Aachen: Studenteninitiative "Second Light" und Caritas kooperieren

Wachsreste werden wiederverwendet : Neues Licht aus alten Kerzen

Diese Idee hat gezündet: In der Behindertenwerkstatt der Caritas in Monschau-Imgenbroich werden Kerzen aus alten Wachsresten gegossen, die in Aachener Restaurants, in Kirchen und von Privatleuten gesammelt und gespendet werden. Konzipiert wurde das Projekt „Second Light“ von einem Team der Aachener Studierendeninitiative Enactus.

Wahrscheinlich hat fast jeder in irgendeiner Schublade ein paar alte Kerzenreste liegen. Wegwerfen will man sie nicht, anzünden wird man sie wahrscheinlich auch nie wieder. Aus solchen Wachsresten, die sonst irgendwann im Müll landen würden, werden seit ein paar Monaten neue Kerzen hergestellt. Das Wachs kommt aus Aachener Restaurants, aus Kirchen und von Privatleuten. Die Kerzen werden in der Caritas-Behindertenwerkstatt in Monschau-Imgenbroich gegossen. Die zündende Idee für das Projekt „Second Light“ („Zweites Licht“) aber hatte eine Gruppe Aachener Studentinnen und Studenten, die sich in der Organisation Enactus engagieren. Die jungen Leute kümmern sich auch ehrenamtlich um die Organisation von „Second Light“.

Im Kern geht es bei Enactus um nachhaltige Zukunftsgestaltung. Die internationale Non-Profit Organisation will Studenten inspirieren, die Welt durch unternehmerisches Handeln dauerhaft zu verbessern. Enactus ist in 37 Ländern aktiv und mit fast 72.000 Studierenden eine der größten Studierendenorganisationen. In Deutschland engagieren sich rund 1700 junge Menschen an 35 Hochschulen. Enactus Aachen hat 130 aktive Mitglieder.

„Second Light“ sei regional, ökologisch und sozial ausgerichtet, sagen seine Erfinder. Um zu sehen, ob man aus Wachsresten relativ einfach neue Kerzen machen kann, musste das Team sich zunächst selbst in die Geheimnisse des Kerzengießens einarbeiten. „Die ersten Versuche haben wir mit einer aufgeschnittenen Müslipackung und einem alten Glühweintopf gemacht“, erinnert sich Projektleiter Lukas Bruhns. Und auch die Leute von der Caritas-Werkstatt mussten erst für „Second Light“ begeistert werden. „Anfangs war ich echt skeptisch“, gesteht der Imgenbroicher Betriebsleiter Franz-Josef Wilden. „Aber das Team hat mich überzeugt.“

Nach einer Probephase hat Wilden mit seinen Leuten in der Werkstatt mittlerweile eine kleine Produktionsstraße aufgebaut. Vier Leute arbeiten unter Anleitung von Gruppenleiterin Hermine Szpisjak in der Kerzengießerei. Derzeit sind Maren Koch, Jannick Mohr, Sonja Kather und Sarah Pardiglia die Kerzengießer. Und sie schaffen mittlerweile mehr als 100 Kerzen am Tag.

Auch Michael Doersch, Geschäftsführer der Caritas Betriebs- und Werkstätten GmbH, stand der Idee von „Second Light“ anfangs eher kritisch gegenüber. Doersch ist verantwortlich für aktuell 1327 Menschen mit Behinderungen in acht Caritas-Werkstätten an sechs Standorten in der Städteregion. Sein Job ist es, dass diese Menschen Arbeit haben, einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen können. An diesem Anspruch musste sich auch „Second Light“ messen lassen. „Wir wollen echte Teilhabe am Arbeitsmarkt“, betont Doersch, „es geht hier nicht um Teilhabe an einem Bastelnachmittag.“ Vom Potenzial der Kerzengießerei ist er mittlerweile längst überzeugt – und bereit, sich weiter zu engagieren. „Wir können Sammelkisten zur Verfügung stellen, und wir können die Wachsreste auch abholen“, bietet er an.

Bisher kümmern sich die jungen Ehrenamtler von Enactus um das Einsammeln der gebrauchten Kerzen und den Transport des „Rohstoffs“ nach Imgenbroich. Sie haben mehrere Läden in Aachen gewonnen, die die Kerzen verkaufen und auch Sammelstellen vorhalten, wo Privatleute ihre Kerzenreste abgeben können. Der Gewinn aus dem Verkauf der Kerzen komme wiederum der Arbeit der Caritas zugute, erläutert Anne Kloubert vom Aachener Enactus-Team.

„Second Light“ ist bei weitem nicht die einzige Idee, an der Enactus Aachen arbeitet. „Wir haben derzeit acht Projekte in ganz unterschiedlichen Stadien“, berichtet Vorstandsmitglied Yiam Liu. „Second Light“ aber sei eins von zweien, die bereits wirtschaftlich arbeiteten. Gerade hat die Werkstatt einen Großauftrag an Land gezogen: 450 Kerzen, alle in Rot. Man merkt: Die Vorweihnachtszeit rückt näher.

Die Caritas-Werkstatt könnte die Produktion bei Bedarf sogar erhöhen, sagt der Geschäftsführer – wenn genug Kerzenwachs angeliefert wird. Vor kurzem hat ein Hersteller dem Projekt eine ganze Tonne Wachs spendiert, aus einer fehlerhaften Charge. Aber solche Glücksfälle sind eher die Ausnahme. Eine größere Menge Wachs dürfte allerdings nach dem Weihnachtsingen am 22. Dezember am Aachener Tivoli zusammenkommen. Das Enactus-Team wird dann erstmals Sammelcontainer aufstellen, um die Kerzenreste einzusammeln und weiterzuverwerten. Im vergangenen Jahr versammelten sich im Stadion immerhin 25.000 Menschen mit Kerzen in der Hand zum Singen.

Und was haben die Mitglieder von Enactus von solch einem Projekt – außer einer Menge Arbeit? „Hier können wir etwas von dem, was wir im Studium lernen, in der Praxis anwenden“, sagt Anne Kloubert. Sie studiert an der RWTH Wirtschaftsingenieurwesen und findet es ungemein spannend, aus einer Idee ein kleines Unternehmen mitzuentwickeln. „Ein richtiges Start-up eben.“

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