Aachen: Jürgen Wiebicke zu Gast bei Bürgerstiftung

Diskussion zu einer Gesellschaft von morgen : Wie findet die Gesellschaft zusammen?

„Freunde der Weisheit, guten Abend.“ Mit diesen Worten begrüßt der Philosoph Jürgen Wiebicke seit mehr als zehn Jahren die Zuhörer seiner freitagabendlichen WDR 5-Sendung. Nun auch in Aachen.

Die Bürgerstiftung Lebensraum Aachen hat ihn, der auch Autor mehrerer Bücher ist, jetzt zu einer Diskussion über das eingeladen, was auch ihn schon lange umtreibt: die Frage, was eine Gesellschaft zusammenhält.

Es ist ein Thema, das seiner Meinung nach noch stark an Bedeutung gewinnen wird, wie Wiebicke deutlich machte. Denn gerade könne man beobachten, wie sich unterschiedliche Milieus in vielen Bereichen des Alltags auseinanderdividieren, etwa in der Schule, in der Architektur, der Stadtplanung bis hin zur Gesundheit oder der Verkehrsinfrastruktur. Oft stünden sich die Menschen angesichts verschiedener Ansichten beinahe unversöhnlich gegenüber.

Schon 2016 hatte er deswegen das Buch „Zu Fuß durch ein nervöses Land“ geschrieben. „Ich bin irgendwann an die Grenze gestoßen, mit meiner bisherigen Herangehensweise die gesellschaftlichen Konflikte zu verstehen“, sagte er. Deswegen sei er einen Monat lang an die „Ränder der Gesellschaft“ gegangen: auf Schrottplätze, in Palliativkliniken, in Flüchtlingsunterkünfte. Das Buch, so betonte er, hätte er auch ebenso gut heute schreiben können, nur seien damals die gesellschaftlichen Risse in der Breite der Bevölkerung noch nicht so stark sichtbar gewesen.

Zwei Entwicklungen

Für das Auseinanderdriften der Milieus machte er vor allem zwei Entwicklungen verantwortlich. Einerseits sei da der individualisierte Lebensstil, der es Menschen ermögliche, ein weitgehend isoliertes Dasein zu führen, ohne sich Gedanken um ihre eigene soziale Rolle machen zu müssen. Andererseits hätten Jahrzehnte neoliberaler Wirtschaftspolitik sich auch auf die Menschen niedergeschlagen, bei denen sich Konkurrenzdenken und Profitstreben verfestigt hätten, so Wiebicke.

Eine Lösung, wie diese zusehends wachsende Spaltung überwunden werden könnte, bot die Diskussion gleich zu Beginn der Veranstaltung in der Aachener Montessori-Gesamtschule. Da ging es nämlich um die Frage, wer überhaupt gemeint sei, wenn man von einem „Wir“ spreche – wer gehört dazu? „So etwas wie ein ‚Volk’ gibt es nicht, das ist eher eine gedankliche Hilfskonstruktion. Aber es gibt Leute, die der Meinung sind, dass Demokratie und die Werte des Grundgesetzes eine gute Sache sind“, lautete Wiebickes anfänglicher Definitionsversuch.

Nicht alle Besucher gaben sich mit dieser Erklärung zufrieden, schließe man damit doch grundsätzlich Andersdenkende aus und befinde sich damit ebenfalls in einer „Gedankenblase“, hieß es. So machte Norbert Greuel von der Bürgerstiftung einen Vorschlag, der letztlich auch Wiebicke gut gefiel: „Zu einem ‚Wir’ gehören zwar alle dazu, aber es ist nicht leicht, auch mit allen zu reden.“

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