Aachen: Aachen Ultras kündigen ihrem Verein die Gefolgschaft auf

Aachen: Aachen Ultras kündigen ihrem Verein die Gefolgschaft auf

Irgendwo zwischen Anklage und Hilferuf ist wohl der Auftritt der „Aachen Ultras“ beim Zweitrundenspiel im Mittelrheinpokal am vergangenen Samstag in Köln einzuordnen. Ein starkes Zeichen wollte man beim Spiel gegen die Viktoria setzen — eins, das auch bundesweit Beachtung finden sollte. Das ist eindeutig gelungen: Spiegel Online griff es umgehend auf und titelte am Tag nach dem Spiel: „Ende der Aachen Ultras — Kapitulation im Kampf gegen Rechts“.

Autor Bernd Schwickerath gehörte zu jenem überschaubar kleinen Kreis Eingeweihter, der im Vorfeld über die Aktion der Ultras informiert war, die in der 60. Spielminute mit einem letzten Abgesang ihrem Verein — der insolventen Alemannia — ganz „offiziell“ die Gefolgschaft aufkündigten.

Dies geschehe auch „aus Selbstschutz“, erklärte ein Mitglied der Ultras am Sonntag. Denn die seit 1999 existierende und mittlerweile offen antirassistisch auftretende Gruppe fühlt sich im Stich gelassen. Immer wieder sei sie Bedrohungen und Angriffen aus rechten Fankreisen aus dem Umfeld von „Karlsbande“ und „Supporters“ augesetzt gewesen.

Vom Verein aber komme kein Zeichen, diese Gruppen, in denen sich auch Mitglieder der inzwischen verbotenen Kameradschaft Aachener Land und NPD-Kader wohlfühlen, zu ächten, meint ein Ultra-Sprecher, der ungenannt bleiben möchte. Im Gegenteil: Auch am Samstag habe sich die Mannschaft in Richtung Karlsbande orientiert, um ihren Sieg (5:2 nach Elfmeterschießen) zu feiern.

Kurz zuvor herrschte allerdings auch noch Ausnahmezustand auf den Rängen der schwarz-gelben Anhängerschar. Feuerwerkskörper, Senftöpfe, Bierbecher und Stangen flogen ausgerechnet während des entscheidenden Elfmeterschießens zwischen den verfeindeten Gruppen. Die Polizei musste einschreiten und trieb insbesondere die Ultras in eine Ecke. „Ungerechtfertigt“, wie ein Mitglied meint. Denn die ersten Provokationen seien klar von rechten Fangruppen ausgegangen — aufgebracht durch die Vielzahl der Transparente gegen rassistische und gewalttätige Fans im Stadion und die angebliche Tatenlosigkeit der Alemannia-Spitze.

Die zeigte sich am Sonntag überrascht von den Vorgängen und den Vorwürfen. „Fakt ist, dass wir uns eindeutig gegen Rechtsextremismus, gegen Rassismus und gegen Gewalt positioniert haben“, unterstreicht Holger Voskuhl, Sprecher der Interimsgeschäftsführung. Und auch gegen die Karlsbande sei man vorgegangen, habe Stadionverbote ausgesprochen und das Aufhängen ihrer Fahnen untersagt, ergänzt der Fanbeauftragte Lutz van Hasselt. Rechtsextremismus sei ein gesellschaftspolitisches Problem, sagt er. „Die Möglichkeiten eines Vereins sind begrenzt.“

Der um ihre Existenz kämpfenden Alemannia kommen die andauernden Auseinandersetzungen einmalmehr zur Unzeit: Eben erst ist sie in die Schlagzeilen geraten, dass ihr ausgerechnet vor dem Solidaritätsspiel am kommenden Sonntag gegen Bayern München der Sicherheitsdienst abhanden gekommen sei. Voskuhl erklärte am Sonntag noch einmal ausdrücklich: „Alles Quatsch, wir haben einen Sicherheitsdienst.“ Der neue Vertrag werde in Kürze unterzeichnet.

Beim Spiel gegen die Bayern und erst recht in den dann folgenden Liga-Spielen werden die „Aachen Ultras“ jedoch nicht mehr dabei sein. „Wir lassen unsere Aktivitäten ruhen“, kündigt ein Sprecher an, „aber wir lösen uns nicht auf.“ Dem Verein fehlt somit bis auf weiteres die Unterstützung von etwa 80 bis 100 Fans aus dem Umfeld der Ultras.

Nicht alle Fans werden das bedauern, wie sich auch am Sonntag schon in ersten Reaktionen in den einschlägigen Blogs zeigte. „Der Stil der Gruppe ist vielen Fans der Alemannia fremd geblieben“, sagt der Politikwissenschaftler und Kenner der Fan-Szene Richard Gebhardt. Aber er sieht auch die Verdienste der Aachen Ultras: „Auch wenn ich manche Kritik nicht teilen kann: Ihr Anliegen, im Stadion offensiv gegen sämtliche Formen der Diskriminierung zu kämpfen, war auf dem Tivoli eine kleine Kulturrevolution. Gerade mit ihrem Insistieren auf das Problem des Neonazismus haben die Aachen Ultras wichtige Impulse gesetzt.“ Sie könnten in geeigneter Form aufgenommen und weiterentwickelt werden, meint er.