Aachen: Viktor-Frankl-Schule besteht seit 100 Jahren

Viktor-Frankl-Schule : Vom „Krüppelheim“ zur größten Förderschule Nordrhein-Westfalens

Die Viktor-Frankl-Schule in Aachen feiert in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. Die Förderschule in Trägerschaft des Landschaftsverbands Rheinland ist die größte Förderschule Nordrhein-Westfalens.

„An dieser Schule“, sagt Beate Jahn, „habe ich gelernt, wie wertvoll es ist, gesund zu sein.“ Seit 16 Jahren leitet sie die Viktor-Frankl-Schule in Aachen. Und die 302 Mädchen und Jungen, die dort aktuell zur Schule gehen, sind alle nicht gesund. Viele sind sogar sehr schwer krank oder behindert. In diesem Jahr wird die Viktor-Frankl-Schule, Förderschule des Landschaftsverbands Rheinland mit dem Schwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung, 100 Jahre alt. Ende März wird das mit einem großen Fest gefeiert.

„Meine Schüler sind mir ein Vorbild“, sagt Beate Jahn mit Nachdruck. „Sie sind fröhliche Menschen.“ Dabei haben die jungen Leute eigentlich oft genug nichts zu lachen. Manche können nicht laufen oder kaum etwas sehen. Manche haben in ihrem jungen Leben schon viele Operationen überstehen müssen. Es gibt Kinder an dieser Schule, die waren noch nie ohne Schmerzen. Und doch, sagt Beate Jahn, können sie ihre Krankheiten und ihre Einschränkungen auch mal vergessen. Und deshalb sei Viktor Frankl genau der richtige Namensgeber für die Förderschule.

Seit 2006 trägt die Schule den Namen des österreichischen Neurologen und Psychiaters, des KZ-Überlebenden und Begründers der Logotherapie. Frankl (1905-1997) prägte den Begriff von der „Trotzmacht des Geistes“. Diese Kraft, trotz widriger Umstände dem eigenen Schicksal einen Sinn zu geben und glücklich zu sein, die wolle man an die Schüler weitergeben, erläutert Beate Jahn. Sie ist sogar überzeugt: Gerade weil die Kinder so viel aushalten müssen, entwickeln sie häufig eine besondere Energie. Diese Energie zeigte sich jüngst auch beim „Speed Dating“. Da trafen Schüler auf Firmenvertreter aus der Region, die Ausbildungs- und Praktikumsplätze zu vergeben haben. Und sie hinterließen einen sehr positiven Eindruck.

Entstanden ist die Schule im Jahr 1919 aus einer privaten Heimschule des Aachener Vinzenzheims. „Krüppelheim“ sagten die Leute damals. Heute ist die Viktor-Frankl-Schule, seit 1976 in Trägerschaft des LVR, die größte Förderschule Nordrhein-Westfalens. „Und es gibt keine Schulform, die eine derart große Bandbreite abdeckt“, sagt Jahn. Um die 302 Kinder mit all ihren unterschiedlichen Krankheitsbildern kümmert sich ein großes Team von 120 Leuten. Dazu gehören neben den Lehrerinnen und Lehrern auch Krankenschwestern, Therapeuten sowie junge Menschen, die sich im Freiwilligen Sozialen Jahr oder im Bundesfreiwilligendienst engagieren.

Die Viktor-Frankl-Schule betreut junge Menschen mit seelischen Behinderungen genauso wie Wachkoma-Patienten oder Kinder, die so schwer krank sind, dass sie nur liegend und in Begleitung einer Intensivschwester zur Schule transportiert werden können. „Jedes Kind hat das Recht, zur Schule zu gehen“, betont Jahn. „Wir tun alles, damit ein Schüler in die Schule kommen kann. Der Schulträger fragt auch nicht, was ein solcher Transport kostet.“

Ein möglichst normales Schulleben sollen die Kinder an der Viktor-Frankl-Schule haben, von der Primarstufe bis zur Klasse 10, erläutern Beate Jahn und Konrektorin Daniela Bruns. Die Klassen sind klein und familiär, mit einer Schüler-Lehrer-Relation von 6 zu 1. Dazu kommt noch das pflegerische und therapeutische Personal. Jedem Kind wird ein persönliches Paket an Unterricht, Therapie und Pflege geschnürt. Das schulische System soll auf die Begabungen jedes Kindes eingehen. Den möglichen Wechsel an eine allgemeine Schule, betont Beate Jahn, habe man perspektivisch aber auch immer im Blick. Denn es kann zum Beispiel sein, dass ein Kind im Rollstuhl oder mit einer Sehbehinderung irgendwann an einem Gymnasium genau richtig aufgehoben wäre. „Hier ist die Inklusion eine echte Errungenschaft“, findet die Schulleiterin.

Auch der Tod gehört dazu

Ja, und auch der Tod gehört zur Viktor-Frankl-Schule. Manche der Schülerinnen und Schüler sind lebensbedrohlich erkrankt. Im Vergleich zu anderen Schulen kommt es relativ häufig vor, dass ein Kind stirbt. Auch damit muss das Team, damit müssen die Mitschüler umgehen und zurechtkommen. Im Gedenk-Kasten in der Aula erinnert nach dem Tod eines Schülers stets ein Foto an den Verlust. Auf dem schönen Außengelände gibt es einen „Ort der Ruhe“. Vor ein paar Jahren hat die Schule dort einen Ginkgobaum gepflanzt. Kleine Anhänger an den Zweigen erinnern an die Namen der Verstorbenen. Ein Dutzend Plaketten hängt da mittlerweile schon.

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