Aachen: Kurwesen steht vor Neuordnung

Kurwesen am Scheideweg : Sind auch Kurparkterrassen als Reha-Standort im Visier?

Über die Zukunft des Burtscheider Kurwesens verhandeln Stadt, die Inoges AG und die Stiftung Marienhospital seit Monaten intensiv. Mehrere Szenarien sind im Gespräch. Dabei wird auch über eine Reha-Nutzung des beliebten Veranstaltungsorts Kurparkterrassen nachgedacht.

Den Namenszusatz „Bad“ hat die Stadt Aachen nie offiziell beantragt. Obwohl sie ihn als staatlich anerkanntes Heilbad tragen dürfte. Der profane Grund: Weil man in den Listen deutscher Städte mit den Anfangsbuchstaben „Aa“ immer so schön weit oben steht und als „Bad“ alphabethisch weit durchgereicht würde, nutzte man den Zusatz nur als Werbemittel. Dabei hat das  Kur- und Badewesen für Aachen in seiner Geschichte eine überragende Bedeutung. Und diese gilt bis heute: Zehn Prozent aller Übernachtungen entfallen auf die Kur- und Rehaeinrichtungen, viele Arbeitsplätze sind damit verbunden. Nicht zuletzt spült das Kur- und Badewesen Geld und Touristen beziehungsweise Patienten in die Stadt. Insbesondere nach Burtscheid.

Doch just dort herrscht seit längerem Alarmstufe Rot. Die beiden großen Reha-Einrichtungen stehen am Scheideweg. Das von der Inoges AG betriebene Schwertbad ächzt unter Platzmangel. Insbesondere mit Blick auf eine Neuorientierung zu einem „ganzheitlichen Reha-Konzept“, wie es Inoges-Chef Wolfgang K. Hoever vorschwebt. Auch die „Rosenquelle“, betrieben von der Katholischen Stiftung Marienhospital, ist baulich wie konzeptionell in die Jahre gekommen.

Beide Betriebe wollen sich neu aufstellen. Die Frage ist jedoch: Wo? Ohne eine Antwort auf diese Frage droht beim Schwertbad dessen Abzug – nach Bardenberg, wo Inoges ein zweites Standbein etabliert hat. Um dies zu verhindern, wird seit vielen Monaten intensiv verhandelt. Mittlerweile gibt es mehrere Szenarien, wie das Kurwesen neu strukturiert werden kann. Diese werden der Politik am Donnerstag im Planungsausschuss hinter verschlossenen Türen präsentiert. Das wird dann so aussehen:

Die Rosenquelle an der Kurbrunnenstraße kann laut Stiftung Marienhospital in der heutigen Form nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden. In den Bau aus den 1960er Jahren müsste stark investiert werden, aber er reicht trotzdem nicht für die „Anforderungen an einen modernen Pflegebetrieb“. Sollte der Betrieb dort aufgegeben werden, hätte die Stadt, die 1963 die Fläche unentgeltlich dem Land übertrug, ein Rückforderungsrecht. Für das Gebäude – auf einen Wert von 500.000 Euro taxiert – müsste sie zahlen. Sie könnte dem Marienhospital die Fläche aber auch in Erbpacht überlassen mit der Auflage, dort ein neues Gesundheitszentrum zu schaffen. Damit entfiele jedoch eine Kurklinik. Eine Erweiterung wäre vor und hinter dem Gebäude  möglich. Zunächst will die Stadt jedoch eine „Bedarfs- und Potenzialanalyse“ für den Kur- und Rehastandort Burtscheid abwarten, die  laut städtischem Presseamt noch vor der Sommerpause vorliegen soll. Da das Gebäude in einer Kaltluftschneise für das Frankenberger Viertel steht, sei eine „bauliche Verfestigung“ an diesem Standort „grundsätzlich nicht erwünscht“, heißt es in der Vorlage.

Der zweite „Player“ ist das Schwertbad, dessen Weggang im Raum schwebt. Es habe bereits viele Gespräche zwischen der Verwaltung und Inoges gegeben, heißt es. Ebenso liest man, dass die Inoges AG mit der Stiftung Marienhospital über einen Kauf der Rosenquelle verhandelt. Denn das Schwertbad liebäugelt mit einem Kauf des Klosters an der Michaelsbergstraße, wo man – erweitert um das Areal der benachbarten Grundschule – über die nötigen 25.000 Quadratmeter Nutzfläche verfügen könnte.

Der Vorlage zufolge favorisiert Inoges die Idee, auch die Rosenquelle zu kaufen, abzureißen und das renaturierte Grundstück dem Kurpark „zuzuführen“. Verbunden ist das jedoch mit dem Plan, die der Stadt gehörenden Kurparkterrassen zu sanieren, aufzustocken und dort eine Rehanutzung zu etablieren. Dafür gebe es eine erste Grobplanung. Nur: Die Kurparkterrassen sind eine beliebte Gastronomie- und Veranstaltungsstätte – was in der Vorlage keine Erwähnung findet.

Doch wird eine Bebauung im Bereich des Kurparks von der Verwaltung ohnehin „sehr kritisch“ gesehen. Das Prädikat Kur- und Badestadt sei unter anderem an den Erhalt des heutigen Kurgartens geknüpft. Ein Abriss der Rosenquelle sei da keine Kompensation. So ganz glücklich ist man offenbar mit keiner der Varianten. Trotzdem wird betont, dass die Gesamtentwicklung in Burtscheid davon abhänge, „welchen Stellenwert die Kur- und Rehaeinrichtungen für Verwaltung und Politik haben“. Schließlich komme ihnen, siehe oben, enorme Bedeutung zu.

Und die Unternehmen? Benjamin M. Koch, Geschäftsführer der Stiftung Marienhospital, betont, dass er sich gut vorstellen könne, in Burtscheid einen „Gesundheitscampus“ mit Angeboten wie stationärer und ambulanter Reha, Tagespflege, betreutem Wohnen und vielem mehr aufzubauen. Ein neues Konzept müsse her, so wie heute könne es nicht bleiben. So könnte dann „etwas Tolles für Aachen in idealer Lage“ entstehen. Dass das nicht einfach wird, ist Koch bewusst. Er kann sich aber vorstellen, dies in enger Kooperation mit dem Schwertbad anzugehen. Inoges-Chef Hoever hält sich noch bedeckt, glaubt aber an eine Einigung in den nächsten Wochen: „Es scheint sich jetzt alles in die richtige Richtung zu bewegen.“ Die Politik ist aber noch ein Stück von einer Entscheidung entfernt. Am Donnerstag fällt eine solche jedenfalls nicht.

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