Maas-Rhein-Kanal: Aachen sollte mal Hafenstadt werden

Maas-Rhein-Kanal: Aachen sollte mal Hafenstadt werden

Ein Hafen in Aachen — das wäre für viele Bewohner und Besucher wohl das I-Tüpfelchen in einer Stadt, die zwar viel zu bieten hat, der aber den vielen Quellen zum Trotz doch ein nennenswerter Wasserlauf fehlt. Was viele nicht wissen: Es hat im Laufe der Zeit immer wieder Gedankenspiele gegeben, Aachen ans Wasserstraßennetz anzuschließen und eine Verbindung von der Maas zum Rhein zu schaffen.

Schon die Römer sollen vor gut 2000 Jahren erstmals die Idee verfolgt haben, einen Kanal zwischen den beiden Flüssen zu bauen. Ob das stimmt, kann heute allerdings niemand belegen. Später sollen auch Franzosen und Spanier Gefallen an einem Kanal gefunden haben. Realistische Pläne aber ließen nachweislich Friedrich der Große und Anfang des 20. Jahrhunderts auch das Reichsverkehrsministerium ausarbeiten.

Letzteres plante in den Jahren 1926 bis 1935 einen Stichkanal vom Rhein nach Aachen, dem der Name „Westlandkanal“ gegeben wurde und der unterschiedlichen Varianten zufolge entweder nach Köln oder nach Düsseldorf geführt werden sollte.

Ein „Staatliches Vorarbeitenamt“ hatte seinerzeit über mehrere Jahre hinweg bereits die Wirtschaftlichkeits- und Kostenberechnungen durchgeführt sowie viele technische Problemlösungen erarbeitet, um eine „Schicksalsfrage für das Grenzgebiet“ zu klären, wie es damals hieß.

Doch dann kam der Krieg, und es sollte weitere zehn Jahre dauern, bis die Pläne für den Westlandkanal wieder aufgegriffen und zunächst vor allem von den Belgiern vorangetrieben wurden. Interessiert waren sie freilich nicht an einem Stichkanal, sondern an einer durchgehenden Verbindung von der Maas zum Rhein, um damit insbesondere eine schnelle Verbindung zwischen den Kohle- und Stahlzentren in Frankreich, Belgien und Deutschland herzustellen.

Auch das Aachener Revier erhoffte sich von dem möglichen Transport auf Wasserwegen einen wirtschaftlichen Aufschwung, wie die „Zeit“ noch im Jahr 1960 schrieb: „Vorteile brächte ein Westlandkanal vor allem dem Steinkohlenbergbau im Wurm-Revier und darüber hinaus der gesamten, weit verzweigten Wirtschaft im Aachener Raum (Braunkohlen-Bergbau, Hüttenindustrie, Kalkwerke usw.). Auch die Industrie im Gladbach-Rheydter und Neußer Gebiet würde davon profitieren.“

Schnellere Transporte

Darüber hinaus hätte der Kanal jedoch auch eine enorme Bedeutung für die gesamte westeuropäische Wirtschaft gehabt, zeigte sich der Autor damals überzeugt. Der geplante Großschifffahrtsweg galt als Voraussetzung dafür, das größer werdende Güteraufkommen sicher, rentabel und vor allem schneller transportieren zu können. Für die Schiffer hätten die Wege zwischen Deutschland, Frankreich und Belgien und zu den Nordseehäfen deutlich kürzer werden können.

Auf deutscher Seite hat sich daher nach dem Krieg auch der Westlandkanal-Verein unter Vorsitz von Hermann Heusch, dem damaligen Präsidenten der Aachener Industrie- und Handelskammer und späteren Oberbürgermeister, für den Bau stark gemacht.

Auf belgischer Seite wurde der Generalinspekteur für Brücken und Straßen, Leon Bonnet, mit der Trassenplanung beauftragt. Er sah eine Linienführung von Visé nach Aachen vor, wobei ein Höhenunterschied von 120 Metern überwunden werden sollte. Drei Schiffshebewerke sollten dafür gebaut werden, um den Zeitverlust für die Schiffe an Schleusen in Grenzen zu halten.

Richtung Neuss

Derweil erarbeiteten mehrere Professoren der RWTH Pläne für einen etwa 89 Kilometer langen Kanal von Aachen nach Neuss, die vier Hebewerke und drei Schleusen vorsahen. Die Europäische Verkehrsministerkonferenz hatte allerdings schon in den 1960er Jahren einer kürzeren Variante den Vorzug gegeben, die nördlich von Geilenkirchen in Richtung Neuss führen sollte. Sie sah zudem einen Stichkanal ins Aachener Industriegebiet mit einem Hafenbecken in Siersdorf vor.

Erst 1970 wurde das Projekt im Generalverkehrsplan des Landes endgültig abgelehnt. Letztlich überwog die Meinung, dass der Kanal unwirtschaftlich sei und „ein strukturelles oder allgemeinwirtschaftliches Interesse an einer solchen Verbindung nicht besteht“. Ärgerlich für die Aachener, die sich tatsächlich kurzzeitig mal Hoffnung machen konnten, Hafenstadt zu werden.

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