Aachen: Pläne für Aachens erste Rad-Vorrang-Route

Radverkehr : Bismarckstraße: Pkw-Verkehr muss Pedaltretern weichen

Aachens erste Rad-Vorrang-Route nimmt Gestalt an – wenn auch bisher nur auf dem Papier. Jetzt legt die Verwaltung ihre Pläne für die Bismarckstraße vor. Je nach Variante könnten dort etliche Parkplätze wegfallen. Der Pkw-Verkehr muss in jedem Fall reduziert werden.

Für die Verkehrsplaner ist es das fehlende Glied in einer „Fahrradstraßenkette“: Nachdem die Politik bereits in Lothringer-, Schloss- und Beverstraße eine solch weitreichende Maßnahme zum Schutz des Radverkehrs beschlossen hat, soll nun auch die Bismarckstraße folgen. So soll nach und nach Aachens erste Rad-Vorrang-Route entstehen – oder besser gesagt: die ersten beiden. Denn die hier skizzierte Streckenführung aus der Innenstadt hinaus in den Aachener Osten ist Teil gleich zweier Rad-Vorrang-Routen, die sich erst hinter dem Frankenberger Viertel in Richtung Eilendorf und Brand auftrennen.

Für die Bismarckstraße stehen damit zwischen der Schlossstraße und der Drimbornstraße einige Veränderungen an, die insbesondere die Autofahrer betreffen. Denn in einer Fahrradstraße ist der Radverkehr die vorherrschende Verkehrsart, der Pkw-Verkehr ist nur ausnahmsweise zugelassen und darf den Radverkehr nicht behindern oder gefährden. Wie die Verkehrsplaner diese Ziele erreichen wollen, präsentiert die Verwaltung in der nächsten Woche am Mittwoch in der Bezirksvertretung Aachen-Mitte und am Donnerstag im Mobilitätsausschuss. Die Politik hat dann die Wahl zwischen drei Varianten einer Fahrradstraße.

In der ersten bleibt zumindest für parkende Pkw alles so, wie es heute ist. Da sich die bereits heute nutzbare Fahrbahnbreite laut Verwaltung „optimal“ für die Umsetzung einer Fahrradstraße eignet, würden bereits Markierungen im Bestand ausreichen: Dann hätte man eine Fahrgassenbreite von 4,50 Metern nebst zwei Sicherheitstrennstreifen von 0,75 Metern zu den Parkplätzen – und fertig wäre die Fahrradstraße.

Allerdings sind in diesem Bereich der Bismarckstraße auf der nördlichen Straßenseite 125 der insgesamt 191 Parkplätze als Schrägparken markiert, was Konflikte zwischen rückwärts ausparkenden Fahrzeugen und Radfahrern provoziert. Zur Minimierung dieser Gefahr dienen die Sicherheitstrennstreifen, doch laut Verwaltung könnte man die Sicherheit für den Radverkehr noch weiter erhöhen, wenn man das Schrägparken durch Längsparken ersetzt. Dann gewänne man auch viel Fläche, um die Bürgersteige zu verbreitern, womit man die Aufenthaltsqualität – auch durch Ausweitung der Außengastronomie – erhöhen könnte. Bloß: Erstens würde ein solch umfangreicher Umbau viel Geld kosten, und zweitens fiele fast jeder vierte Parkplatz in der Bismarkstraße weg – nämlich 46 von 191. Und dies in einem Bereich der Bewohnerparkzohne „V“, in dem diese Parkplätze in den Abend- und Nachstunden laut Verwaltung „voll ausgelastet“ sind...

Auch die dritte Variante sieht den Wegfall der Parkplätze vor, verzichtet aber auf den großen Umbau, was zu einer breiteren Fahrbahn führt. Das Problem dabei: Erfahrungsgemäß provoziert dies bei Autofahrern schnelleres Fahren und häufigeres Überholen, weshalb man wieder gegensteuern müsste, beispielweise mit einem gepflasterten Mittelstreifen.

Doch auch wenn die Politik unter diesen Varianten die richtige Wahl trifft, reicht das noch nicht aus. Denn auf der Bismarckstraße sind schlicht zu viele Autos unterwegs, weil sie von vielen als Schleichweg benutzt wird, um die Hauptverkehrsachse Oppenhoffallee zu umfahren. Spitzenwerte von 520 Kraftfahrzeugen pro Stunde wurden gezählt, maximal 400 sollten es in Fahrradstraßen sein. Also müssen zusätzlich verkehrslenkende Maßnahmen her, von denen die Planer ein ganzes Bündel vorschlagen: Dazu gehört ein Einfahrverbot für Kraftfahrzeuge aus Richtung Zollernstraße in die Schlossstraße ebenso wie eine Sperrung der Bismarckstraße für Autos in Höhe des Neumarkts. Auch werden Einfahrverbote in die Bismarckstraße von der Viktoriaallee aus und sogar eine komplette Unterbrechung der Verkehrsbeziehung für Kfz in Höhe der Viktoriaallee zur Diskussion gestellt, um den Schleichweg unattraktiv zu machen.

Doch bevor es zu solch weitreichenden Veränderungen kommt, wird noch viel Autoverkehr ungehindert durch die Bismarckstraße fließen. Denn die von den Planern zitierte „Fahrradstraßenkette“, die Aachens erste Rad-Vorrang-Route bilden soll, ist bislang reine Fiktion – und wird es auch noch eine ganze Weile bleiben. Der „Lückenschluss“ in der Bismarckstraße beispielsweise kann laut Verwaltung erst angegangen werden, wenn dort anstehende Leitungs- und Kanalarbeiten beendet sind, und das dürfte frühestend Mitte 2021 der Fall sein. Damit wird Aachens erste von zehn geplanten Rad-Vorrang-Routen wohl frühestens im Jahr 2022 Realtität – rund fünf Jahre nach dem Grundsatzbeschluss, den die Politik Mitte 2017 unter dem Eindruck eines tödlichen Unfalls einer Radfahrerin am Hansemannplatz fasste.

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