Aachen: VBE fordert Maßnahmen gegen Lehrermangel

VBE beklagt Lehrermangel an Grundschulen : 36 Lehrerstellen, aber nur neun besetzt

Der Verband Bildung und Erziehung in der Städteregion Aachen beklagt einen massiven Lehrermangel an den Grundschulen. Von 36 Stellen, die zum 1. Februar ausgeschrieben waren, konnten nur neun besetzt werden.

36 Lehrerinnen oder Lehrer hätten am 1. Februar an einer Grundschule in der Städteregion Aachen eine Stelle antreten können. Aber 27 der 36 ausgeschriebenen Stellen, das sind drei Viertel, konnten nicht besetzt werden. Matthias Kürten, Vorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) in der Städteregion, weist auf diese Zahlen hin. Sie sollen durchaus als Alarmruf verstanden werden.

Derart umworben waren Grundschullehrerinnen und -lehrer vielleicht noch nie. In Nordrhein-Westfalen fehlen rund 1100 Pädagogen für die Primarschulen. Fast jede dritte Lehrerstelle an Grundschulen sei nicht besetzt, erklärte NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) vor wenigen Tagen. Auch in der Städteregion Aachen finden ausgebildete Grundschullehrer beste Chancen vor. „Es gibt bei weitem mehr Stellen als Bewerber“, sagt Kürten.

Insgesamt wurden zum 1. Februar für Stadt und Altkreis Aachen 38 Stellen ausgeschrieben. Zwei dieser Jobangebote richteten sich an sozialpädagogische Fachkräfte für die Schuleingangsphase, und beide Stellen wurden besetzt. Von den 36 Lehrerstellen für die Grundschulen aber konnten nur neun besetzt werden. Und nur für drei dieser Stellen fanden sich studierte Grundschullehrer. Alle anderen sind Pädagogen mit einem anderen Lehramtsstudium – oder Seiteneinsteiger. „Der Anteil der nicht dafür ausgebildeten Lehrer an den Grundschulen wird immer größer“, stellt Kürten fest. Und ein Großteil der Stellen werde gar nicht erst besetzt.

„Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“: Weit mehr als 1400 Unterschriften, so Vorsitzender Matthias Kürten, hat der VBE in der Städteregion gesammelt. Foto: ZVA/Michael Jaspers

27 unbesetzte Stellen – das ist, zurückhaltend gerechnet, fehlender Unterricht für mehr als 500 Grundschulkinder. Gegenüber dem vergangenen Sommer, als von 36 ausgeschriebenen Lehrerstellen immerhin noch die Hälfte besetzt werden konnte, hat sich die Lage weiter verschlechtert. Vor diesem Hintergrund geht der VBE in der Städteregion mit einem Vorschlag in die Offensive. Der Verband regt an, auch Lehramtsstudenten der Sekundarstufe II (Gymnasien und Gesamtschulen) für den Vorbereitungsdienst der Primarstufe zuzulassen.

Wer für die Sekundarstufe II studiert, könnte also ins Referendariat für die Grundschule gehen und dann als Grundschullehrer arbeiten. Denn im Gegensatz zum Grundschullehramt gibt es in der Sekundarstufe II einen deutlichen Lehrkräfteüberhang. Viele bekommen nach Studium und Referendariat keine Stelle, und manche gehen mangels Alternative dann als Seiteneinsteiger an eine Grundschule. Da sei es doch sinnvoller, ihnen gleich eine gute Qualifikation zu bieten, überlegt Kürten.

Vorschlag mit Bauchschmerzen

Der Aachener VBE-Vorsitzende macht diesen Vorschlag allerdings mit Bauchschmerzen, wie er gesteht. „Unter den schlechten Lösungen ist das noch die beste“, sagt Kürten, „denn grundsätzlich wünschen wir uns vernünftig ausgebildete Grundschullehrer, die dies auch studiert haben.“ Keinesfalls solle der Eindruck entstehen: Wer für die Sekundarstufe II studiert hat, kann auch ohne Weiteres Grundschüler unterrichten. „Das ist nicht so“, betont Kürten. Wer kleinen Menschen Rechnen, Lesen und Schreiben beibringen will, sollte die entsprechende Didaktik nach Möglichkeit an der Uni gelernt haben. Mittlerweile aber sei der Mangel in der Primarstufe gewaltig, „und wir müssen etwas tun.“

Über eine solche Öffnung der schulpraktischen Lehrerausbildung für Sekundarstufe-II-Absolventen hätte das Schulministerium zu entscheiden. Schon jetzt versucht die Schulministerin, Gymnasiallehrer für die Grundschulen zu gewinnen. Wer befristet für zwei Jahre an einer Grundschule unterrichtet, erhält danach eine Stellengarantie an einem Gymnasium im Umkreis. Die Resonanz ist bisher verhalten. Das dürfte auch mit der Besoldung zu tun haben.

Entlastung für die Grundschulen in der Städteregion erwartet der VBE frühestens 2030. Deshalb plädiert der Verband – wie übrigens auch das Schulräte-Team der Städteregion – dafür, dass auch in Aachen künftig wieder Grundschullehrer ausgebildet werden. Erstens stünden dann mehr ausgebildete Grundschullehrer zur Verfügung. Und manche von ihnen würden sicher nach dem Studium auch in Aachen oder dem Altkreis arbeiten wollen. Über die Einführung eines Studiengangs Grundschullehramt wiederum hätte die Aachener Hochschule zu entscheiden.

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