Aachen: "Impact Camp" denkt die Innenstadt ganz neu

„Impact Camp“ : Fruchtbare Ideen für eine blühende City

Beim „Impact Camp“ stellen kreative Köpfe spannende Ideen vor, um die Innenstadt in einen prickelnden Erlebnisraum zu verwandeln. In Kürze sollen die Ergebnisse der Politik, sodann auch einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden.

Lust auf einen kleinen Bummel mit der ganzen Baggage durch die City? Au ja! Natürlich reisen Mama, Papa und die Kinder per Bus an (weil das selbstfahrende Elektromobil erst in ein paar Jahren am Start ist – aber dazu später). Sieh an: Gleich vor dem Bushof, an der Kurhausstraße, erzählt eine lustige Theatertruppe sagenhafte Geschichten aus der Kaiserstadt. Der ehemals so hässliche runde Betonklotz neben der Haltestelle 44, der vor kurzem noch sein tristes Dasein als graue Abluftanlage fürs Parkhaus nebenan gefristet hat, ist jetzt grün umwuchert, sein Dach ist zur kleinen Bühne umfunktioniert worden. Applaus! Und später gucken wir mal in der Adalbertstraße vorbei. Während Papa nach neuen Sandalen Ausschau hält, lassen die Steppkes sich von einem Straßenmusikanten ein paar Griffe auf der Klampfe zeigen. Mutter erkundet derweil das bunte Sammelsurium regionaler Produkte in einem der vielen ehemals verwaisten Ladenlokale . . .

Moment mal – klingt eher nach einem netten Traum, oder? Falsch! Schließlich hat so ziemlich jeder inzwischen kapiert, dass man aus der Not der Leerstände und baulichen Miseren eine wahrhaftige Tugend machen kann – wenn es darum geht, die Stadt wieder zum funkelnden Magneten für alle Generationen zu machen. So hat sich ein gutes Dutzend kreativer Köpfe dieser Tage ein Stelldichein gegeben, um dem sperrigen Begriff namens Innenstadtentwicklung frisches, pralles Leben einzuhauchen. „Im Rahmen des Projekts ,Future Impact Maker‘ haben wir Experten aus vielen Bereichen – Künstler, Designer, Architekten, Filmemacher, Musiker, IT-Spezialisten – zusammengebracht, um gemeinsam Ideen zu sammeln“, erzählt der Aachener Sänger Kai Hennes, der die zweitägige Veranstaltung mit Christoph Brosius, seines Zeichens Entwickler von Computerspielen, moderiert hat.

Und beim „Impact Camp“ in der Galerie 18.30 in der Steinkaulstraße fügt sich das bunte Puzzle der Visionen erstaunlich rasch zu einem faszinierenden Szenario. Credo: Wer den Talkessel als unverwechselbaren „Erlebnisort“ in den Blick nehmen will, sollte dabei auch – und vor allem – die Perspektive der Kinder einnehmen. Denn: „Wenn es uns gelingt, auf Schritt und Tritt neue Überraschungen zu bieten, können wir die Aufenthaltsqualität wirklich nachhaltig verbessern“, glaubt Hennes. Anknüpfungspunkte gibt es schließlich reichlich – zum Beispiel in Gestalt des Archimedischen Sandkastens mitten auf dem Katschhof, der sich in den vergangenen Jahren zum grandiosen sommerlichen Aktionsfeld im Herzen der Altstadt gemausert hat. Warum also sollte man vergleichbare, mehr oder minder temporäre Spielplätze zum Buddeln nicht auch, zum Beispiel, mitten in der Adalbertstraße einrichten? Und das enorme Potenzial der regionalen Kulturszene ließe sich fraglos weidlich nutzen, um die – noch – eher konventionelle Einkaufsstadt in einen spektakulären Schauplatz für spontane, interaktive Erlebnisse zu verwandeln.

Wissenschaft hautnah vermitteln

Etwa so: Kunterbunte Künstlertruppen laden kleine und große Gäste zu turbulenten Spaziergängen auf den Spuren Aachener Sagen und Legenden ein – und eröffnen ihnen Möglichkeiten, selbst mal in eine kleine Rolle zu schlüpfen. Wer seinem Bewegungsdrang noch mehr Lauf lassen möchte,  kann sich am Volleyballnetz oder am Wasserspielplatz austoben. Renommierte Forscher aus den Hochschulen veranstalten derweil spannende Exkursionen, bauen ihre Labore auf dem City-Pflaster auf, um sensationelle Neuerungen im lockeren Rahmen zu vermitteln. Hennes bringt es am Ende des munteren „Brainstormings“ so auf den Punkt: „Aachen kann und muss neue Alleinstellungsmerkmale entwickeln, wenn es seine Anziehungskraft entscheidend verbessern will.“ Und: Viele Beiträge aus dem reichhaltigen Ideenpool ließen sich – nicht zuletzt freilich mit Unterstützung durch die öffentlichen Hände – durchaus zeitnah realisieren.

Allerdings schauen die Teilnehmer des „Impact Camps“ auch ein ganzes Stück weiter nach vorn. Schließlich sind viele von ihnen für ihre zukunftsweisenden Projekte aus der sogenannten Kreativwirtschaft im vergangenen Jahr im Ludwig Forum ausgezeichnet worden. Marcella Hansch, die erst kürzlich mit ihrem innovativen Konzept zur Entmüllung der Ozeane Furore gemacht hat, Designer Martin Stockberg und Stadtplaner Paul Dunkel begeben sich daher ihrerseits auf einen „utopischen“ Spaziergang durch den Talkessel: Im Jahr 2030 ist die City längst weitestgehend vom Blech befreit. An allen Ecken blühen die Früchte des kreativen und technologischen Fortschritts. Platz ist ja nun reichlich vorhanden. Vielfach sind die Pfade durch die Innenstadt deshalb durch eine neue, barrierefreie Ebene ergänzt worden.

Nach der Anreise im selbstfahrenden E-Bus flaniert man an Gemüsegärten vorbei, wo man leckere Kräuter und mehr pflücken kann. Das „Street Gardening“ hat die Stadt sogar in Gestalt grüner Kletter-Oasen auf den Hausdächern erobert, die miteinander verbunden sind. Im Elisengarten lockt ein großes Wasserbecken, in dem man archäologische Schätze per Schnorchel erkunden kann. Gleich um die Ecke wird ein Spielfilm open air auf einer Großleinwand gezeigt. Viele Bachläufe sind freigelegt, am Ufer der Wurm brutzeln Sterneköche Leckereien und setzen die besten Rezepte um, die ihr Publikum in einem kleinen Wettbewerb vorgestellt hat. Und wenn man später noch auf einen Absacker im Biergarten nahe dem RWTH-Campus oder in der Altstadt verabredet ist, steigt man am Bahnhof in die Seilbahn um und genießt aus der Vogelperspektive den wunderbaren Blick auf Dom, Rathaus und das kunterbunte Treiben ringsum …

Okay, bis dahin muss noch eine Menge bewegt werden – an Material, und nicht zuletzt in den Köpfen. Aber: „Ich glaube, wir haben schon einmal viele krasse Visionen entwickelt“, meint Marcella Hansch unterm Schlussablaus des kreativen Kollektivs im Atelier. Und auch darin ist man sich einig: Mit etwas Mut und viel Energie lässt sich allerhand erreichen, wenn es darum geht, den gewandelten Bedürfnissen der Menschen in einer gewandelten Stadt Rechnung zu tragen. „Denn Aachen“, findet Marcella Hansch, „ist schon ganz schön geil!“

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