Aachen: Landwirt Frank Radermacher rettet als Ersthelfer bei Unfall

Wenn jede Sekunde zählt: Aachener Landwirt rettet Mann aus Unfallauto

Ein bisschen unangenehm ist Frank Radermacher die Aufmerksamkeit schon. Schließlich sei das, was er getan hat, doch eine Selbstverständlichkeit. Das sehen allerdings viele Menschen anders.

Nicht zuletzt diejenigen, die ihn seit Tagen immer wieder auf den Vorfall vom vergangenen Montag ansprechen. Ein Leben zu retten, das ist nun mal doch nicht so selbstverständlich, wie Radermacher meint.

Eigentlich wollte der Aachener Landwirt an jenem Montagvormittag lediglich mit seinem Deerhound, einem schottischen Windhund, spazieren gehen. Doch was als entspannte Runde entlang der Felder in Sief geplant war, entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit zu einem nervenaufreibenden Kampf gegen die Zeit.

Es ist 10.20 Uhr, als Frank Radermacher von einem lauten Geräusch aufgeschreckt wird. Quietschende Reifen, ein leichter Aufprall, das Knirschen einer Hecke. Der 43-Jährige und sein Hund sehen nach. Und die Befürchtung des Landwirts wird bestätigt: Ein Auto ist kurz vor der Kurve von der Straße abgekommen und in eine Hecke geprallt. Nur wenige Meter von Radermachers Hof an der Raerener Straße entfernt, in unmittelbarer Nähe zur belgischen Grenze. „Der Fahrer gab immer noch Vollgas, deshalb qualmten schon die Reifen“, erinnert sich Radermacher. Nur: Der Fahrer sitzt regungslos und in sich zusammengesunken im Auto.

Es liegt offensichtlich ein medizinischer Notfall vor. Da weiß Radermacher, dass es schnell gehen muss. Er ruft seine Frau auf dem Handy an, damit sie den Hund an sich nimmt. Dem sind der starke Qualm, der schon von weitem zu sehen ist, und das Motorengeräusch nämlich ganz und gar nicht geheuer. Ein Annähern ans Auto? Das wäre mit ihm im Schlepptau unmöglich, ist Radermacher überzeugt.

Doch es folgen weitere Hürden. Die Fahrertür? Verriegelt. Der Aufprall des Autos war wohl nicht stark genug, um die automatische Verriegelung aufzubrechen, mutmaßt Radermacher. Über ein geöffnetes Seitenfenster kann er in das Auto greifen, den Zündschlüssel entfernen und das Auto von außen aufschließen. Da merkt er, dass der Fahrer nicht allein im Auto sitzt. Ein Hund blickt ihn mit ängstlichen Augen aus dem Inneren des Fahrzeugs an. Die nächste Hürde: das Unfallopfer selbst, ein kräftiger Mann. So kräftig, dass Radermacher ihn nicht allein aus dem Auto ziehen kann, zumindest nicht in dem beengten Heckenbereich und ohne weitere Verletzungen in Kauf zu nehmen. Er ruft einen Bekannten zu sich, der gerade vorbeikommt. Mit einem weiteren Helfer schaffen sie es zu dritt, den Mann vorsichtig aus dem Fahrzeug zu bugsieren und einige Meter entfernt aufs Feld zu legen. In der Zwischenzeit fahren immer wieder Autos vorbei. Ohne anzuhalten, ohne dem Ersthelfer zu helfen.

Die Feuerwehr und der Rettungsdienst sind mittlerweile unterwegs. Die zwei Helfer haben den Unfallort wieder verlassen. Radermacher und seine Frau bleiben. Das Unfallopfer atmet, ist aber nicht ansprechbar. Der Landwirt versetzt ihn in die stabile Seitenlage. Als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Sief ist er in Erste Hilfe geschult. Der Hund umkreist sein Herrchen. Dann fängt das Wageninnere an zu brennen. Am Motor sind helle Funken zu sehen. Autoreifen platzen, flüssiges Aluminium verteilt sich auf dem Boden. Radermacher und seine Frau versuchen, den Verletzten mühsam weiter vom Auto wegzuziehen. Denn das Auto hat einen Gastank. Und Radermacher weiß: „Wenn der explodiert, dann sind auch 20 Meter nicht weit genug.“ Nicht für den Verletzten und nicht für Radermacher und seine Frau.

Wieder kommt ein Bekannter vorbei, der das Paar bei ihrem Unterfangen unterstützt. Und dann erreichen endlich der Krankenwagen und der Notarzt die Unfallstelle. Der Krankenwagen wird als Schutzbarriere zwischen das brennende Auto und den Verletzten auf dem Feld platziert, für den Ernstfall. Bis endlich die Feuerwehr eintrifft und mit dem Löschmittel eine womöglich verheerende Explosion verhindert.

Es ist 12.30 Uhr, als der dreifache Familienvater Frank Radermacher wieder tief durchatmen kann. Die Löscharbeiten sind vorbei, das Unfallauto wurde abgeschleppt. Bereits am selben Nachmittag wird sich das Unfallopfer telefonisch bei ihm melden und sich bei seinem Ersthelfer bedanken, ohne dessen Hilfe er womöglich nicht mehr am Leben wäre. „Wenn ich auf die alarmierten Hilfskräfte gewartet hätte, dann wäre es zu spät gewesen“, sagt Radermacher – ohne den Rettungskräften einen Vorwurf machen zu wollen. „Das Auto hat einfach viel zu schnell gebrannt.“ Natürlich sei er stolz, dass er an diesem Vormittag sein Möglichstes getan habe, um zu helfen. „Aber ich will deshalb nicht in den Vordergrund gestellt werden“, sagt er. Und schon gar nicht mit Foto in der Zeitung erscheinen. Schließlich sei das, was er getan hat, doch völlig selbstverständlich.

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