Aachen: Udo Peterson schließt Caféhaus in Laurensberg

Jahrelanger Rechtsstreit : Wiener Caféhaus in Laurensberg schließt

Was sie mit dem Loch in der Wand machen wird, weiß Erika Petersohn schon ganz genau. Verstecken oder etwa verputzen wird sie es nicht. Im Gegenteil. „Darum kommt ein schöner Rahmen.“

Wenn denn vor Gericht endlich mal alles ausgestanden sein sollte. Dass die etwa zwei Handbreit große Bruchstelle knapp unter der Decke, die den Blick auf Stahlstreben freigibt, schon jetzt eine Form von Kunst ist, davon ist Erika Petersohn überzeugt. Kunsthistorisch mag sie zwar von geringem Wert sein.

Doch ihre Bedeutung in der Geschichte der Familie Petersohn, in der es seit fast einem Jahrzehnt allen voran um Recht und Unrecht geht, ist immens. Steht sie doch für einen juristischen Streit, der den Aachener Konditormeister Udo Petersohn und seine Frau nicht nur Zeit, Geld und Nerven kostet. Sondern nun auch das beliebte Wiener Caféhaus an der Roermonder Straße 331 in Laurensberg.

Nach 38 Jahren verlässt Udo Petersohn den Stadtteil. Leichtgefallen ist ihm der Entschluss nicht. „Damit stirbt auch ein Stück von meiner Seele“, sagt der 62-Jährige. Schließlich stecke in dem Caféhaus nicht nur jede Menge Arbeit, sondern auch viel Herzblut.

Gegründet hat er das Wiener Caféhaus im Mai 1980, damals noch ein paar Häuser weiter an der Roermonder Straße 317. Nach einem kurzen Zwischenstopp in der Süsterfeldstraße verschlug es das Ehepaar mit der Konditorei im Jahr 2002 wieder zurück an die Roermonder Straße. Allein in die Errichtung der Steinwand im Esssaal habe er zwei Monate investiert, jeden Stein einzeln positioniert, bis er mit dem Ergebnis zufrieden war.

Ab dem 1. November soll das Wiener Caféhaus in kleinerer Form Besucher in die Roermonder Straße 533 locken. Foto: Harald Krömer/HARALD KROEMER

Am 28. Oktober werden seine Gäste vor der steinernen Wand mit den grünen Pflanzen zum letzten Mal Baumkuchen essen und Kaffee trinken. Das Gebäude verkauft Petersohn an einen Schweizer Investor. Der Vertrag ist bereits unterzeichnet. Spätestens bis zum Ende des Jahres muss der Konditormeister mit seiner Einrichtung raus. Auf Apfelstrudel und Sachertorte aus dem Hause Petersohn müssen die Aachener dennoch nicht verzichten: Gut anderthalb Kilometer entfernt, in der Backstube an der Roermonder Straße 533 in Richterich, soll es mit dem Wiener Caféhaus weitergehen – in reduzierter Form und mit deutlich weniger Platz. Und mit besagtem Loch in der Wand, durch das man die Stahlstreben sehen kann.

Für Petersohn ist dieser Schritt zurück von zwei Filialen auf nur noch einen Standort der einzige Weg, um sich finanziell freizuschwimmen, wie er es formuliert. „Ich muss mich von dem Standort unten trennen, um das alles noch verantworten zu können“, sagt er. Und meint damit den Rechtsstreit, in dem es nicht nur, aber auch um eben jene Stahlstreben geht.

Jede Menge Unterlagen: Udo Peterson beschäftigt der Rechtsstreit um vermeintliche Baumängel seit Jahren. Archivfoto: Harald Krömer. Foto: Harald Krömer/HARALD KROEMER

Den Ursprung hat die Auseinandersetzung Mitte 2011, als Petersohn der Baufirma, die er mit dem Neubau seiner Richtericher Backstube beauftragt hatte, den Auftrag wegen mehrfacher Terminverzögerungen entzog. Es folgte ein jahrelanger Rechtsstreit um vermeintliche Baumängel, die die mittlerweile nicht mehr ganz so neue Backstube des Konditormeisters aufweisen soll. Insbesondere die Betonarbeiten mit den tragenden Unterzügen in den Decken seien zumindest schlampig ausgeführt worden, habe ein ehemaliger Mitarbeiter des Bauunternehmens verraten. Petersohn ließ auf eigene Kosten Schwerlaststützen errichten. Nur mit einer Sondergenehmigung konnte der Betrieb weitergehen. Im Januar 2014 ließ Petersohn sogar in Anwesenheit eines Fernsehteams und eines Statikers auf eigene Kosten die Unterzüge öffnen, um die von ihm monierten Mängel zu belegen. Bestand hatte das vor Gericht nicht. Mittlerweile sind die 16 Stahlstützen in der Backstube weg, vor knapp zwei Jahren habe er endlich Wände ziehen dürfen. Ruhe haben Udo und Erika Petersohn trotzdem nicht. Fast jede Woche müssten sie Unterlagen für Anwälte und Gerichte zusammensuchen, berichtet Erika Petersohn. Denn das Gerichtsverfahren läuft weiter. Bald schon im neunten Jahr. „Ich war kurz davor, den Laden komplett dicht zu machen“, sagt Petersohn. Doch Aufgeben komme für ihn einfach nicht in Frage. „Ich will einen Richterspruch.“

Klarheit schaffen soll, so die Hoffnung der Eheleute, endlich ein Gerichtstermin am 16. Januar 2019 beim Oberlandesgericht Köln. Unter dem Aktenzeichen 16U 73/15 wird dann verhandelt, ob der Konditormeister der klagenden Baufirma den noch ausstehenden Werklohn zahlen muss – Geld, das Petersohn nicht zahlen will, weil er der Firma Baupfusch unterstellt. Auch ein Bausachverständiger wird dann vor Ort sein, bestätigt ein Sprecher des Kölner Gerichts. Bis beim Oberlandesgericht Köln ein Urteil gesprochen wird, ist auch das strafrechtliche Verfahren gegen die Baufirma, das seit 2015 am Aachener Amtsgericht anhängig ist, ruhend gestellt, teilte ein Sprecher des Amtsgerichts Aachen auf Anfrage mit.

Vielleicht kann Erika Petersohn im kommenden Jahr dann vielleicht feierlich den Rahmen um das löchrige „Kunstwerk“ an der Wand hängen, je nach Ausgang des Verfahrens. So oder so: Zu tun haben die Eheleute in den nächsten Wochen und Monaten genug. An Allerheiligen, 1. November, soll das kleinere Wiener Caféhaus an der Roermonder Straße 533 eröffnen. Als eine Art „Eventkonditorei“ will Petersohn seinen Kunden dann ermöglichen, ihm beim Backen von Baumkuchen und Törtchen durch eine Glasscheibe zugucken zu können. Die Filiale werden Udo und Erika Petersohn dann vorerst allein stemmen. Bereits vor vier Jahren hätten sie wegen des andauernden und Finanzen zehrenden Rechtsstreits damit begonnen, Personal abzubauen. Ende Oktober werde dann auch die letzte Angestellte die Konditorei und Bäckerei verlassen. Fürs Eis wird wie gehabt Sohn Sven zuständig sein, der nächstes Jahr die Firma Udo’s Eis übernehmen soll. Je nach dem, wie die Richter entscheiden, sei zu einem späteren Zeitpunkt auch wieder ein Anbau möglich. „Wir gucken mal, was kommt.“ Sicher ist nur eins: Das Loch in der Wand, das werden sie als Erinnerung behalten.

Mehr von Aachener Nachrichten