Aachen: Neue Velocity-Station am Annuntiatenbach freut nicht alle

Fahrrad statt Parkplatz : Neue Velocity-Station sorgt für Ärger

Erstmals fallen den Pedelec-Verleihern Velocity begehrte Autoparkplätze zum Opfer. Weil die Politik bei der Auswahl der neuen Station am Annuntiatenbach nicht befragt wurde, gibt es nun Kritik.

Es knistert. Spannungen bei der elektromobilen Verkehrswende Richtung Batteriebetrieb lassen sich eigentlich meist vermeiden – bestenfalls zwischen Radfahrern, Autofahrern und Anwohnern. Vor Ostern haben städtische Planer den vielen Befürwortern der giftgrünen Pedelec-Ausleihstationen von Velocity allerdings noch ein Ei ins Nest gelegt, das einige als „faul“ bezeichnen. Dabei geben die Velocity-Geschäftsführer Dennis Brinckmann und Tobias Meurer Vollgas. Innerhalb eines Jahres hat sich die Anzahl der Mietstationen auf Aachener Stadtgebiet auf aktuell 43 verdoppelt, sieben weitere sind derzeit im Aufbau. Das Netz wächst.

Die Drahtesel mit Elektroantrieb erleben einen regelrechten Boom – auch als wichtiger Beitrag zur viel zitierten Verkehrswende und zur Luftreinhaltung. Bloß eine neue Velocity-Station – nämlich am Annuntiatenbach vor der Einmündung zur Judengasse – löst reichlich Kopfschütteln aus, bei Bürgern und Politikern.

Die neue Andock-Installation zum „Auftanken“ der Batterie-gespeisten Zweiräder liegt nämlich auf der Straße, direkt am fließenden Verkehr. Zwei Autoparkplätze wurden deshalb gestrichen – obwohl der Parkdruck enorm ist und in unmittelbarer Nähe, zum Beispiel Richtung Augustinerplatz (Kehrmännchen) und Kármán-Auditorium, reichlich Alternativflächen verfügbar wären. Aber da wurde man sich nicht einig. Und da man die Politik erst gar nicht in die Entscheidungsprozesse zur örtlichen Velocity-Stationsauswahl einbezog, machten das diverse Fachbereiche der Stadtverwaltung unter sich aus. Velocity-Geschäftsführer Brinckmann spricht am Annuntiatenbach inklusive Autoparkplatz-Wegfall von einer Premiere in Aachen, mit der man „sicher auch ein Zeichen setzen wollte“.

Solche Ausleihstationen auf der Straße seien in Städten wie Paris und Barcelona völlig normal – dennoch: In Aachen suche man in der Regel „konfliktfreie Orte, obwohl wir es grundsätzlich begrüßen, dass auch oberirdische Parkflächen im Zentrum für die Bereitstellung öffentlich zugänglicher Mobilitätsdienstleistungen genutzt werden können“.

Ganz abgesehen von der Frage, wer denn für die finanziellen Einbußen durch entgangene Parkgebühren (ähnlich wie bei Cambio Car-­
sharing) zu Lasten des Steuerzahlers und zugunsten der privaten Verleihfirmen aufkommen müsste, bleibt die Stadt erstmal zurückhaltend. Die Gefahren sind erkannt. Stefan Herrmann vom städtischen Presseamt betont auf Anfrage unserer Zeitung: „Es sind aktuell keine weiteren Velocity-Standorte geplant, für die Pkw-Stellplätze im öffentlichen Raum wegfallen würden.“ Der Standort am „niedrig frequentierten“ Annuntiatenbach sei mit seiner Nähe zur Uni wie auch zur Altstadt jedoch von strategischer Bedeutung für das Velocity-Netz“, erklärt er.

Passt das? Am Elisenbrunnen wartet die Velocity-Station, ohne Fußgänger und Autofahrer zu behindern, auf Pedelec-Radfahrer. Foto: H504619/Harald Krömer

„Er erfüllt alle Voraussetzungen, ist eingehend von mehreren Fachabteilungen der Stadt geprüft und als geeigneter Standort genehmigt worden. Wir halten es daher für vertretbar, dass zwei Pkw-Stellplätze wegfallen.“ Dass in unmittelbarer Umgebung auch „konfliktfreie“ Alternativen möglich gewesen wären, wird aber nicht dementiert.

Ralf Otten, Sprecher der CDU-Fraktion in der Bezirksvertretung Aachen-Mitte, hat deshalb zur nächsten Sitzung des Gremiums einen sogenannten Sachstandsbericht von der Verwaltung eingefordert, um die Vergabe-Modalitäten für Velocity-Stationen zu beleuchten. „Wenn man möchte, dass mehr Fahrradverkehr in der Innenstadt stattfindet, und das Verkehrskonzept ein Erfolg sein soll, dann muss auch ein durchdachtes Mobilitäts- und Abstellkonzept – auch für Verleihfahrräder und andere Räder – vorgestellt werden. Dies geht natürlich nicht ohne Beteiligung der entsprechenden politischen Gremien“, betont er. Man sei gleichermaßen für Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer verantwortlich.

„Ich hätte mir gewünscht, dass bei der Suche nach einem optimalen Standort im Bereich Annuntiatenbach auch die Flächen der Hochschule bedacht worden wären, da dort sicherlich ein Standort hätte gefunden werden können, bei dem es den Entleihern möglich wäre, gefahrlos die Fahrräder in den Straßenverkehr zu bringen“, kritisiert Otten. Angesichts des Konfliktpotenzials wegen direkt neben dem Autoverkehr herein- und herauszuschiebender Pedelecs verweist die Verwaltung auf Paragraf 1 der Straßenverkehrsordnung: „Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.“

Der Verleihservice von Velocity wurde 2016 an der RWTH Aachen geboren. Dank finanzstarker Unterstützung – auch der öffentlichen Hand – konnte das Netz zuletzt erheblich enger geknüpft werden. Geplant sind 100 Ausleihstationen auf Aachener Stadtgebiet. Zielgruppe sind alle: Studierende bis Rentner. Beim Abschluss eines Abonnements ist die erste halbe Stunde Fahrzeit zwischen zwei Stationen kostenlos. „Die Anzahl der Fahrten hat stark zugenommen, so dass wir im Mai bereits genauso viele Vermietungsvorgänge haben werden wie im ganzen Jahr 2018“, rechnet Brinckmann vor. Die Zahl der Nutzer habe sich innerhalb eines Jahres verdreifacht. Wie viele Nutzer dies konkret sind, verrät er indes nicht.

Trotzdem sind die Zahlen imposant: „Aktuell werden täglich mindestens 1600 Kilometer Luftliniendistanz mit Velocity-Bikes zurückgelegt, Tendenz steigend“, erläutert der Geschäftsführer. Im kommenden Mai und Juni wird die Erfolgsgeschichte weitererzählt: unter anderem mit einer neuen Station am Technologiezentrum Agit am Europlatz, am Eurogress in der Monheimsallee und einer weiteren beim Ford Research Center auf der Kackertstraße.

Die Velocity-Zentrale zieht zudem in die unmittelbare Nähe der Geschäftsstelle Cambio Carsharing – von der Kockerellstraße in neue Büros an der Bachstraße 20. Und im Sommer erwarten die Pedelec-Verleiher ohnehin einen weiteren Anstieg der Buchungszahlen. Elektrisierend, umweltschonend, emissionsfrei – aber sonst möglichst ohne Spannungen.

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