kraftakt trotzdem ganz gut. Es gibt aber auch Probleme.

Wechsel in alle Richtungen

Ralf Gablik, Schulleiter am Einhard-Gymnasium, zieht insgesamt eine positive Bilanz. Es habe sich bewährt, jedes Kind in der internationalen Klasse sehr individuell zu begleiten und allmählich in immer mehr Fächern in den Regelunterricht zu integrieren. „Wenn wir allerdings keine Möglichkeit für den Schüler sehen, seine Schullaufbahn bei uns mit Erfolg zu absolvieren, sprechen wir mit Schulen anderer Schulformen.“ Ein Schulplatz finde sich aber nicht immer auf Anhieb, bedauert Gablik. Die Folge: „Verschwendete Zeit für das Kind.“

Wechsel gibt es gibt auch andersherum, hin zum Gymnasium. „Wir nehmen Kinder aus den internationalen Klassen von Hauptschulen und Realschulen auf“, berichtet Gablik. Und die enge Partnerschaft des Einhard-Gymnasiums mit der Luise-Hensel-Realschule bewähre sich auch in diesem Punkt.

Am Gymnasium St. Leonhard wurde 2016 eine internationale Förderklasse eingerichtet. Von den 18 Kindern, die dort Deutsch lernten, ist letztlich nur ein einziges an der Schule geblieben. „Die anderen konnten wir nicht behalten“, bedauert Schulleiter Stefan Menzel. „Eine zielgerichtete Beschulung muss schließlich möglich sein.“ Auch Menzel berichtet, dass es nicht immer einfach gewesen sei, an einem Berufskolleg, einer Haupt- oder Realschule einen Platz zu finden. „Bei jedem Kind gab es andere Voraussetzungen. Und auch die aufnehmende Schule möchte ja ein passgenaues Angebot machen.“ Vor allem die Berufskollegs, die Hauptschule Drimborn und die Alkuin-Realschule haben junge Seiteneinsteiger von der Jesuitenstraße aufgenommen.

Schulamtsdirektor Jürgen Rudig, der zuständige Schulaufsichtsbeamte in der Städteregion, betrachtet den Wechsel von der „Erstbeschulung“ in den Sprachfördergruppen zur „Folgebeschulung“ im regulären Unterricht als weitestgehend gelungen. Denn nur selten meldet sich bei ihm ein Schulleiter, der für ein Kind einen Platz an einer anderen Schulform braucht und keinen finden kann.

„Zum 1. Februar waren das in der Stadt Aachen genau fünf“, sagt Rudig. „In drei Fällen haben wir einen Realschulplatz gefunden, in zwei Fällen geht es um die Frage einer sonderpädagogischen Förderung. Hier werden noch Gespräche geführt.“ Offensichtlich, bilanziert er, gelängen notwendige Schulformwechsel also häufig gut. Geschuldet sei das dem großen Engagement an den Schulen, aber auch der Expertise in den kommunalen Integrationszentren, die die erste Verteilung auf die Schulen beratend begleiten. „Die machen alle einen sehr guten Job.“

Hauptschulen besonders belastet

Die Hauptschulen, auch das betont der Schulamtsdirektor, waren und sind bei der schulischen Integration der jungen Flüchtlinge stark eingebunden. Im Herbst 2017 gab es 30 Sprachfördergruppen in Aachen, davon 15 an den drei Aachener Hauptschulen. Und am heutigen Montag, berichtet Schulleiter Ralf Said, wird er an seiner Hauptschule eine weitere internationale Klasse eröffnen. Dann sind es wieder vier an der Aretzstraße. Denn auch weiterhin kommen junge Geflüchtete nach Aachen, die einen Schulplatz brauchen und Deutsch lernen müssen.

Die enge Zusammenarbeit im Schulverband Aachen-Ost (GHS Aretzstraße, Hugo-Junkers-Realschule und Geschwister-Scholl-Gymnasium) bewährt sich auch bei der schulischen Versorgung der Flüchtlinge. So könne auf kurzem Weg die richtige Schulform für ein Kind gefunden werden, sagt Said. „Aber es ist schon so, dass mehr bei uns ankommen als wir abgeben.“

Und bei vielen jungen Flüchtlingen reiche auch nach zwei Jahren Deutschunterricht der Sprachfortschritt nicht, um an der Aretzstraße in allen Schulfächern gut mitzukommen, stellt der Schulleiter fest. „Wir versuchen deshalb, noch ganz viel zusätzliche Deutschförderung anzubieten.“ Nach Möglichkeit finanziert die Schule sogar Honorarkräfte für die Klassen, damit diese bei Sprachproblemen helfen können. „Aber es ist ein mühsames Geschäft“, bilanziert Said. Von den rund 380 Schülerinnen und Schülern seiner Schule sind mittlerweile rund 50 Prozent „Seiteneinsteiger“.

„Wohin mit den Schülern?“

Und noch etwas liegt dem Schulleiter auf der Seele: „Wir haben hier Fälle, bei denen selbst wir an unsere Grenzen kommen. Wenn Jugendliche nicht schreiben können, kein Deutsch sprechen und in Mathematik auf den Stand eines Zweitklässlers sind, dann weiß ich auch nicht weiter. Wo soll ich hin mit Schülern, die auch bei uns falsch sind?“

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