Aachen: Schülerlotsen dringend gesucht

Sicherer Schulweg: Als Schülerlotse bei Regen und bei Sturm parat

Sie stehen jeden Morgen mit Warnweste und Leuchtkelle parat, ob bei Sonne oder Sturm, bei Regen oder Schnee: Schülerlotsen. Die Verwaltung sieht die Stadt Aachen im Gegensatz zum Landestrend gut aufgestellt. Aktive Schulweghelfer suchen dennoch dringend Verstärkung.

Etwas verschlafen guckt das Mädchen schon unter dem Fahrradhelm mit den pinken Blumen hervor. Entsprechend lustlos schiebt sie ihren schwarzen Scooter über den Zebrastreifen auf die andere Straßenseite. Morgens um 7.40 Uhr unterwegs zu sein, das ist nicht jedermanns Sache. Auch nicht, wenn es „nur“ zur Grundschule geht. Mats hingegen ist hellwach. Mit einer gelben Warnweste ausgestattet und einer Leuchtkelle in der Hand, versucht er alles im Blick zu halten: vorbeifahrende Autos, Radfahrer, Busse. Und allen voran die Dutzenden Jungen und Mädchen, die den Branderhofer Weg Richtung Grundschule Am Höfling überqueren. „Mein Bus hält sowieso hier“, sagt der 13-Jährige und deutet auf die Haltestelle schräg hinter ihm. „Anstatt vorm Unterricht in der Schule rumzustehen, kann ich den Kindern auch als Schülerlotse helfen.“ Das macht Mats, der knapp 300 Meter entfernt die achte Klasse der Luise-Hensel-Realschule besucht, seit mehr als einem Jahr. Bei Sonne, bei Regen, bei Schnee. Wenn es morgens noch hell ist und vor allem jetzt, wenn es immer dunkler wird.

Dass Mats oder einer seiner neun Mitstreiter jeden Morgen pünktlich um 7.30 Uhr an der Ecke Branderhofer Weg / Im Gillesbachtal zur Stelle steht und den Schulweg der Grundschüler sichert, freut Ulrich Nellessen ganz besonders. „Jahrelang ist es uns nicht gelungen, Schülerlotsen zu finden“, bedauert der Schulleiter der Grundschule Am Höfling. Geändert habe sich das erst, als vor gut zwei Jahren ein Schüler an ebenjenem Zebrastreifen von einem Auto angefahren wurde. Der Schüler kam mit einem gebrochenen Bein davon, berichtet Nellessen. Ein trauriger Anlass mit positiven Auswirkungen. Denn nicht nur wurde die vor langer Zeit eingeschlafene Kooperation zwischen der Grund- und der Realschule in Sachen Schulweghelfer wieder aufgefrischt. Auch die Elternschaft wurde durch den Unfall aufgerüttelt.

Allen voran Ulrike Moormann. Fast ein Jahr lang besetzte die zweifache Mutter nach dem Unfall allein die Lotsenstelle an der Ecke Forster Weg / Luise-Hensel-Straße. Jeden Tag, bevor sie selbst zur Arbeit musste. „Das war ganz schön anstrengend“, sagt sie. Doch sie habe die Kinder nicht hängenlassen wollen. Mittlerweile besteht das Team aus drei Eltern, die sich abwechseln. „Da wir alle in Vollzeit arbeiten, kann es trotzdem immer wieder zu Ausfällen kommen.“ Deshalb sucht Moormann dringend weitere Freiwillige, die sich bereit erklären, einen Lotsendienst zu übernehmen – und wenn es nur einmal pro Woche ist. Denn: „Gerade diese Stelle ist für die Schüler sehr gefährlich“, sagt Moormann. „Die Kinder kommen aus allen Richtungen und werden hinter den parkenden Autos oft übersehen. Außerdem fahren hier viele Autos viel schneller als sie dürfen“, sagt die Innenarchitektin. Trotzdem sei es extrem schwierig, Freiwillige zu finden, die morgens eine halbe Stunde lang den Schulweg sichern. „Ich vermute, dass viele Eltern den zeitlichen Aufwand scheuen.“

Verstärkung ist immer willkommen: Sabrina Leenders (3.v.l.) koordiniert den Lotsendienst der Schüler der Luise-Hensel-Realschule. Sie wünscht sich, dass der Einsatz von Schülern wie (von links) Mats, Canan und Maike mehr Anerkennung erfährt. Foto: Andreas Steindl

Wie wichtig der Einsatz von Schülerlotsen am Morgen und am Nachmittag ist, ob bei Sonne oder Sturm, weiß auch Heinrich Brötz. „Die ehrenamtlichen Schulweghelfer machen den Schulweg für viele Kinder in Aachen ein Stück sicherer“, sagt der Leiter des Fachbereichs Kinder, Jugend und Schule. „Ohne die ehrenamtliche Unterstützung könnte ein derartiges Angebot nicht umgesetzt werden.“

Tipps für den sicheren Schulweg

Während sich landesweit immer weniger Menschen als Schülerlotsen engagieren, wie die Landesverkehrswacht NRW kürzlich mahnte, sieht die Verwaltung die Stadt Aachen diesbezüglich noch gut aufgestellt. So sind insgesamt 89 ehrenamtliche Schulweghelfer im Stadtgebiet an den Aachener Grundschulen tätig – wenn auch nicht jeden Tag. Neben der Luise-Hensel-Realschule ist auch das Anne-Frank-Gymnasium mit einer größeren Schülergruppe für die benachbarten Grundschulkinder aktiv. Von den 39 Aachener Grundschulen sind an 20 regelmäßig Schulweghelfer im Einsatz, sie betreuen insgesamt 31 Lotsenstellen. An sechs Schulen gibt es laut Verwaltung aktuell sieben Vakanzen.

Auf die Neustrukturierung der Aufwandsentschädigung, die die Stadt vor knapp drei Jahren aus steuer- und sozialversicherungsrechtlichen Gründung umgesetzt hat, sollen diese Vakanzen nach Ansicht der Verwaltung indes nicht zurückzuführen sein. Im Gegenteil, die Anzahl der Schulweghelfer sei in den vergangenen Jahren sogar gestiegen. Und das, obwohl damals einige langjährige Helfer aus Verärgerung das Handtuch warfen, weil die Stadt nicht mehr nach dem tatsächlichen Zeitaufwand „entschädigte“, sondern eine Pauschale einführte – und dadurch einige Schulweghelfer weniger Geld erhielten. Aktuell erhalten Schülerlotsen für jede wöchentliche Einsatzzeit eine Aufwandsentschädigung von zehn Euro im Monat. Stehen sie beispielsweise jeden Wochentag vor Schulbeginn mit Warnweste und Leuchtkelle bereit, erhalten sie 50 Euro im Monat. Sind sie zusätzlich noch nach Unterrichtsschluss im Einsatz, erhöht sich die Pauschale auf 100 Euro. Schüler- und Elterngruppen, die die Dienste untereinander aufteilen, teilen sich dementsprechend auch die Aufwandsentschädigung. Im städtischen Haushalt sind für die Aufwandspauschalen 35.000 Euro berücksichtigt. Für die Ausstattung (Jacken, Kellen), die teils durch die Stadtverwaltung und teils durch die Verkehrswacht Aachen erfolgt, sind 2000 Euro Haushaltsmittel vorgesehen.

Sabrina Leenders findet dennoch, dass der Einsatz der Schulweghelfer „viel zu wenig gewürdigt“ wird. Deshalb spendiere der Förderverein der Luise-Hensel-Realschule zweimal im Jahr einen Ausflug für die lotsenden Schüler. Immerhin: Im nächsten Jahr soll wieder der feierliche Empfang der Schülerlotsen im Weißen Saal des Rathauses stattfinden, heißt es aus der Verwaltung. Dieser war dieses Jahr wegen personeller Engpässe ausgefallen.

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