Aachen: Prozess um Tod einer Radfahrerin

Prozess um Tod einer Radfahrerin : Fünf Zeugen, fünf Versionen eines tödlichen Unfalls

Vor eineinhalb Jahren starb am Aachener Hansemannplatz eine Radfahrerin, weil ein Bus sie beim Rechtsabbiegen überrollte. Jetzt wird vor Gericht die Schuldfrage erörtert. Doch auch am zweiten Prozesstag zeigte sich, wie unterschiedlich Zeugen einen Unfall wahrnehmen können.

Befand sich die Radfahrerin kurz vor ihrem Tod vor, neben oder hinter dem Bus? Fuhr oder stand sie gar links oder rechts vor der Windschutzscheibe? Fuhr sie von hinten ungebremst in den abbiegenden Bus hinein? Oder wurde sie von diesem abgedrängt, bis es zum Unfall kam? Und hat sie vielleicht sogar vorher schon auf der abschüssigen Monheimsallee den Bus überholt, obwohl dieser dort mit 50 Stundenkilometern unterwegs war?

Die kleine Auswahl von Zeugenaussagen zeigt, dass es auch am zweiten Prozesstag nicht einfacher geworden ist aufzuklären, was an jenem 27. April 2017 gegen 15.30 Uhr auf der Kreuzung Monheimsallee genau passiert ist. Trauriger Fakt ist, dass dort an jenem Tag eine 29-jährige Radfahrerin starb, weil sie von einem Linienbus der Aseag überrollt wurde. Aber wie geschah dies genau, und hat der 41-jährige Busfahrer, der wegen fahrlässiger Tötung angeklagt ist, diesen Tod zu verantworten? „Ich weiß nicht, wie es passiert ist, aber irgendwie“ sei die Frau plötzlich unter dem Bus gewesen, sagt eine Zeugin an diesem Freitagmorgen vor dem Aachener Amtsgericht aus. Ein Satz, der ziemlich gut zu diesem Prozess passt, in dem nach wie vor viele Fragen offen erscheinen.

Dabei können Richter, Staatsanwalt, Nebenkläger, Gutachter, Verteidiger, Angeklagter und die zahlreichen Besucher diesmal durch fünf Zeugen aus den verschiedensten Perspektiven einen Blick auf den tragischen Unfall werfen. Zwei Autofahrer, ein Radfahrer, eine Fußgängerin und eine Insassin des Unfallbusses sagen aus, doch machen die unterschiedlichen Blickwinkel die Sache offenkundig nicht einfacher. Da ist zum Beispiel die 21-jährige Auszubildende, die in der Mitte des Busses stand und nach eigenen Angaben freie Sicht durch die Frontscheibe hatte. Dort habe sie „eher auf der Fahrerseite“ – also links – die Radfahrerin vor dem Bus gesehen, erinnert sie sich. Und der Bus habe diese dann beim Unfall am Hinterrad berührt. Bloß: Bei der Polizei hatte die Zeugin kurz nach dem Unfall ausgesagt, die Radfahrerin sei unten rechts in der Frontscheibe sichtbar gewesen...

Und da ist zum Beispiel eine 23-jährige Frau, die an der Ecke Monheimsallee/Peterstraße an der Fußgängerampel auf Grün wartete. Sie erinnert sich, aus den Augenwinkeln gesehen zu haben, dass die Radfahrerin neben dem Bus fuhr, was auch einige andere Zeugen schon ausgesagt haben. Aber sie spricht auch von einem Gelenkbus – es war definitiv keiner – und davon, dass die Radfahrerin vom Hinterrad des Busses überrollt wurde: „Da bin ich mir sicher.“ Dabei gehört es zu den wenigen gesicherten Fakten, dass es das Vorderrad war. So steht es auch in der Anklage.

Mancher im Publikum schüttelt angesichts solcher Zeugenaussagen den Kopf. Doch sollte sich jeder selber einmal hinterfragen, an welche Details man sich nach eineinhalb Jahren noch zweifelsfrei erinnern kann. Zumal manche, die an diesem Morgen aussagen, Dinge gesehen haben, derer wohl kaum jemand Zeuge werden möchte. „Ich habe lange gebraucht, Abstand zu gewinnen, und jetzt kommt alles wieder hoch“, sagt eine 67-jährige Rentnerin, die den Unfall hinter dem Steuer ihres Autos miterlebte. „Ich habe noch niemanden sterben sehen“, sagt die Fußgängerin, vor deren Augen der Bus die Frau überrollte. Sie erinnert sich auch noch gut daran, dass „ein Mann Leute anbrüllte, weil sie ihre Handys zückten, um zu fotografieren“. Dass solche verstörenden und traumatischen Bilder eher im Kopf haften bleiben und die Erinnerung an Details möglicherweise überdecken, ist wohl menschlich – erschwert die Wahrheitsfindung vor Gericht aber ungemein.

Wobei die Suche nach der Wahrheit in diesem Prozess nicht immer in der nötigen Öffentlichkeit stattfindet. Da praktisch alle Zeugen vorne am Richtertisch vernommen werden und dort auf einem großen Luftbild ihre Sicht des Unfalls nachstellen sollen, bleiben die Beobachter oft außen vor – optisch und teils auch akustisch. Denn auch die Mikrofonanlagen im modernen Justizzentrum sind keine Hilfe. Am ersten Tag waren die Mikros defekt, am zweiten Tag probiert man sie gar nicht erst aus.

Mehr Klarheit kann man sich allerdings vom nächsten Verhandlungstag am 27. November (9 Uhr, Saal A.1019, Justizzentrum) versprechen. Denn die Zeit der Zeugen ist vorbei, der Gutachter hat dann das Wort. Eugen Babilon, Sachverständiger für Verkehrsunfälle aus Alsdorf, wird dann vermutlich eine Antwort haben auf die zentrale Frage des Prozesses, ob der Busfahrer die Radfahrerin hätte sehen können und müssen – und ihren Tod mit mehr Sorgfalt vielleicht hätte verhindern können.

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