Aachen: Talbothöfe als Vorbild für modernes Wohnen

Vorzeigeprojekt: Talbothöfe eingeweiht : Talbothöfe: Mehr als ein Wohnbauprojekt

Es geht um viel mehr als ein millionenschweres Wohnbauprojekt: Die neuen Talbothöfe im Aachener Norden vereinen – inmitten alter Industriekultur – die Themenfelder Heimat, Arbeit, Mobilität und Quartiersentwicklung.

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia wirft auf den Suchbegriff „Talbot“ so einiges heraus: Ein anderer Name für die Lichteinheit „Lumensekunde“, ein Mondkrater heißt auch so, ebenso eine Hunderasse. Aber natürlich: In Aachen ist der Name eng mit der ältesten Waggonfabrik Deutschlands auf der Jülicher Straße verknüpft. Selbst eine Bushaltestelle trägt auf der großen Hauptverkehrsachse zwischen Haaren und Innenstadt diesen Namen. Neu hinzugekommen ist in den vergangenen zweieinhalb Jahren der Begriff „Talbothöfe“ – eine Quartiersentwicklung der besonderen Art und Teil des Stadtteilerneuerungsprojektes Aachen-Nord (siehe Info-Box). Am Mittwoch feierten Macher, Nachbarn und Bewohner die Eröffnung zwischen Jülicher Straße und Burggrafenstraße.

Aber nicht auf die gewohnte Art mit klassischen Gruß- und salbungsvollen Eröffnungsworten. Talkslots und Smarttalks unter dem Titel „All eyes on Talbothöfe“, moderiert von Robert Esser, Redakteur des Zeitungsverlages, sollten zeigen: Hier entsteht etwas, das irgendwie anders ist als normale Bauvorhaben. Michael Rau, einer der verantwortlichen Architekten der Talbothöfe, durfte die architektonischen und sozialen Ideen der Talbothöfe erklären: Er freute sich besonders, dass die fast verfallenen Werkswohnungen aus den 1920er Jahren endlich wieder im neuen Glanz erscheinen. „Das ist guter Wohnungs-Städtebau. Den würden wir uns an manch anderer Stelle wünschen.“ Die 67 Sozialwohnungen in den grundsanierten und erweiterten Altbauten werden ergänzt um 37 Wohnungen in bereits fertiggestellten Neubauten, die zur Hälfte ebenfalls Sozialwohnungen sind. „Die Mieterschaft mischt sich auch in den Häusern – ein einzigartiger Versuch.“

Was mit den 70 bis 80 Wohnungen des dritten Bauabschnitts in Richtung Wurm geplant ist, erläuterte Claudia Bosseler, die sich bei der Stadt um gemeinschaftliche Wohnprojekte kümmert: Wohngemeinschaften aller Generationen und Lebenswirklichkeiten. „Alternative Wohnformen bieten Familien, Alleinerziehenden, Rentnern und Studierenden günstigen, stadtnahen Wohnraum. Zugleich zeigen sie Alternativen auf: Sie sparen Flächen, denken Integration und wirken ins Quartier hinein.“ Sie versprach: „Nicht der höchste Preis wird hier über die Vergabe entscheiden, sondern das beste Konzept.“

Keine salbungsvollen Worte, sondern knackige Statements: Bei der Einweihung der Talbothöfe in Baustellenklulisse kamen am Mikrofon von unserem Redakteur viele Experten zu Wort – darunter der städtische Wirtschaftsexperte Dieter Begaß. Foto: Andreas Herrmann

Wie die Talbothöfe überhaupt entstehen konnten, erläuterte Ulrich Warner, Vorstand der Gewoge, und kam nicht umhin, sein Unternehmen ein bisschen selbst zu loben: „Die Gewoge spielt eine erhebliche Rolle in der Stadt – als Vermieter von günstigem Wohnraum, aber auch als Bauherr von Wohnungen überwiegend im unteren Preissegment.“ Jeden Tag gingen Rechnungen von 100.000 Euro für Bau- und Planungsleistungen über seinen Tisch. Mit den Talbothöfen knüpfe man an gute Traditionen an: „Wohnen nah am Arbeitgeber schont die Umwelt und ermöglicht den Mitarbeitern mehr private Zeit, weil Fahrzeiten wegfallen“, stellte Warners Vorstandskollege Thomas Hübner fest.

Christiane Schwarz, die die Projektleitung für die Soziale Stadt Aachen-Nord innehat, wünschte sich eine Anstoßwirkung durch die gesamte Stadtteilerneuerung: „Es geht nicht nur um Bauen, sondern vor allem auch um Partizipation und Beteiligung.“ Den Anstoß habe es im neunten Jahr des Projektes längst gegeben, bilanzierte Michael Omels, stellvertretende Standortleitung der LowTec gGmbH: „Aachen-Nord ist ein Modellquartier.“ Es gehe aber weiter darum, Ängste abzubauen und Chancen zu sehen.

Mehr Chancen als Nachteile gesehen hat Rechtsanwalt Dirk Daniel, der mit seiner Kanzlei an die Jülicher Straße gezogen ist: „Wir mussten bei den Mitarbeitern viele Vorurteile abbauen – zu nachhaltig wirkte das alte Schmuddelimage der Jülicher Straße“, gab er anfängliche Ressentiments zu. „Aber die Jülicher Straße bietet beste Voraussetzungen für uns und hat sich mittlerweile zum spannendsten Viertel der ganzen Stadt entwickelt.“

Das liegt auch an den ansässigen Unternehmen wie zum Beispiel Talbot Services GmbH, die nach Schließungsandrohung und Übernahme von Bombadier wieder 500 Mitarbeiter beschäftigt und unter anderem den elektrisch betriebenen Streetscooter baut. „Es ist gut, dass wir unseren Mitarbeitern gleich gegenüber attraktive Wohnflächen anbieten können“, freute sich Dirk Reuters, Geschäftsführer der Talbot Services GmbH, über eine Standortaufwertung durch die Talbothöfe. Als Stadt des Streetscooters werde Aachen bundesweit wahrgenommen, wies auch Axel Costard, Referent des Oberbürgermeisters für emissionsfreie Mobilität, auf die zukunftsfähigen Unternehmen in Aachen-Nord hin.

Das DigitalHub in der DigiChurch St. Elisabeth – und damit auch Teil des Stadtteils Aachen-Nord – steht für einen anderen Zukunftsmarkt, auf den Deutschland und besonders Aachen aufspringen müsse, wie Geschäftsführerin Iris Wilhelmi anmahnte: „Die erste Welle der Digitalisierung – die Transformation der Kommunikation – haben wir bereits verschlafen. Die zweite Welle wird unser aller Wohlstandsindustrien wie den Maschinenbau und die Lasertechnik betreffen. Unsere Vision: Das Facebook für Maschinen soll aus Aachen kommen.“

Die digitalen Voraussetzungen dafür kommen ebenfalls aus Aachen. „Wir sorgen für massive Investitionen in den Glasfaserausbau für ein Quartier der kurzen Wege, aber mit einer zukunftssicheren Anbindung an die Welt“, meinte Andreas Schneider, Geschäftsführer von NetAachen GmbH.

„Ein beeindruckendes Ergebnis“, lautete schließlich das Fazit von Dieter Begaß, Fachbereichsleiter Wirtschaft, Wissenschaft und Europa der Stadt Aachen. „Aachen-Nord wurde im Projektantrag als nachteilig beschrieben. Aber auch wenn noch 200.000 Quadratmeter Fläche an der Jülicher Straße auf die Modernisierung warten, nachteilig sieht es hier nicht mehr aus.“

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