Aachen: Schlüsseldienste verschleiern Wucherpreise

Trickbetrüger in Aachen : Bis zu 2500 Euro für Schlüsseldienst bezahlt

Das klingt nach Schnäppchen: „Schlüsseldienst Aachen ab 5 Euro“ liest Gerda B. im Internet. Die Seniorin steht gerade mit ihrem Mann an der Eupener Straße vor ihrer verschlossenen Haustür – Schlüssel drinnen vergessen.

Es ist Donnerstagabend, 8. November. Übers Smartphone ist der Kontakt zum ersten verheißungsvollen Notdienst eines anscheinend lokalen Schlüsseldienstes schnell hergestellt. Der rückt auch flott an, öffnet die Tür und baut ein neues Schloss ein. Dann der Schock. Die beiden Männer präsentieren ihre Rechnung: 1470,72 Euro. Für etwas Material und eine knappe Stunde Arbeitsaufwand. „Spätestens jetzt hätten natürlich die Alarmglocken läuten müssen“, sagt Rechtsanwalt Michael Janßen. Dem Aachener Juristen liegen derzeit etliche Fälle mutmaßlicher „Schlüsseldienst-Abzocke“ vor. Alle aus diesem November.

„Wer eine Rechnung von über 250 Euro außerhalb der normalen Geschäftsöffnungszeiten an der Haustür bezahlen soll, obwohl vorher geringere Tarife versprochen waren, sollte direkt die Polizei anrufen. Solche Preise für eine Türöffnung und den Austausch eines Schlosses sind in der Regel überhöht“, sagt Janßen.

Gerda B. und ihr Mann riefen erst mal nicht die Polizei. Sie zahlten noch an der Haustüre über ein mobiles EC-Karten-Gerät den geforderten Betrag. Eingeschüchtert. Erst später kam ihnen der Begriff „Wucher“ in den Sinn. Doch das Geld ist weg. Das schilderten sie ihrem Anwalt, stellten Strafanzeige bei der Polizei.

Aber: Auf der Rechnung des Schlüsseldienstes – der übrigens seinen Geschäftssitz in Essen hat und über eine erst auf den zweiten Blick identifizierbare Schlüsseldienstvermittlungsfirma beauftragt wurde – ließen sich die vermeintlichen Helfer folgenden Satz per Unterschrift quittieren: „Ich bestätige außerdem, dass ich mich in keiner Notlage nach § 291 Strafgesetzbuch befunden habe.“ Wucher ist nämlich nur eine Straftat, wenn man Menschen in Notlagen ausnutzt. Ansonsten ist quasi jedes Haustürgeschäft frei aushandelbar – so hoch und unverschämt der Preis auch sein mag.

Die Vorgehensweise hat Methode

Trotzdem geht Janßen gegen die dreisten Handwerker juristisch vor. Denn die Opfer seien offensichtlich bedrängt worden, die überhöhte Wucherrechnung noch vor Ort direkt zu begleichen, erklärt er. Diese Vorgehensweise hat offenbar Methode. Und alle Hinweise führen in die Essener Region, von dort werden die Monteure in vielen deutschen Städten mobilisiert. Auch in Aachen. „Die unseriösen Schlüsseldienste werden immer dreister. In jenem Fall verlangte der durch schlossauf.de unter einer 0800-Rufnummer vermittelte Schlüsseldienst Key Service UG aus Essen besagten Betrag in Höhe von 1470,72 Euro. In einem anderen Fall verlangte der vermittelte ,Schlüsselnotdienst und Einbruchschutz AJ’ einen Betrag in Höhe von 2550 Euro für seine Arbeit.“ Auf Anfrage unserer Zeitung erklärten die Unternehmen, dass „die Monteure vor Ort für die Rechnungsstellung eigenverantwortlich zuständig“ seien. Weitere Auskünfte zu den offenkundig astronomisch hohen Rechnungen gab es nicht. Auch nicht dazu, warum scheinbar lokale Schlüsseldienste aus Aachen auf ihren Rechnungen mit Essener Adressen auftauchen.

Janßen betont: „Wir empfehlen, keine 0800-Rufnummern zu wählen und nur Schlüsseldienste zu nehmen, über die man weiß, dass diese wirklich in Aachen ihr Geschäft haben. Überdies empfehlen wir, Rechnungen, auf denen man unterschreiben muss, abzulehnen. Und natürlich sollte man einen Preis über 250 Euro nicht sofort – weder in bar noch per EC-Karte – zahlen.“ Dazu rät auch Tobias Hundeshagen, Geschäftsführer des Aachener Haus- und Grundbesitzervereins: „Finden Sie vor der Beauftragung eine fixe Kostenregelung! Wohnort und Art der verschlossenen Tür können telefonisch geklärt werden. Deshalb können seriöse Anbieter auch immer einen fixen Preis nennen“, erläutert er.

Die Aachener Polizei hat immer wieder mit derlei Abzockmethoden zu tun. Wobei die Ermittlungen nicht allzu schwierig sind, aber die Rechtslage zuweilen ungünstig für die Opfer ist. „Wir raten dazu, sofort die Polizei zu verständigen, wenn sich jemand von einem Schlüsseldienst unter Druck gesetzt fühlt – zum Beispiel weil die Rechnung plötzlich viel zu hoch erscheint“, sagt Polizeisprecher Andreas Müller. „Rufen Sie die Polizei, dazu sind wir da“, betont er. Sonst kann’s teuer werden. Und die Übeltäter sind – wie im Fall Gerda B. – kaum zu schnappen.

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