Aachen: Inda-Gymnasium besteht seit 50 Jahren

Interview : Das Inda-Gymnasium feiert 50. Geburtstag

Mit dem Inda-Gymnasium feiert das größte Gymnasium der Stadt 50. Geburtstag: Schulleiter Arthur Bierganz und Stellvertreterin Martina Schneider werfen im Interview mit Redakteurin Annika Kasties einen Blick in die Schulgeschichte und darüber hinaus.

Etwa 15 Prozent Ihrer Schüler kommen aus angrenzenden Kommunen wie Stolberg und Roetgen.Ist Ihre Schule ein Beispiel dafür, dass Schulpolitik auch städteregional angegangen werden sollte?

Bierganz: Eine städteregionale Schullandschaft wäre sicherlich positiv zu sehen, allein schon, um Bürokratie abzubauen. Schließlich geht es darum, Schulen effektiv zu unterstützen. In der Praxis gibt es aber bereits so eine städteregionale Partnerschaft. Wir arbeiten innerhalb von Netzwerken auch mit Schulen zusammen, die nicht zur Stadt Aachen gehören, etwa mit dem St.-Michael-Gymnasium in Monschau, den Gymnasien in Stolberg, mit Gymnasien in Düren. Wir sind zum Beispiel verbunden durch das Netzwerk „ANTalive“ („Angewandte Naturwissenschaften und Technik live erleben“, Anmerk. d. Redaktion), das Kinder im Bereich der Naturwissenschaften fördert. Die Kommunikation zwischen den Schulleitern der verschiedenen Gemeinden ist ausgezeichnet. Man hilft sich gegenseitig, man unterstützt sich, man trifft sich.

Der Geburtstag hat Ihnen die Gelegenheit geboten, einen Blick zurück zu werfen. Was für Traditionslinien haben Sie ausgemacht?

Bierganz: Es gibt viele Traditionslinien, die bis heute fortgeführt wurden. Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht natürlich der Unterricht. Es wird Wert darauf gelegt, besonders guten und schülerzentrierten Unterricht zu machen. Auch und vor allem, wenn das bedeutet, dass man sich von externen Institutionen Hilfe holt. So hatten wir zum Beispiel zu Beginn des Jahrtausends eine Kooperation mit einem Schweizer Professor, der mit seinen Studenten bei uns die Fächer Mathematik und Englisch auf besondere Weise unterstützt hat. Diese Tradition, dass man nicht nur sein eigenes Süppchen kocht, war zumindest in den letzten 25 Jahren des Inda-Gymnasiums deutlich zu sehen.

Mit einer festlichen Gala hat das Inda-Gymnasium bereits den runden Geburtstag gefeiert. Im November soll es mit weiteren Musikveranstaltungen weiter gehen. Foto: Heike Lachmann/HEIKE LACHMANN

In Ihrem Schulprogramm wird eine starke MINT-Orientierung deutlich.

Bierganz: Diese MINT-Orientierung ist seit etwa drei Jahrzehnten verankert. Wir waren zum Beispiel vor 30 bis 35 Jahren eine der ersten Schulen, die Computer angeschafft hat. Damals waren das noch diese guten alten Apple-Computer – Riesenkisten mit Minibildschirmen. Die Verwaltung konnte zunächst nicht nachvollziehen, wozu eine Schule Computer gebrauchen könnte. Meine Kollegen haben die Stadt zum Glück überzeugt. Diese Tradition gilt bis heute: Wir arbeiten sehr innovativ mit neuen Medien. Ein weiterer ganz wesentlicher Punkt ist, dass bei uns Werteerziehung und Bildung Hand in Hand gehen. Das zeigt sich vor allem an der Realisierung sozialer Projekte. Wir unterstützten zum Beispiel über mehrere Jahrzehnte eine Kinderkrebsnachsorgeklinik in Bad Kudowa in Polen. So sind schon mehrere hunderttausend Euro zusammengekommen.

Schneider: Aber auch viele andere Hilfsprojekte weltweit und regional wurden und werden von uns unterstützt. Nach wie vor finden viele Aktionen und Projekte zur Unterstützung Benachteiligter und Hilfsbedürftigter statt, und mehrmals im Laufe eines Schuljahres freuen wir uns, Gelder überreichen zu können. Wir haben z.B. Brunnenbauprojekte in Afrika, ein Kinderheim in Peru und hier vor Ort z.B. das Kinderhospiz und die Hazienda Arche Noah und viele andere unterstützt.

Dazu passt auch, dass Sie als Unesco-Schule zertifiziert sind. Welche Kriterien müssen Sie dafür erfüllen?

Bierganz: Man muss modernen Unterricht machen, moderne Medien einsetzen und soziale Projekte unterstützen. Und man muss an der Schule Demokratie leben, etwa durch eine gut funktionierende Schülervertretung und indem man Schüler auch darüber hinaus Mitbestimmungsmöglichkeiten gewährt. Bei uns sind das zum Beispiel die Assemblies. Wir haben mindestens einmal im Halbjahr jahrgangsstufenweise Versammlungen, in denen die Schüler ihre Wünsche artikulieren, auf Missstände aufmerksam machen und selbst Projekte anstoßen.

Sie sind auch Fairtrade-Schule.

Bierganz: Wir haben eine sehr engagierte Kollegin, Frau Nellessen-Wefers, die sich dieser Sache angenommen hat und deren Herzensangelegenheit es ist, den Fairtrade-Handel im Sinne einer gerechteren Welt voranzubringen – auch wieder ein Unesco-Thema.

Schneider: Bei uns werden in der Schule Fairtrade-Produkte vertrieben, etwa in einem Fairtrade-Automaten in der Mensa, der mit kleinen Snacks befüllt ist – den ersten in einer Schule überhaupt! Im Rahmen von Fairtrade ist auch die sogenannte Inda-Domschokolade entstanden. Das ist eine fair gehandelte Schokolade. Das Motiv auf der Verpackung ist von einer Schülerin unserer Schule entworfen und in einem Wettbewerb hierfür ausgezeichnet worden.

Bierganz: Damit verbinden wir zwei Jahrestage: 40 Jahre Unesco-Weltkulturerbe Dom und 50 Jahre Inda-Gymnasium.

Ihre Schule machte auch Schlagzeilen, als sie 2015 in den Sommerferien über Nacht zur Notunterkunft für 300 Flüchtlinge wurde.

Bierganz: Damals war ich in Italien im Urlaub und musste plötzlich sehr viele Telefonate nach Aachen tätigen... Ich bin nach dem Urlaub direkt hierhergekommen und habe gesehen, wie glücklich die Menschen in unserer Schule waren, wie froh, dass sie eine einigermaßen vernünftige Unterkunft hatten.

Schneider: Zu der Zeit zeigte sich auch das besondere Engagement unseres Kollegiums, als die Flüchtlinge kurz vor Beginn des Schulunterrichts in andere Unterkünfte gebracht wurden. Innerhalb des Gebäudes herrschte natürlich in gewisser Weise der Ausnahmezustand. Es musste geräumt werden, es musste saubergemacht werden, es war viel zu tun. Und es war nicht zu erwarten, dass die Stadt das innerhalb kürzester Zeit schaffen konnte. Also hat das Kollegium angepackt, und mit dem ersten Schultag waren wir startklar.

Wie haben Sie das mit Ihren Schülern nachbereitet?

Bierganz: Es gab eine größere Schülergruppe, die sich schon in den Sommerferien um die Flüchtlinge gekümmert hat, vor allem um die Kinder. Das wurde auch nach Schuljahresbeginn fortgeführt – über zwei Jahre hinweg.

Schneider: Es gab ganz viele Angebote für die Kinder, etwa Besuche im Tierpark, die die Oberstufenschüler begleitet haben. Es gab Spielenachmittage und Sportangebote. Die Initiative kam aus der Schülerschaft selbst und musste nicht erst von uns angestoßen werden. Dieses Engagement wurde letztlich bei der Betreuung der Schüler der Internationalen Klasse fortgeführt.

Schon jetzt sind Sie mit fünf Parallelklassen das größte Gymnasium Aachens. Fürs laufende Schuljahr haben Sie sogar eine zusätzliche sechste Eingangsklasse beantragt – nicht zum ersten Mal. Sollte Ihre Schule perspektivisch gesehen auf sechs Züge wachsen?

Bierganz: Nein, das ist nicht intendiert. Wir sind zufrieden mit dem, was wir haben. Wenn es uns immer gelingt, eine gute Ausbildung für fünf Züge an unserer Schule zu bieten, dann sind wir zufrieden. Wir wollen kein großes System mit sechs, sieben oder gar acht Zügen werden.

Nicht nur bei Ihnen standen die Schüler Schlange. An Aachens Gymnasium gab es so viele Anmeldungen wie noch nie. Kann das so weitergehen?

Bierganz: Dass alle Eltern das Beste für ihr Kinder wollen, liegt auf der Hand. Man sollte den Ansturm auf die Gymnasien zum Anlass nehmen, über den eingeschlagenen Weg nachzudenken. Ist es wirklich richtig, auf ein zweizügiges System hinzuarbeiten, das im Prinzip aus Gesamtschulen und Gymnasium oder aus Sekundarschule und Gymnasium besteht? Oder ist es nicht politisch viel klüger, das dreigliedrige Schulsystem, das Deutschland stark gemacht hat und das über Jahrzehnte hinweg erfolgreich war, wieder zu stärken? Ich sehe das eher konservativ. Letztendlich müssen wir dem gerecht werden, was unsere Kinder für die Zukunft brauchen. Wichtig ist, dass jeder die gleichen Chancen hat, beruflich erfolgreich zu sein. Und dafür braucht man nicht unbedingt ein Abitur. Im Handwerksbereich gibt es viele offene Stellen, und das liegt mitunter daran, dass typische „Zulieferer“ für das Handwerk – die Haupt- und Realschulen – nicht mehr so erfolgreich sind, wie sie das in der Vergangenheit waren, und zwar weil ihnen die Schüler fehlen. Dabei ist die Arbeit der Kollegen an den Real- und Hauptschulen, die ich kenne, hervorragend.

Sie feiern Ihren 50. Geburtstag nicht nur mit einem offiziellen Festakt, sondern starten gleich ein ganzes „Kulturfestival“ mit mehreren Konzerten bis Ende des Jahres. Warum?

Bierganz: Wir wollen mit dem Festjahr die Vielfältigkeit unserer Schule zum Ausdruck bringen, vor allem das starke künstlerisch-musikalische Feld. Es ist wichtig, dass wir all unseren Musikgruppen eine Bühne geben.

Schneider: Mit den verschiedenen Veranstaltungen wollen wir auch jeweils ein unterschiedliches Publikum ansprechen. Bei den Konzerten tritt immer eine schuleigene Gruppe plus eine professionelle Gruppe auf. Den Abschluss unseres Festjahres bildet dann unser Sommerfest am Endes des Schuljahres.

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