Aachen: Prozess nach Amokfahrt

Amokfahrt in der Pontstraße : Die Türsteher retteten den Kamikaze-Fahrer

Am 30. Dezember 2017 war ein mutmaßlicher Amokfahrer mit seinem Mini in die Pontstraße gefahren, hatte dabei Passanten verletzt und war anschließend selbst zum Opfer massiver Gewalt geworden. Der Fall wird seit drei Tagen vor dem Aachener Schwurgericht verhandelt. Nach den Befragungen am Montag ist klar: Die Wahrnehmung der Tatbeteiligten ist höchst unterschiedlich.

Eine verhängnisvolle Verkettung von Umständen, eine erhebliche Menge Alkohol und enthemmte Brutalität führten kurz vor dem Jahreswechsel 2017 auf 2018 in der Pontstraße spät nachts zu einer mutmaßlichen Amokfahrt. Weitere Folge: Es kam zu einer maßlosen Gewaltanwendung gegen den Fahrer, der, als er gestoppt wurde, um sein Leben fürchten musste.

Der Fahrer war zunächst mit seinem Mini in die Milchstraße gedonnert, hatte hier Passanten verletzt, war dann die Pontstraße hochgefahren und mit einem Crash im Eingang eines libanesischen Restaurants an der Ecke Friesenstraße gelandet. Dort fiel er dann dem aufgebrachten Mob in die Arme.

Genau deswegen mündete die ganze Geschichte in einer Anklage wegen versuchten Totschlags, die jetzt seit drei Tagen vor dem Aachener Schwurgericht unter Vorsitz von Richter Roland Klösgen verhandelt wird. Jedenfalls einem der vier Angeklagten wird der gravierende Vorwurf eines versuchten Totschlags zur Last gelegt. Die jungen Männer aus Eilendorf im Alter zwischen 25 und 28 Jahren sollen den mutmaßlichen Amokfahrer gemeinsam aber auch unter Mitwirkung noch weiterer Pontstraßen-Nachtschwärmer gegen 3.15 Uhr am Morgen des 30. Dezember 2017 geschlagen, getreten und erheblich verletzt. Der Grund: Er hatte mindestens zwei von ihnen angefahren.

Die Zeugenvernehmungen vom Montag zeigten eines ganz ganz deutlich: In solchen Verfahren mit einem vielschichtigen Tatgeschehen unter Beteiligung vieler Menschen ist die Wahrnehmung der einzelnen Befragten in höchstem Maße unzuverlässig, verständlicherweise vor allem nachts und bei hohen Alkoholpegeln.

Tat ist nicht strittig

Im vorliegenden Fall ist überhaupt nicht die Tat an sich strittig, denn der vor dem Schwurgericht angeklagte mutmaßliche Haupttäter gibt zu, an der Aktion beteiligt gewesen zu sein. Dies aus guten Gründen – man habe schließlich den Fahrer stoppen wollen, der zudem gerade im Begriff gewesen sei, vor dem libanesischen Restaurant einen Freund, der bereits leblos hinter dem Amok-Mini lag, zu überfahren.

Am Montag nun hatte eine Reihe von Zeugen das Sagen, die entweder damals zufällig vor Ort waren oder beruflich in umliegenden gastronomischen Betrieben ihren Dienst versahen. So waren es insbesondere Türsteher mit auch im Gerichtssaal nicht zu versteckenden umfänglichen Oberarmmuskeln und breiten Schulterblättern, die damals dem gefährlichen und im Übrigen ebenfalls erheblich betrunkenen Kamikaze-Fahrer zu Hilfe gekommen waren. Lobenswert, denn anders hätte er es womöglich nicht überlebt.

So berichtete ein Mitarbeiter der gegenüber dem Tatort gelegenen Shisha-Bar, er habe den Knall gehört und dann gesehen, was sich dort zutrug: Der Fahrer sei aus dem Wagen gezerrt und dann auf dem Boden liegend brutal misshandelt worden, bis er eben mit seiner natürlichen Respekt einflößenden Körperausstattung die Sache beendet habe. Denn er habe den Haupttäter, der immerzu mit einer silbernen Kette um die Hand auf das Opfer eingeschlagen habe, zu Boden gebracht und fixiert. Da sei Ruhe gewesen. Der mutmaßliche Amokfahrer nutzte dies, um mit dem Mini endgültig zu fliehen.

Ausschweifende Aussagen

Andere Türsteher, deren ausschweifende Aussagen zu kanalisieren der Vorsitzende Richter oftmals erhebliche Mühe hatte, zeichneten ein insgesamt ähnliches Bild des Nachtgeschehens, das allerdings bei der Kernfrage „wer hat wem und wann welche Schläge und Tritte“ zugefügt kaum weiterführte. Zu lang her war das Geschehen, zu dunkel war es, um Gesichter zu erkennen und zu dynamisch der Ablauf, um jede Einzelheit korrekt zuzuordnen. Ein generelles Dilemma der menschlichen Zeugenaussage.

Inzwischen hat sich auch der Fahrer eingelassen, der alles in Gang setzte. Er selber, so sagte er in dem Verfahren gegen seine Person, habe seinen Ehestreit in Alkohol ertränken wollen und sei zwischen streitende Betrunkene vor dem Club Apollo geraten. Man habe ihn beleidigt, geschlagen und am Ende eine Flasche über den Kopf gezogen. Er habe arg geblutet. Dann sei es mit ihm durchgegangen und er habe seinen Mini, der in der Nähe parkte geholt, dann folgte das Nachtdrama an der Friesenstraße. Der Prozess geht am  Mittwoch weiter.

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