Aachen: Macron und Merkel sollen Wirtschaft beflügeln

Gipfeltreffen in Aachen : Macron kann Firmen nach Aachen lotsen

593 Unternehmen im hiesigen Kammerbezirk handeln bereits mit Frankreich. Die Stadt Aachen nimmt eine Sonderrolle beim Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron ein. Das eröffnet Chancen.

1048 Kilometer beträgt die kürzeste Fahrstrecke zwischen Paris und Berlin. Dass Emmanuel Macron acht Monate nach der Karlspreisverleihung erneut in Aachen als französischer Staatspräsident auf Bundeskanzlerin Angela Merkel trifft, liegt aber nicht daran, dass der schnellste Weg zwischen beiden Hauptstädten tatsächlich über die Kaiserstadt führt. Vielmehr geht es am Rande der Unterzeichnung des neuen deutsch-französischen Freundschaftsvertrags am kommenden Dienstag, 22. Januar, auch um die besondere Stellung Aachens – zum Beispiel als Handelspartner.

Exakt 593 Unternehmen im Aachener Bezirk der Industrie- und Handelskammer (IHK) unterhalten Geschäftsbeziehungen zu Frankreich. „Bezogen auf die Anzahl der Geschäftsbeziehungen ist Frankreich für unseren Kammerbezirk der drittwichtigste Partner der Außenwirtschaft nach den Niederlanden und der Schweiz“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Michael F. Bayer. Das bringt enorme Summen ein. 488 hiesige Unternehmen exportieren Waren nach Frankreich, 264 importieren. Dies geht aus einer aktuellen IHK-Studie hervor.

Für Ministerpräsident Armin Laschet, der bei der Aachen-Wahl für das politische Gipfeltreffen ein entscheidendes Wort mitgesprochen hat, sieht die Rechnung für das Bundesland Nordrhein-Westfalen mindestens so erfreulich aus. Waren im Wert von 15,7 Milliarden Euro werden aus NRW nach Frankreich exportiert – ergibt einen Marktanteil von 8 Prozent und damit nach den Niederlanden (11 Prozent) Platz zwei. Umgekehrt fließen Importe im Wert von 14,2 Milliarden Euro nach NRW – Platz drei. „Dabei ist ein derart hochkarätiges Treffen der Staatschefs in Aachen natürlich ein erfreulicher Anlass, um diese jetzt schon sehr intensiven Verbindungen zu vertiefen und auszubauen“, sagt Bayer. „Davon profitieren Aachen und die ganze Region.“

Dies gilt nicht nur für große französische Unternehmen wie den Glas-Giganten Saint Gobain, der seit 1857 im Aachener Kammerbezirk aktiv ist und hier drei Standorte (Aachen, Herzogenrath und Stolberg) unterhält. 60 Millionen Euro fließen hier gerade in einen Hightech-Campus und Erweiterungsbauten in der Städteregion. Oder die Vygon GmbH & Co. KG, seit 1972 in Aachen. Der Produzent von Kathetern, Drainagen etc. in der Medizintechnik beschäftigt hier mittlerweile 300 Mitarbeiter und kooperiert eng mit Forschungsinstituten der RWTH und FH Aachen. Die Palette ist breit und bunt.

Das sieht Oberbürgermeister Marcel Philipp genauso: „Die exzellenten Beziehungen, die wir von Aachen aus nach Frankreich unterhalten, sind tatsächlich vielfältig und reichen weit über die sehr gut funktionierende, inzwischen 50-jährige Partnerschaft zu Reims hinaus. Wir haben französische Partner in kulturellen und gesellschaftlichen und sportlichen Themen, wir haben aber auch wichtige und vielschichtige Beziehungen in die französische Wirtschaft“, erklärt er. „Die Grenzlage begünstigt das ohne Frage, aber sicherlich auch die Bedeutung, die unsere Stadt auch in Frankreich als weltoffene Europastadt hat.“

Dabei gibt es 1200 Jahre alte frankophone Verbindungen, die bis zu Aachens Stadtpatron Karl dem Großen zurückreichen. Und es gibt extrem junge, wenn auch schon mit imposanter Tradition. Im Auftrag des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) wurde auch in Sachen bilateraler Ausbildung viel in die Wege geleitet. Seit 1987 bieten die IHK Aachen und die Ecole franco-allemande de Commerce et d’Industrie in Paris in Zusammenarbeit mit Unternehmen aus beiden Ländern eine zweisprachige kaufmännische Ausbildung an – am Ende steht, wie auch die französische Honorarkonsulin in Aachen, Dr. Angelika Ivens, betont, ein anerkannter deutsch-französischer Doppelabschluss mit hervorragenden Berufsperspektiven als Industriekaufmann oder -kauffrau in beiden Ländern. Seit 30 Jahren existieren zudem Austauschprogramme für Köche, Restaurantfachleute, Hotelfachleute und andere gastronomische Berufe. Auch die Berufskollegs kooperieren. So können zum Beispiel deutsche Auszubildende der Käthe-Kollwitz-Schule Praktika in Sternerestaurants in Rouen absolvieren. Das schmeckt nicht nur den Wirtschaftsförderern.

Über ein Dutzend Auszubildende nimmt Bayer am Dienstag mit zu Macron und Merkel. In einem „Bürgerdialog“ dürfen ausgewählte Menschen den Politpromis – zweiter Programmpunkt in der Aula Carolina nach dem Festakt im Krönungssaal – Fragen stellen. Eine Stunde ist für diese persönliche Begegnung vorgesehen. Wenn die Staatschefs nach gut dreistündigem Gipfeltreffen aus Aachen abreisen, dürfte auch in wirtschaftlicher Hinsicht ein Plus zu verbuchen sein. Ganz abgesehen vom Popularitätsgewinn der Kaiserstadt Aachen – für den Staatspräsidenten Macron nur 342 Kilometer von Paris entfernt. Er nimmt die Luftlinie, versteht sich.

Mehr von Aachener Nachrichten