Aachen: Pfarrer Franz-Josef Radler im Wochenendinterview

Wochenendinterview : „Das Feuer der Seelsorge brennt noch in mir“

Franz-Josef Radler gibt die Führung von „Franziska von Aachen“ in jüngere Hände. Aber er sieht noch viele große Herausforderungen. Im Samstagsinterview zieht er Bilanz als erster Leiter des großen Gemeindeverbunds „Franziska von Aachen“ und blickt als Seelsorger weiter nach vorn.

Franz-Josef Radler ist ein Eisenbahn-Fan und als Mitglied der Oecher Börjerwehr ein eingefleischter Karnevalist. In erster Linie ist er allerdings Priester. Als solcher geht er Ende November in den Ruhestand. Halt! Das stimmt nicht ganz: „Ich bin in den Verwaltungsruhestand gegangen. Das Feuer der Seelsorge brennt noch in mir“, versichert er im Gespräch mit Rauke Xenia Bornefeld. Der großen Innenstadt-Pfarre „Franziska von Aachen“ hat er lange als Seelsorger und Verwaltungsvorstand gedient. Jetzt beginnt für den 68-Jährigen ein Exkursionsjahr. Ob er sich danach noch einmal im Bistum fester einbringt, macht er auch vom den kommenden Strukturveränderungen abhängig.

Zunächst zu aktuellen Ereignissen: Was sagen Sie zu den Vorwürfen der Wahlmanipulation im Rahmen der Kirchenvorstandswahlen in Franziska von Aachen?

Radler: Eine Beurteilung der Ereignisse steht mir nicht mehr zu. Aber ich möchte die Bitte meines Kollegen, Pfarrer Dr. Claus Wolf, dringend unterstützen, in unserem Miteinander immer nach konstruktiven Wegen für eine gemeinsame Zukunft zu suchen. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Sie sind seit fast 40 Jahren Priester. Wie war Kirche 1979, und wie ist sie heute?

Radler: Kirche 1979 war stärker als heute vom Aufbruch im Nachklang des II. Vatikanums und der Würzburger Synode bestimmt. Räte und Gremien standen hoch im Kurs, die Pfarreien waren deutlich überschaubarer. Ich hätte nicht gedacht, dass ich nach 40 Jahren Pfarrer einer Pfarrei mit 18 000 bis 19 000 Gläubigen sein würde. Sieben Pfarreien wurden zusammengefasst.

Waren Sie überrascht, wie sich Kirche in der Zeit verändert hat?

Radler: Überrascht, aber teilweise auch etwas traurig, weil solche Strukturen entstanden sind, um mit den Problemen, vor allem dem Priestermangel, umzugehen. Die personellen Hintergründe waren und sind meines Erachtens ausschlaggebender als die finanziellen.

War die Zusammenlegung die einzige Möglichkeit?

Radler: Das kann ich schwer sagen. Die Entwicklung hat durchaus eine gewisse Logik, wenn man sie von der Warte des Priestermangels aus betrachtet. Die Frage ist, ob die heutige Struktur durch neue, sagen wir basisgemeindliche Elemente noch eine andere Farbe bekommen kann.

Wie viele Priester tun in der Gemeinschaft der Gemeinden „Franziska von Aachen“ ihren Dienst?

Radler: Wir waren bis Ende Oktober zwei Priester in der Hauptverantwortung und konnten zwei priesterliche Mitarbeiter heranziehen. Heute liegt die Hauptverantwortung bei nur einem Priester.

Viel größer als „Franziska von Aachen“ kann eine Gemeinde doch kaum mehr werden.

Radler: Ich wette, dass sie noch größer werden. Denn wenn Bischof Dieser 2021 den Dialog- und Veränderungsprozess abgeschlossen hat, bin ich sicher, dass wir nicht mehr mit den 71 Gemeinschaften der Gemeinden hinkommen, sondern dass sich diese Zahl noch deutlich reduzieren wird. Das Vorbild ist im Bistum Trier zu sehen, wo aus fast 700 Pfarren 35 gemacht wurden. Dort ist ganz Saarbrücken eine Pfarrei, ganz Trier eine, ganz Koblenz eine. Und unser Bischof kommt aus dem Bistum Trier… (lacht).

Sie haben mit 29 Jahren die Priesterweihe empfangen. Vorher waren Sie Lehrer.

Radler: Ja, ich habe meine Ausbildung im Priesterseminar begonnen, habe noch Geografie dazu studiert. Nach dem Theologie-Diplom und Geografie-Staatsexamen habe ich mein Referendariat am Couven-Gymnasium absolviert.

War für Sie von vornherein klar, dass Sie Priester werden?

Radler: Eine Tendenz war schon da, aber ich wollte ein zweites Standbein haben. Erst vor der Assessorprüfung habe ich mich endgültig für den Priesterberuf entschieden. Es war ein längerer Weg, aber ich habe es nie bereut.

Was war der Auslöser für diesen Weg?

Radler: Ich glaube, dass ich als Priester meine Fähigkeiten und Charismen am besten einsetzen kann in der Verkündigung und in der Begleitung von Menschen zu guten wie zu schweren Anlässen. Das erfüllt mich mehr, als Lehrer zu sein.

Was sind denn Ihre herausragenden „Charismen“?

Radler: Ich bin vorsichtig, mich selbst zu bewerten. Aber ich denke, ich kann Menschen zugewandt sein. Angehörigen von Verstorbenen, Brautpaaren und kleinen Kindern zum Beispiel. Ich glaube auch, dass ich einen Predigtstil habe, mit dem ich ein Stück Frohe Botschaft vermitteln kann. Zumindest waren das die Rückmeldungen bei meinem Abschied.

Was war Ihre persönlich größte Herausforderung?

Radler: Ich habe auf sehr verschiedenen Stellen gearbeitet, dementsprechend waren die Herausforderungen sehr unterschiedlich. In Aachen war es die Gemeindefusion, die 2010 „über uns gekommen“ ist, damit verbunden Veränderungen wie das Einstellen der Gottesdienste in St. Paul. Das war für mich strukturell das Schmerzlichste. Das mental Herausforderndste war die finanzielle und menschliche Begleitung der Menschen, die am Rand stehen. In Krefeld war ich neben meinen Aufgaben als Pfarrer auch Regionaldekan. Das glaubwürdige Vertreten der Kirche in der Öffentlichkeit war durchaus auch eine Herausforderung, vor allem, weil man in Krefeld als Dekan anders wahrgenommen wird als in Aachen. Der OB von Krefeld hat die Rolle des Dekans mal als „Krefelder Bischof“ beschrieben (lacht).

Was hat Sie in Ihrer Zeit als Priester am meisten überrascht?

Radler: Verrücktheiten im Alltag, auch im kirchlichen Verwaltungsgeschehen. Ich war überrascht, mit welchen Dingen man da konfrontiert war: Erbschaftsangelegenheiten, Handwerkerangebote, kirchenrechtliche Angelegenheiten.

Gehört die Verwaltung einer Gemeinde überhaupt noch in die Hand des Priesters?

Radler: Immer weniger! Passend war es in den ländlichen, überschaubaren Pfarren. Dort hatte der Pfarrer den Überblick über die Leute und auch über die Verwaltung. Je größer die Gebilde werden, desto widersinniger wird das. Allerdings muss dafür auch das Vermögensverwaltungsgesetz von NRW geändert werden. Das verpflichtet den Pfarrer bis heute, Vorsitzender des Kirchenvorstands zu sein.

Ist das ein Kirchenrecht?

Radler: Nein, das ist eine konkordatsrechtliche Regelung. Ich weiß aber, dass man auf Landesebene dabei ist, hier die Stellschrauben anders zu setzen. Bei den sehr unterschiedlichen Strukturen der Bistümer ist das gar nicht so einfach. Paderborn etwa ist sehr ländlich geprägt, Essen hat fast nur städtische Gebiete. Ich hoffe aber, dass sich in den nächsten drei Jahren etwas tut. Auch auf Kirchenverwaltungsseite passiert durchaus etwas. „Franziska von Aachen“ kann jetzt auf einen hauptamtlichen Verwaltungskoordinator zurückgreifen. Der wird meinen Kollegen, Pfarrer Dr. Wolf, mit Beginn meines Ruhestands sehr deutlich entlasten.

Hat sich Ihr Seelsorgestil in 40 Jahren verändert?

Radler: Mein Grundsatz, mich Menschen zuwenden, ihnen mit der Frohen Botschaft etwas fürs Leben mitgeben zu wollen, hat sich nicht verändert. Geändert haben sich eher die Arbeitsformen: Als Kaplan habe ich viele Kranke besucht, war mit Vereinen unterwegs, habe auch noch in der Schule unterrichtet. Hier in der Großpfarrei hat die Arbeit, die mit Verwaltung und Kirchenvorstand zu tun hat, einen deutlich größeren Raum eingenommen. Der eigentliche Schwerpunkt lag aber auf Liturgie und Amtshandlungen. Außerdem war ich stark in die Entwicklung des Pastoralkonzepts involviert.

Im Dialogprozess „Heute bei Dir“, wird viel über Amtsverständnis und „Kirche neu denken“ geredet. Wie beschreiben Sie Ihr eigenes Amtsverständnis?

Radler: Als geweihter Mensch, der seine mit der Weihe verbundenen Aufgaben gern wahrnimmt und der sich auch nicht scheut, eine leitende Position zu übernehmen. Der aber in der Nähe der Menschen bleibt. Ich brauche das Weiheamt nicht für mich und meine Identität.

Wie viel Zukunft hat das Weiheamt noch? Die „Nachfrage“ sinkt ja deutlich.

Radler: Ja, sie ist schon gering und wird wohl noch weiter sinken. Trotzdem hat das Weiheamt für mich nach wie vor Zukunft und bleibt auch ein konstitutives Element der Kirche. Die Frage wird eher sein, wie werden die Priester in Zukunft eingesetzt? Wie übt ein Priester in zehn bis 20 Jahren sein Amt im Bistum Aachen aus?

Haben Sie denn eine eigene Idee?

Radler: Das ist schwierig… Ich hoffe, dass dann Kirche sich nicht auf fünf bis acht Zentren im Bistum zurückzieht, zu denen alle pilgern müssen. Ich hoffe, dass es lebendige Basisstrukturen gibt. Die Aufgabe der Priester müsste sein, diese Strukturen zu ermöglichen und leben zu lassen und den eigenen Dienst einzuflechten. Ich war auch immer dafür, dass sich die Zulassungsbedingungen zum Weiheamt ändern. Das habe ich dem damaligen Bischof Hemmerle schon vor meiner Priesterweihe gesagt.

Welche Gruppen sollten denn Zugang bekommen?

Radler: Ich denke konkret an verheiratete Männer und kann mir persönlich auch die Zulassung von Frauen zum Priesteramt in der katholischen Kirche vorstellen.

Stehen Sie damit allein?

Radler: Vielleicht weniger, als man glaubt.

Wie sieht Ihr Bild von perfekter Kirche aus?

Radler: Perfekt wird Kirche nie sein! (lacht)

Im Februar werden Sie 69 Jahre alt. Wie wollen Sie Ihren Ruhestand gestalten?

Radler: Das erste Jahr wird ein Exkursionsjahr. Ich möchte auswärts noch andere Erfahrungen als Seelsorger sammeln. Im Dezember bin ich deshalb zunächst Gastpriester auf Borkum. Ich stelle mir auch noch ökumenische Projekte vor – zum Beispiel ein kräftiges Hineinschnuppern in das Ökumenische Zentrum in der Hamburger Hafencity. Ich habe auch ein wenig Kontakt zur ökumenischen Bahnhofskirche in Zürich, allerdings weiß ich nicht, ob ich da ohne Schwitzerdütsch klarkomme (lacht). Danach will ich sehen, ob ich mich hier in Aachen noch einmal etwas fester einbinde. Da warte ich auch die Entwicklung im Bistum ab. Das Feuer der Seelsorge brennt noch in mir!

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