Aachen: Ordnungsamt erstmals auf Motorrädern unterwegs

Ordnungsamt : Knöllchenjäger satteln um aufs Motorrad

Das Aachener Ordnungsamt bringt erstmals zwei PS-starke Motorräder an den Start, um Parksünder und aggressive Bettler zu schnappen. Die BMW-Zweiräder sehen Polizeimotorrädern zum Verwechseln ähnlich.

Polizei oder Ordnungsamt? Auf den ersten Blick sind die neuen BMW-Motorräder – 850 Kubikzentimer, 85 PS – in blau-silberner Optik kaum voneinander zu unterscheiden. Im Autorückspiegel schon gar nicht. Für 30.000 Euro hat der städtische Fachbereich Sicherheit und Ordnung (FB 32) jetzt die ersten beiden Krafträder für das OSD-Personal (Ordnungs- und Sicherheitsdienst) angeschafft. Damit will man, wie Ordnungsamtschef Detlev Fröhlke bekräftigt, künftig noch schneller, flexibler und umweltfreundlicher zu Einsatzorten fahren. Im Fokus landen dabei nicht nur aggressive Bettler, auf welche die Stadt Aachen in Sachen Belästigung seit einiger Zeit mit mehr Nachdruck reagiert.

Warum diverse Einsatzorte nicht – noch preiswerter und klimafreundlicher – per Elektroroller angesteuert werden? Das Ordnungsamt nennt gleich ein ganzes Bündel von Gründen. Zunächst: 210 Mitarbeiter zählt der FB 32 – davon rund 130 im Außendienst. Etwa 90 gehören zum Team der Politessen. Die meisten jagen Parksünder zu Fuß, dazu sind Einsatzkräfte in zwei Kleinwagen unterwegs. Dem OSD – das sind aktuell 37 Außendienstkräfte, für 15 weitere Stellen wird dringend Personal gesucht – stehen zwei in die Jahre gekommene Bullis und zwei VW Passat zur Verfügung. Demnächst kommen zwei Hybrid-Modelle hinzu. Zweiräder gab es bislang nicht. Was sich als Nachteil herausstellte. „Wenn wir beispielsweise das Parken in zweiter Reihe  ahnden wollen, behindern wir in aller Regel mit einen Auto des Ordnungsamtes zusätzlich den Verkehr. Das macht keinen Sinn“, erläutert Einsatzleiter Armin Bergstein. „Ein Motorrad hingegen kann man problemlos am Fahrbahnrand abstellen, ohne den Verkehrsfluss zu beeinträchtigen.“

OSD-Mitarbeiter Andreas Corr weist darauf hin, dass man ohnehin meist mit dem Motorrad im dichten und oft staugeplagten Stadtverkehr deutlich schneller am Ziel ist. Und weil es im Zwei-Schicht-Betrieb werktags von 9 bis 1 Uhr morgens und an Wochenenden zwischen 11 und 3 Uhr eben immer mehr Ziele werden, würde die Batteriekapazität eines Elektromobils – das hat die Stadt geprüft – kaum zur Bewältigung der Aufgaben ausreichen. Die BMW-Motorräder schlucken zudem weniger als fünf Liter Sprit auf 100 Kilometer: verkraftbar für den Geldbeutel der öffentlichen Hand und die Umwelt. Es geht um professionelle, auch repräsentative Fahrzeuge. Wer auf einem kleinen Elektroscooter zu einem Handgemenge zwischen betrunkenen Obdachlosen anrückt, dürfte zuweilen als Ordnungskraft weniger ernst genommen werden. Das gilt auch für Parksünder. Es ist eine Frage des Respekts. Und der Wertschätzung. „Wir möchten attraktive Stellen anbieten; die Arbeit auf dem Kraftrad gehört sicher dazu“, sagt Fröhlke. Außerdem geht es um mehr sichtbare Präsenz. Schon seit Jahren kann das Ordnungsamt offene Stellen nicht komplett besetzen. Gerade die Einsätze im Zusammenhang mit der Trinker- und Junkieszene gehören nicht zu den beliebtesten Aufträgen. Auch einzelne aggressive Bettler tauchen immer wieder an unterschiedlichen Orten der Stadt auf.

Weitere Anstrengungen gegen zunehmende Belästigungen durch aggressive und bandenmäßig organisierte Bettelei haben auch die Ratsfraktionen im städtischen Sozialausschuss jüngst eingefordert. Inzwischen komme es nicht selten vor, dass man auf dem Weg zwischen Elisenbrunnen und Markt bis zu zehn Mal angesprochen werde, beklagte etwa CDU-Ratsherr Ralf Demmer. Und SPD-Vertreterin Nathalie Koentges kritisierte einen aktuellen Bericht der Verwaltung, nachdem die großen Parteien bereits im Februar verstärkte Maßnahmen angemahnt hatten.

„Es kann nicht sein, dass alles so bleibt, wie es ist.“ Natürlich sei zu bedenken, dass es sich bei der problematischen „Klientel“ oft um Drogenabhängige und psychisch schwerkranke Menschen handele. Um ihnen noch besser zu helfen, müsse die Stadt mehr eigene Sozialarbeiter – insbesondere Streetworker – einstellen. „Wir nehmen diese Anregung gern mit“, versprach Rolf Frankenberger, Leiter des Fachbereichs für Soziales, Integration und Demographie. Er unterstrich jedoch auch, dass es längst ein „äußerst dichtes und sehr kreatives Netzwerk der Hilfe“ gebe. Etliche Einrichtungen kümmerten sich täglich um Obdachlose und berieten regelmäßig, wie die Hilfe noch verbessert werden könne. Gegen aggressives und organisiertes Betteln werde intensiv vorgegangen. Zurzeit sei täglich ein eigens abgestelltes Team des Ordnungsdienstes zu diesem Zweck in der City unterwegs.

Dennoch müsse geklärt werden, warum die städtischen Unterkünfte nicht ausreichend angenommen würden, hieß es seitens der SPD. Ende August waren laut Stadt lediglich 379 von insgesamt 498 verfügbaren Plätzen belegt.

Wenn Bürger – natürlich völlig unabhängig von der Wohnsituation des Delinquenten – bei Belästigungen und Ruhestörungen die Hotline des Ordnungsamtes (0241-4322801) wählen, wollen die Kräfte künftig noch schneller zu Hilfe eilen. Wobei das Überfahren roter Ampeln für die Kräfte des Ordnungsamtes tabu ist, sie besitzen keine Sonderrechte im Straßenverkehr; allenfalls langsames Durchqueren von Fußgängerzonen  ist im OSD-Motorradsattel erlaubt. Der Schriftzug „Ordnungsamt“ statt „Polizei“ steht auf dem Rücken der gelben Motorradwesten und beidseits auf dem Tank der Maschinen. Statt mit Blaulicht sind die Motorräder des Ordnungsamtes mit orange-gelbem Warnblinklicht ausgerüstet. Dazu haben die Ordnungskräfte Funk, Feuerlöscher, Verbands- und Absperrmaterial sowie diverse Vordrucke an Bord. „Städte wie Düsseldorf und Köln haben mit ihren Motorradflotten längst gute Erfahrungen gemacht. Die Effizienz steigt“, sagt Fröhlke. Auf den zweiten Blick wird klar, warum das so ist.

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