Aachen: Mehr als 800 neue Wohnungen am Guten Hirten

Wohnungsbau in Aachen : 800 neue Wohnungen am Guten Hirten

Bis zu 8000 Euro pro Quadratmeter: Seit Monaten wachsen an der Süsterfeldstraße Rohbauten in die Höhe. Die angebotenen Wohnungen sind allerdings überwiegend im hochpreisigen Segment angesiedelt.

AACHEN Eher unbemerkt von der Öffentlichkeit wachsen seit Monaten an der Süsterfeldstraße Rohbauten in die Höhe. Dabei hätte das Projekt rund um das ehemalige und denkmalgeschützte Kloster Guter Hirte durchaus mehr Aufmerksamkeit verdient.

Einerseits, weil dort, im Schatten des noch zu entwickelnden Campus West, rund 800 Wohneinheiten aller Größenordnungen und Preisklassen entstehen – fast so viele, wie im viel beschworenen Wohngebiet Richtericher Dell geschaffen werden sollen (bis zu 900). Anderseits sind auf dem mehr als vier Hektar großen Gelände alle Probleme und Entwicklungen wiederzufinden, die derzeit in der Wohnungspolitik (nicht nur in Aachen) diskutiert werden. Die ganze Palette von Unterkünften ist dort nämlich vertreten, mit Mietpreisen von knapp sechs Euro pro Quadratmeter (allerdings nur ein kleiner Teil) bis zu 20 Euro, kalt wohlgemerkt.

Und drittens wächst dort, am Rand der nordwestlichen Innenstadt und in der Nachbarschaft von Firmen wie Lindt und Lambertz, ein komplettes und (wahrscheinlich) attraktives Wohnviertel für mehrere tausend Menschen heran – insgesamt 15 Projekte von verschiedenen Investoren.

Auch das denkmalgeschützte und zuletzt als Atelierhaus genutzte Klostergebäude wird umgebaut. 68 Wohnungen entstehen hier. Foto: Andreas Herrmann

In Richterich laufen die Planungen schon seit mehr als 20 Jahren, sogar kleinste Entwicklungsschritte sorgen dort schon für Schlagzeilen – der erste Spatenstich ist freilich noch lange nicht in Sicht. Nach neuester Lesart wird er voraussichtlich 2022 erfolgen. In der Süsterfeldstraße ist es dagegen wesentlich schneller und erst um 2010 richtig losgegangen, mit der Aufstellung entsprechender Bebauungspläne.

Damals hätte die Stadt Aachen auch entscheiden können, dass sie (oder ihre Immobilientochtergesellschaft Gewoge) die ihr gehörenden Grundstücke für erschwingliche Sozialwohnungen nutzt, schon damals war schließlich absehbar, dass ein preisgünstiges Dach über dem Kopf in Aachen (wie fast überall) immer schwerer zu finden sein wird und immer mehr Wohnungen aus der Sozialbindung fallen.

Doch auf die Idee ist damals wohl niemand gekommen. Die Gewoge war eher anderweitig als am sozialen Wohnungsbau orientiert, und die städtischen Verantwortlichen beschlossen unter anderem deswegen, den Grund und Boden zu den üblichen Preisen an Private zu verkaufen. Schließlich sollte es ja auch ein Wohngebiet für ein Vorzeigeprojekt der Elite-Hochschule RWTH werden, inklusive Kita, Innenhöfen, Spiel-, Grün- und Ruheflächen. Die Folge: Nur ein kleiner Teil des entstehenden neuen Wohnraums, rund 100 Einheiten, ist auch für die Bevölkerungsgruppen mit kleinem Geldbeutel erschwinglich, die am dringendsten danach suchen.

An der Süsterfeldstraße, im Bereich des ehemaligen Klosters Guter Hirte, entstehen zahlreiche Neubauten. Foto: Andreas Herrmann

Der größte Geländebrocken (etwa 3,3 Hektar) ging an eine eigens gegründete Projektgesellschaft Campus Wohnen db GmbH & Co KG (bestehend aus den Aachener Bau- und Immobilienunternehmen Dekoncepta GmbH und Bausch GmbH). Um ein hochwertiges Quartier zu bekommen, wurde ein Landeswettbewerb ausgerichtet, den das Aachener Architekturbüro pbs architekten Gerlach Wolf Böhning Planungsgesellschaft gewann.

Das Konsortium Campus Wohnen errichtet derzeit rund 300 Wohneinheiten, darunter 30 Stadthäuser, 104 öffentlich geförderte Wohnungen, der große Rest sind Eigentumswohnungen. Sieben Blocks stehen schon im Rohbau, Sozialwohnungen sind in sechs davon vor allem zum Westbahnhof hin vorgesehen. Mit der Vermietung der günstigen Wohnungen dort (Kaltmiete 5,75 Euro pro Quadratmeter) werde man Ende des Jahres beginnen, federführend sei das Amt für Wohnungswesen, teilt Geschäftsführerin Anke Berns auf Anfrage mit.

Wobei sich niemand zu sorgen braucht, dass die Investoren dabei kein Geld verdienen würden. Die Allgemeinheit zahlt großzügig mit – sowohl für die öffentlich geförderten wie für die superteuren Wohnungen, es gibt günstige Darlehen, Tilgungsnachlässe oder Steuervergünstigungen sowohl für die Firmen wie für die Käufer von Eigentum. Im siebten schon hochgezogenen Gebäudekomplex sind 34 Studentenbuden (Berns: „Die sind schon fast vollständig verkauft.“) sowie eine Kita vorgesehen, die im Sommer 2019 ihre Pforten öffnen soll. Insgesamt werden rund 85 Millionen Euro von Campus Wohnen db investiert.

50 Millionen Euro

Nicht viel weniger, nämlich 50 Millionen Euro, steckt die österreichische Value One AG gemeinsam mit dem Kölner Unternehmen Ideal Wohnen in den Umbau des denkmalgeschützten und zuletzt als Atelierhaus genutzten Klostergebäudes mit 68 Wohnungen. In bis zu sechsgeschossigen Neubauten in Karreeform, davon einer entlang der Süsterfeldstraße, werden bis zum Herbst 2019 darüber hinaus 219 Mikroappartments entstehen, rund 20 Quadratmeter groß und bis zu 8000 Euro pro Quadratmeter teuer.

Mit dem Slogan „Investieren Sie, wo die Elite studiert“ macht die Vermarktungsfirma „Milestone“ von vornherein klar, welche Zielgruppe man im Auge hat. Das Ziel: „Studierenden mit hohen Ansprüchen an Design, Lifestyle und Individualität temporären Wohnraum für die schönste Zeit im Leben zur Verfügung“ zu stellen.

In dem hohen Quadratmeterpreis sei aber auch eine hochwertige Vollausstattung und Gestaltung der Außenbereiche enthalten, betont Achim Erner, Gründer und Geschäftsführer von „Ideal Assets“ in Köln. Unter anderem werden neben einer großen „Lobby“ mehrere Aufenthaltsräume, gemeinschaftliche Lernplätze, ein Fitnessraum sowie ein Waschcenter entstehen. Außerdem ist eine Tiefgarage mit 132 Stellplätzen, eine Car-Sharing-Station für Elektroautos und eine E-Bike-Station geplant.

Die Nachfrage sei sehr groß, berichtet auch er, aber: „Es dauert relativ lange, bis es zur Beurkundung geht.“ 51 betuchte Eltern oder Geldanleger haben bisher den Weg zum Notar angetreten und sind Besitzer einer kleinen Immobilie in Aachen geworden, die (wenn das eigene Kind den gewünschten Abschluss an der RWTH erzielt hat) wohl kaum unter 20 Euro kalt vermietet werden dürfte.

Schon weit fortgeschritten ist ein Gebäude hinter der Druckerei Mainz. Für diese wird eine 1000 Quadratmeter große Produktionshalle gebaut, daneben ein mehrgeschossiges Gebäude mit 24 Studentenwohnungen zwischen 23 und 50 Quadratmetern und einem Penthouse auf dem Dach als Krönung.

„Aktuell gibt es im Gebiet des B-Plans 963 insgesamt 15 geplante oder schon in der Realisierung befindliche Wohnbauprojekte“, weiß Stefan Herrmann vom Presseamt der Stadt Aachen: „Insgesamt entstehen 475 studentische Wohnungen bzw. Appartements und 222 normale Wohneinheiten.“ Des Weiteren sei die Errichtung von 30 Einfamilienhäusern in sechs Gruppen zu je fünf Häusern entlang der Siedlung Süsterau vorgesehen. „Beim Wohnungsbau werden ca. 30 Prozent öffentlich gefördert.“ Dabei handelt es sich um die derzeit in Aachen geltende Mindestquote bei Neubauvorhaben.

Für eine große Teilfläche des insgesamt 4,2 Hektar großen Gebiets (3,6 gehörten ursprünglich der Stadt, 0,6 dem Land) liegen noch keine Bauanträge vor. Herrmann: „Hier können mindestens 80 weitere Wohnungen entstehen.“ Die Politik habe seinerzeit für das Plangebiet beschlossen, dass mindestens 300 Wohneinheiten, also nicht nur 20 Quadratmeter große Studentenbuden, entstehen.

Lindt stockt auf

Übrigens: Bauleute sind auch auf der anderen Seite der Süsterfeldstraße aktiv, nicht nur zu den Gleisanlagen hin: Die stark expandierende Süßwarenfirma Lindt stockt ihre sogenannte D-Halle, ein Auslieferungsgebäude vis à vis der Printen- und Schokoladenfabrik Lambertz, um zwei Geschosse auf – einschließlich Anbau an zwei Seiten. Lindt hat bekanntlich auch ein Auge auf den auf der anderen Seite liegenden Bendplatz geworfen.

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