Aachen: Wie Hauptschulen Berufsvorbereitung leisten

Hauptschulen in Aachen : Im kleinen System individuell gefördert

Ihr Ruf ist schlecht, und doch betonen zahlreiche Pädagogen ihren Wert immer wieder: die Hauptschule. In wenigen Jahren wird es in Aachen nur noch zwei Vertreter dieser Schulform geben. Wie genau werden Schüler an der Aretz- und an der Drimborner Straße gefördert? Ein Besuch vor Ort.

Morgens elf Uhr in Aachen: Während Lehrer an der Tafel Rechenwege erklären und Schüler Aufsätze ins Heft schreiben, steht Sabim in der Küche und schneidet Salatblätter zurecht. Es mag auf den ersten Blick nicht danach aussehen, und vermutlich ist es dem 14-Jährigen selbst gar nicht bewusst, doch Sabim lernt mit dem Schneidemesser in der Hand und der weißen Arbeitsweste um die Schulter etwas, was nicht in Büchern zu finden ist oder anhand von Tafelbildern vermittelt werden kann: eigenständig handeln, Verantwortung übernehmen, Selbstbewusstsein aufbauen.

Den Salat, den der Siebtklässler zubereitet, werden wenige Stunden später zwischen 50 und 60 Mitschüler essen. Genauso wie die Paprikasauce für das Schnitzel, die der 15 Jahre alte Sultan vorbereitet hat. Mit knapp 30 Mitschülern stehen Sabim und Sultan regelmäßig in der Mensa der Hauptschule Aretzstraße und helfen der Küchenfachkraft Käthe Führer bei der Vorbereitung des Mittagessens – und verdienen sich so ein kleines Taschengeld dazu. „Schüler kochen für Schüler“ heißt das Projekt, das in dieser Form in Aachen einmalig ist. Und es ist nur ein Beispiel dafür, wie die Hauptschule ihre Schüler an den Beruf heranführt.

Jungen und Mädchen in die Arbeitswelt zu integrieren, darin sieht Ralf Said, kommissarischer Leiter der Hauptschule Aretzstraße, den Sinn seiner Schulform. „Unsere Schüler haben vor allem in der praktischen Arbeit ihre Stärken.“ Stärken, die jedoch häufig nur durch eine intensive Betreuung herausgekitzelt und ausgebaut werden können, etwa in der schuleigenen Mensa oder auch in der Schülerfirma, mit der die Schüler regelmäßig kleinere Aufträge übernehmen – vom Catering über das Austragen von Zeitschriften bis hin zur Unterstützung beim Umzug. „Wir bringen den Schülern Grundtugenden wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit bei“, sagt Lothar Grodde, der mit seiner Kollegin Ulrike Gruben an der Aretzstraße für die Berufsorientierung zuständig ist. „Und wir sehen, dass das ganz schnell funktioniert – wenn der Betreuungsschlüssel passt.“ Auch Ulrike Gruben beobachtet das immer wieder, auch, aber nicht nur bei Schülern mit Förderbedarf. „Im Unterricht kommen diese Schüler oft nicht so gut mit, doch hier in der Mensa schaffen sie eine ganze Menge. Wenn sie sehen, dass sie für einen bestimmten Bereich verantwortlich sind und das meistern, bekommen sie ein ganz neues Selbstbewusstsein.“ Auch, weil die Schüler ihre ersten praktischen Schritte in Richtung Berufswelt im vertrauten Umfeld gehen. „Das nimmt viele Ängste“, sagt Schulleiter Said.

Das wird auch an Sabim deutlich. „Ich bin hier in der Mensa einfach glücklich, vor allem, weil ich mit meinen Freunden arbeiten kann“, sagt der Schüler und berichtet stolz, welche Gerichte er schon zu Hause vorgeführt hat: panierte Kartoffeln zum Beispiel, oder auch mal eine Suppe. Nach der Schule in dem Bereich zu arbeiten, das könne er sich durchaus vorstellen.

Ob der 14-Jährige diese Zuversicht auch an einer anderen Schulform, in einem größeren System, mit einem anderen Betreuungsschlüssel entwickelt hätte? Diese Frage umtreibt zurzeit viele Pädagogen. Denn das Hauptschulsterben nimmt in Aachen seinen Lauf. Die Hauptschule Burtscheid wird auslaufend geschlossen. Übrig bleibt somit in wenigen Jahren neben der Aretzstraße nur noch die Hauptschule Drimborn.

Ganz engmaschige Betreeung gibt es für die Schüler an der Hauptschule Drimborn in Sachen Berufsorientierung. Foto: Michael Jaspers ZVA/Michael Jaspers

Dort, knapp drei Kilometer entfernt, sitzt Elke Kiewitt im BOB, dem Berufsorientierungsbüro. Ein weißer Aktenordner liegt vor ihr auf dem Tisch: „Berufswahlpass NRW“ ist auf diesem zu lesen. „Meine Stärken. Meine Wege. Meine Ziele.“ Mit den Schülern potenzielle Wege und Ziele zu finden, das ist die Aufgabe der Berufseinstiegsbegleiterin. 16 Schüler begleitet Kiewitt zurzeit an der Hauptschule Drimborn, im Auftrag der Arbeitsagentur. Sie erörtert mit den Schülern in regelmäßigen Treffen Stärken und Schwächen, bespricht mögliche Berufsfelder und begleitet sie während der Praktika.

Es ist eine Eins-zu-eins-Betreuung, die förderungsbedürftigen Schülern den Einstieg ins Berufsleben erleichtern soll; vom Beginn des neunten Schuljahres bis ins erste Ausbildungsjahr, insgesamt also über einen Zeitraum von drei Jahren. Ein Zeitraum, in dem die Schüler mithilfe der engen Betreuung große Fortschritte machen. Finanziert wird das Programm zu 51 Prozent durch die Agentur für Arbeit, den Rest steuert der Bund dazu – noch (siehe Infokasten). Doch nicht nur Kiewitt und ihre Kollegin Katharina Bücken zeigen im BOB, welchen Stellenwert die Berufswahlorientierung im Schulprogramm der GHS Drimborn hat. Los geht es bereits in der fünften Klasse mit kleineren Exkursionen, berichtet Schulleiter Michael Geurtz.

Ab Klasse 7 sammeln die Kinder dann erste praktische Erfahrungen, stets in engmaschiger Betreuung durch die Pädagogen. 2008 hat das Schulministerium des Landes die Schule sogar mit dem „Gütesiegel für individuelle Förderung“ ausgezeichnet – als eine von nur zwei Hauptschulen in NRW. „Individuelle Förderung wird hier mit Leben gefüllt und steht nicht nur im Schulgesetz“, sagt Geurtz – und meint damit nicht nur seine Schule im Speziellen, sondern seine Schulform im Allgemeinen. „Die Besonderheit der Hauptschule ist, dass diese berufsvorbereitenden Module intensiv begleitet werden. Andere Schulformen setzen andere Schwerpunkte.“

Auch deshalb fordert Geurtz, dass die Schulentwicklung in Aachen langfristig gedacht wird. „Singuläre Entscheidungen bringen meiner Meinung nach die Stadt Aachen nicht weiter“, sagt er mit Blick auf die auslaufende Schließung der Hauptschule Burtscheid und dem politischen Beschluss zur Gründung einer fünften Gesamtschule. Doch der Trend geht zum zweigliedrigen Schulsystem, bestehend aus Gymnasium und Gesamtschule. Und das Elternwahlverhalten gibt dieser Entwicklung recht. Gerade mal zwei Prozent der Eltern wollen, dass ihr Kind die Hauptschule besucht, ergab jüngst eine Elternbefragung.

„Für viele Eltern ist die Hauptschule ein Schreckensbegriff, und der wird dem nicht gerecht, was hier geleistet wird“, ist Andrea Leitner, Konrektorin an der Hauptschule Drimborn, überzeugt. „Wenn es keine Hauptschulen mehr gibt, müssen die anderen Schulformen Inklusion und Integration auf dem Niveau leisten, wie das die Hauptschulen zurzeit machen“, fordert sie. Das sieht auch Ralf Said an der Aretzstraße so.

Denn die Hauptschulen tragen in diesen Bereichen die Hauptlast. Allein an der Hauptschule Aretzstraße haben laut Said mehr als 60 Schüler einen festgestellten sonderpädagogischen Förderbedarf – von rund 370 Schülern. Ihnen gegenüber stünden aber lediglich vier Sonderpädagogen. Einige Schüler blieben somit leider zwangsläufig auf der Strecke. „Mit dem entsprechenden Personal könnten wir so viel für unsere Schüler leisten“, betont Ralf Said.

Die Pädagogen an den beiden verbleibenden Hauptschulen sind überzeugt: Der Bedarf nach ihrer Schulform wird bestehen bleiben. Auch dann, wenn die Hauptschulen in Aachen längst das Zeitliche gesegnet haben sollten.

Mehr von Aachener Nachrichten