Aachen: Original Beethoven-Noten im Stadtarchiv

Geheimes Aachen : Wie Beethovens Handschrift im Stadtarchiv landete

1825 wurde in Aachen erstmals das Niederrheinische Musikfest ausgerichtet. Zu diesem Anlass sollte Beethovens Neunte Sinfonie gespielt werden. Aus der Idee wurde ein Rennen gegen die Zeit.

Unscheinbar kommt der Raum im Stadtarchiv daher, in dem ein wahrer Schatz der Musikgeschichte aufbewahrt wird. Der Raum hat karge, weiße Wände, graue Rollregale, in Archiven auch bekannt als Compactus-Anlage, und besticht sonst durch nicht viel mehr als das dezente Rödeln der Klimaanlage, die den Raum auf 16 bis 18 Grad temperiert. Die Luftfeuchtigkeit beträgt zwischen 45 und 55 Prozent – ein Wohlfühlort für wertvolles Papier. Im Regal „Handschriften“ ist der Schatz, bestehend aus drei alten Halblederbänden mit insgesamt 527 Seiten, zu finden. Und wenn René Rohrkamp, Leiter des Aachener Stadtarchivs, die Bände aus dem Raum holt, dann nur mit weißen Baumwollhandschuhen an seinen Händen. Es ist Vorsicht geboten, denn die schweren Bücher stammen aus dem Jahr 1825 und sollen in dem guten Zustand bleiben, in dem sie sind.

Damals, vom 22. bis 23. Mai 1825, fand zum ersten Mal das Niederrheinische Musikfestival in Aachen statt. Und das Komitee hatte sich allerhand Mühe gegeben, um das Musikfest möglichst glanzvoll zu gestalten. Immerhin fand dieses im Rahmen der Eröffnungsfeierlichkeiten des Stadttheaters statt. Für die achte Veranstaltung dieser Reihe hatte man daher mit Ferdinand Ries einen berühmten Dirigenten gewinnen können, der noch bis 1824 bei der Philharmonic Society of London tätig war, nun aber wieder in Bonn lebte. Außerdem war er ein Schüler des Komponisten und Pianisten Ludwig van Beethoven und da schließt sich der Kreis. In den besagten Halblederbänden sind nämlich Kopien des Urnotenwerks von Beethovens Neunter Sinfonie zu finden – mit handschriftlichen Notizen von Beethoven selbst. Und das macht sie so besonders.

Ferdinand Ries wurde im Jahr 1825 gebeten, seine Verbindung zu Beethoven zu nutzen und ihn um eine Übersendung von Abschriften der Noten zu seiner Neunten Sinfonie zu bitten, denn das Komitee wünschte unbedingt, dass dieses Stück in Aachen aufgeführt werden sollte. Zu diesem Zeitpunkt war es erst zweimal in Wien aufgeführt und schon damals als „Riesenwerk des großen Meisters“ betitelt worden. Also wandte man sich schon im Dezember 1824 und dann erneut im Januar 1825 an den Verlag der Gebrüder Schott in Mainz, der die Noten drucken sollte, um an das Notenmaterial zu gelangen. Der Verlag lehnte jedoch ab, da die Schotts damals nicht einmal die Stichvorlage in der Hand hatten, und so bat man Ries, sich selbst direkt an Beethoven zu wenden. Es folgte ein Schriftverkehr zwischen den beiden Männern.

Ursprünglich war der von Beethoven beauftragte Kopist Ferdinand Wolanek dafür zuständig, die gesamte Partitur inklusive aller Stimmen abzuschreiben. Er geriet allerdings inZeitverzug und teilte Beethoven schriftlich mit, dass er das Finale der Partitur nicht termingerecht fertigstellen könne. Der war schließlich nicht besonders erfreut und schrieb quer über Wolaneks Brief: „Dummer Eingebildeter Eselhafter Kerl“. Auf der Rückseite fügte er weitere wütende Anmerkungen hinzu.

René Rohrkamp, Leiter des Aachener Stadtarchivs, hat die besonderen Noten der Neunten Sinfonie Beethovens schon oft begutachtet, denn sie sind bei Musikwissenschaftlern sehr beliebt. Foto: Heike Lachmann

Am 23. März 1825 konnte Ries dann schließlich mitteilen, dass er einen Teil der Sinfonie erhalten habe, die ersten drei Sätze in Partitur und den letzten Satz nur in ausgeschriebenen Stimmen. Da die Zeit bis zur Aufführung knapp wurde, fertigte der Aachener Trompeter Uhlig mit den ausgeschriebenen Stimmen die Partitur für den IV. Satz, die in einem weiteren Band vorliegt. Die Anfang April in Aachen eingetroffenen Notenblätter der Chor-Direktor-Stimme mit den Solo- und Chorgesangsstimmen und einer begleitenden Bassstimme des vierten Satzes stammen von einem anderen, unbekannten Kopisten. Erwiesen ist, dass Beethoven die in Wien entstandene Abschrift noch einmal Korrektur gelesen hat – zumindest hatte er persönlich einige kleinere Änderungen vorgenommen. „Er wollte sicher sein, dass die Abschrift fehlerfrei ist und vernünftig aufgeführt wird“, vermutet Rohrkamp.

Sodann probte man, bis die Neunte Sinfonie schlussendlich als erste Nummer am zweiten Tag des Musikfestes, dem 23. Mai 1825, mit insgesamt 422 Sängern und Musikern aufgeführt werden konnte. Allerdings erwies es sich nicht als möglich, das schwierige Werk im vollen Umfang für das Fest vorzubereiten. Einige Stellen aus dem Adagio und das Scherzo wurden bei der Aufführung übergangen. Dennoch verfehlte die Aufführung den erwarteten Effekt nicht und erfreute die Zuhörer. In vielen Quellen über die Musikgeschichte Aachens wird sie als erste Darbietung nach der Uraufführung in Wien bezeichnet, allerdings fanden zwischen der Bitte von Ries um die Notenabschriften und der Aachener Aufführung auch schon Vorstellungen in London und Frankfurt am Main statt.

Aus Textilien hergestellt

Erst 134 und 137 Jahre später landeten die Noten im Aachener Stadtarchiv. Ein Band 1959, die beiden anderen 1962. Sie wurden von der Musikdirektion des Stadttheaters Aachen an das Stadtarchiv übergeben. Seither lagern sie in einem unscheinbaren Raum zwischen alten Schöffenbriefen und allerlei anderen mittelalterlichen Urkunden.

Da das Papier in der damaligen Zeit aus Textilien hergestellt wurde und nicht etwa aus Holz, ist es besonders gut haltbar. „Wir haben kein Problem mit einem möglichen Zerfall, denn dieses Papier wird nicht sauer und zersetzt sich nicht so schnell“, sagt Rohrkamp.

Daher haben auch heute noch heute viele Musik- und Beethovenforscher ein gesteigertes Interesse an den Bänden. Erst kürzlich erreichte das Stadtarchiv eine Anfrage von Musikwissenschaftlern aus Südafrika, für die Scans angefertigt wurden, so Rohrkamp. Zudem gebe es auch heute noch immer wieder wissenschaftliche Veröffentlichungen zu den Noten.

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