Aachen: Neue Veranstaltungsreihe "kleine Hofschule" auf Gut Branderhof

Gut Branderhof : Hier packt jeder Nachbar gerne mit an

Das Bild war auf einmal da. Wem es gehörte und wer es an die Wand gehängt hat, weiß Ingeborg Haffert nicht. „Aber offensichtlich fand jemand, dass es genau hier hingehört.“ „Hier“ – das ist das „Quartierswohnzimmer“ im Gut Branderhof.

Tische und Stühle laden zum Verweilen ein. An einer Theke kann man gegen eine Spende Getränke entgegennehmen. Es ist ein Raum, in dem Nachbarn zusammenkommen, um eine Partie Doppelkopf oder Tabu zu spielen, sich beim Malen auszuprobieren, oder gemeinsam Filme zu gucken. Ohne Anmeldung, ohne offizielle Mitgliedschaft, einfach, um sich besser kennenzulernen. Zwanglos und offen für alle, so haben sich die Vorstandsvorsitzenden des Vereins „Gut! Branderhof“, Ingeborg Haffert und Wilfried Warmbrunn, das Miteinander im „Quartierswohnzimmer“ in Burtscheid vorgestellt. Und genauso wurde – und wird – es Schritt für Schritt von den Anwohnern in Burtscheid hergerichtet und vorangetrieben – vom bunten Gemälde, das auf einmal an der Wand hing, bis zu den Pflanzen, die jemand ohne großes Aufheben auf die Fensterbank gestellt hat.

Wie sehr sich das mehr als 500 Jahre alte Gehöft am Branderhofer Weg im vergangenen Jahr verändert hat, versetzt Haffert und Warmbrunn immer noch in Erstaunen. Über Jahre hinweg hatten sie darum gekämpft, dass das Gelände nach dem Aus des Reiterhofs der Nachbarschaft als Begegnungszentrum erhalten bleibt. Mit Erfolg. Der gemeinnützige Verein „Gut! Branderhof“, gegründet im März 2015, wächst. Mit sieben Gründungsmitgliedern ging es los, mittlerweile gehören dem Verein 350 Männer und Frauen an, 50 von ihnen engagieren sich aktiv für das Nachbarschaftszentrum. Sie organisieren Spieleabende, streichen Wände, bringen Wärmedämmungen in alten, ausgedienten Toilettenräumen an und bauen diese zur Gemeinschaftsküche um – alles in Eigenregie und ehrenamtlich nach Feierabend.

Mit einem neuen Angebot sollen die Nachbarn noch mehr zusammenwachsen – und voneinander lernen. „Die kleine Hofschule“ heißt die Veranstaltungsreihe, bei der Menschen aus dem Viertel Vorträge halten und ihre Nachbarn an ihren Erfahrungen teilhaben lassen. Ein Imker, der über Bienen spricht, ein Sterbebegleiter oder auch Flüchtlinge, die von ihrem Alltag in einer noch fremden Stadt berichten – die Bandbreite an Themen ist groß, mit denen das Organisationsteam, bestehend aus Haffert, Warmbrunn und Irmgard Radermacher, an jedem vierten Freitag im Monat die Nachbarn auf den Hof locken will. Den Auftakt macht am kommenden Freitag, 25. Januar, Michael Fritsch-Hörmann, Kriminalhauptkommissar bei der Aachener Mordkommission. Er liest aus eigenen Texten, inspiriert von seiner Arbeit. Beginn ist um 20 Uhr, Einlass um 19 Uhr. Der Eintritt ist – wie bei allen Veranstaltungen auf Gut Branderhof – frei.

Ein Ankerpunkt für die Menschen in Burtscheid: Der ehemalige Gutshof soll für alle Nachbarn offen stehen. Foto: ZVA/michael jaspers

„Wir wollen Leuten eine Plattform bieten, die sich sonst nicht unbedingt trauen würden, mit ihren Erfahrungen und Erlebnissen einen Raum zu füllen“, sagt Warmbrunn. Ganz bewusst richtet sich die „kleine Hofschule“ deshalb an Laien, die es nicht gewohnt sind, vor Publikum zu sprechen. Am Freitag wird die „Hofschule“ noch im „Quartierswohnzimmer“, das Platz für rund 30 Zuschauer hat, stattfinden. Sobald die Gemeinschaftsküche im Raum gegenüber fertig hergerichtet ist, sollen die Vorträge dorthin verlegt werden, um Platz für parallele Veranstaltungen zu schaffen.

Irgendwo wird immer gewerkelt: (von links) Irmgard Radermacher, Wilfried Warmbrunn und Ingeborg Haffert vom Verein „Gut! Branderhof“ hoffen, mit der Veranstaltungsreihe „Die kleine Hofschule“ noch mehr Nachbarn auf das ehemalige Gehöft zu locken. Foto: Andreas Steindl

Dass der Bedarf nach solchen offenen Orten für die Nachbarschaft besteht, davon ist Ingeborg Haffert überzeugt. „Für das Viertel ist so was total wichtig. Früher war der Reiterhof ein Ankerpunkt, den viele vermissen. Wir wollen, dass der Hof wieder ein Zentrum für die Nachbarn wird.“

Dass die Verantwortlichen diesem Schritt immer näher kommen, zeigt sich nicht zuletzt, wenn das „Quartierswohnzimmer“ seine Tür öffnet. Etwa beim Spieleabend, der jeden dritten Freitag im Monat stattfindet. Als dieser Anfang 2018 ins Leben gerufen wurde, habe man so einige Durststrecken überstehen müssen, berichtet Mit-Organisator Herbert Kreus. Mittlerweile gehöre der Abend für viele Anwohner fest in den Terminkalender. Eine Resonanz, die man nun auch von der „kleinen Hofschule“erhofft.

Mehr von Aachener Nachrichten