Aachen: Polizisten zerren Unschuldige aus Autos und verhaften sie

Offenbar Verwechslung : Polizisten zerren Unschuldige aus Autos und verhaften sie

Nachdem zwei unschuldige Aachener Taxifahrer aus ihren Autos gezerrt und verhaftet wurden, führt die Polizeibeschwerdestelle nun Verfahren gegen eigene Beamte. Die deutschen Taxifahrer iranischer Herkunft wurden offenbar verwechselt.

Warum zwei unbescholtene Aachener Bürger von Polizisten überwältigt in Handschellen landeten und eine Nacht in der Zelle verbringen mussten, wird nun juristisch aufgearbeitet. Die beiden Deutschen iranischer Herkunft, Kazim R. und Samir F. (Namen geändert), drängen auf Schadenersatz und vor allem eine formvollendete Entschuldigung der Polizei – worauf sie laut Rechtsanwalt Mathias Steinmetz seit Monaten warten. Offenbar handelte es sich nämlich schlichtweg um eine Verwechslung ...

Was ist passiert? Taxifahrer Kazim R. wollte sein Auto am 17. Januar dieses Jahres in einer Hobbywerkstatt in Wurmbenden reparieren lassen. Er rief seinen Chef, Samir R., an. Man verabredete telefonisch, sich später an der Werkstatt zu treffen, um den Schaden gemeinsam begutachten zu können.

Doch dazu kam es nicht. Als Kazim R. sein Taxi an jenem Abend am Werkstattgelände vorbeisteuerte, tauchten plötzlich mehrere Streifenwagen auf. „Unser Mandant kam sich vor wie in einem schlechten Film“, so Steinmetz. Polizeibeamte sprangen mit vorgehaltenen Schusswaffen aus den Fahrzeugen, zerrten Kazim R. aus dem Taxi. „Man warf ihn auf den Boden, legte ihm Handschellen an“, schildert der Anwalt.

Bei Außentemperaturen kurz oberhalb des Gefrierpunktes musste er bäuchlings auf dem Asphalt ausharren, bis man ihn schließlich ins Polizeipräsidium transportierte. Dort musste er sich nackt ausziehen, wurde „erkennungsdienstlich“ behandelt, dann in eine Zelle geworfen. Niemand habe ihm erklärt, worum es überhaupt gehen sollte, sagt er. Gegen 3.30 Uhr am frühen Morgen wurde er aus der Haft entlassen, sein Taxi könne er später abholen, hieß es.

Da ahnte Kazim R. nicht, dass sein Chef, Taxi-Unternehmer Samir F., schon in einer Nachbarzelle saß. Auch er war etwas später am Vorabend von Polizeikräften, ebenfalls mit geladenen Schusswaffen in den Händen, überwältigt worden. Auch er wurde aus seinem Auto gezerrt, mit Handschellen gefesselt und in eine Zelle des Präsidiums gebracht. Allerdings weigerte er sich, sich erkennungsdienstlich behandeln zu lassen. Auch ihm erklärte offenbar niemand der Beamten, wo-
rum es geht und was ihm zur Last gelegt wird. Samir F. wurde ebenfalls in den frühen Morgenstunden aus dem Gewahrsam entlassen. Sein Auto sei sichergestellt worden, hieß es. Er werde von der Behörde hören, teilte man ihm mit.

Das Einzige, was Samir F. und Kazim R. Monate später von der Behörde, genauer der Staatsanwaltschaft, hörten, war: Die Strafverfahren gegen beide wurden eingestellt. Was dies überhaupt für Strafverfahren waren, was ihnen vorgeworfen werden sollte, warum die Verfahren überhaupt angestrengt wurden etc., erfuhren die Taxi-Chauffeure Samir F. und Kazim R. nicht.

Allerdings laufen nun einige andere Verfahren – zum Beispiel gegen die Polizeibeamten, die vor Ort einigermaßen rabiat zur Sache gingen. Die Verfahren gegen die Beamten werden vom Beschwerdemanagement der Aachener Polizei geführt, wie die Pressestelle des Aachener Präsidiums auf Anfrage unserer Zeitung bestätigte. Die Vorwürfe der beiden festgenommenen Opfer bleiben bislang unwidersprochen.

Möglicherweise gerieten die beiden unschuldigen Bürger im Zuge einer größer angelegten Razzia mit in den Kreis von Tatverdächtigen im Umfeld der Hobbywerkstätten an Wurmbenden. Dass dort gegen verschiedene Personen, die im Kfz-Handel aktiv und mit Autoreparaturen befasst sind, wegen diverser strafrechtlich relevanter Vorwürfe seit längerer Zeit ermittelt wird, gilt als wahrscheinlich. Offiziell bestätigt wird dies aber derzeit nicht.

Die beiden Betroffenen tröstet das allerdings nicht. „Das Verhalten der Polizeibeamten war in keiner Weise gerechtfertigt oder begründet. Unsere Mandanten haben materielle und immaterielle Schäden durch den Einsatz der Polizeibeamten erlitten“, erklärt Anwalt Steinmetz. Eine offizielle Entschuldigung habe es ebenfalls noch nicht gegeben – obwohl Samir F. und Kazim R. nachweislich nichts vorgeworfen wurde und wird.

Ärztlich attesiert wurden unter anderem ernste Schlafstörungen seit besagter Nacht: „Unser Mandant hatte Todesangst, als er in die gezückten und geladenen Waffen der Polizisten schauen musste“, erläutert Steinmetz. Er hat die Polizeibehörde schon vor geraumer Zeit schriftlich aufgefordert, sich zum Thema Schadenersatz zu äußern. Auch Polizeipräsident Dirk Weinspach hatte der Anwalt persönlich eingeschaltet – bislang ohne Erfolg.

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