Aachen: "ICH ist ein anderer" feiert im Mörgens-Theater Premiere

Jugendliche haben das Stück selbst erarbeitet: Über die Bedeutung von Heimat und Familie

„Ich bin Spaß“, „Ich bin klein, „Ich bin ein Boxer“ – ein vielstimmiges „ICH, ICH, ICH“. Wenig subtil weist „ICH ist ein anderer“, das am Sonntag im Mörgens uraufgefüht wurde, auf das Thema der nächsten rund 50 Minuten: wer bin ich? Was bin ich? Warum bin ich ich?

Elf junge Menschen zwischen 14 und 17 Jahren haben das Stück in rund viermonatiger Arbeit selbst aus der Taufe gehoben – gefördert durch „Zur Bühne“, dem Förderprogramm des Deutschen Bühnenvereins im Rahmen von „Kultur macht stark. Bündnis macht Bildung“.

Vom Text bis hin zur Gestaltung der Bühne wuchs „ICH ist ein anderer“ aus den Ideen der Schülerinnen und Schüler. Unterstützung bekamen sie unter anderem durch Regisseurin Ana Valeria Gonzalez, Dramaturgin Vivica Bocks und Produktionsleiterin Katrin Eickholt. „ICH ist ein anderer“ dreht sich nicht kompliziert oder philosophisch um die Frage: „Was ist das Ich?“, sondern geht anders an den großen Themenkomplex Identitätsbildung heran: Was hat mich bisher geprägt?

Ein Aspekt steht dabei ganz prägnant im Vordergrund: die Familie. Was erwartet meine Familie? Was erwarte ich von meiner Familie? Wie haben mich familiäre Situationen geprägt? Was nehme ich daraus für mich mit? Welche Rolle spielen die Werte und Vorstellungen, die in meiner Familie vermittelt werden?

In kleinen Monologen – vier davon nicht auf der Bühne, sondern im Flur des Theaters oder im Café Mörgens – erzählt jeweils ein Darsteller eine von acht Geschichten, die entweder autobiographisch sind (wie etwas die Geschichte von Claudia Gyasi) oder von einem anderen Teilnehmer oder anderen Teilnehmerin des Projekts stammen. So erzählt Amon Gier die Geschichte seines Freundes Henndry Frias. Henndry stammt aus der Karibik und entschied sich, seine Freunde und seinen Vater zurückzulassen und nach Deutschland zu ziehen. Im deutschen Winter allerdings, in Kälte und Schnee, die ihm bis dato völlig unbekannt waren, erkennt er dass „ein Teil von mir verschwand. Der Sommer.“ Doch mit der neuen Heimat kommt auch eine neue Erkenntnis. Seine Mutter habe gesagt: „dass ich ich sein soll“ und diesen Satz habe er sich zu Herzen genommen.

Beeindruckende Monologe über die Bedeutung von Familie und Heimat halten auch Mugtada Alzuabidi und Asil Alghanem. Beide erzählen eine Fluchtgeschichte, wobei einer mit, der andere ohne seine Familie nach Deutschland gekommen ist. Beiden Geschichten wohnt inhärent die Bedeutung, die Familie für die Erzähler hat, inne. Die Familie ist Heimat, die Familie ist aber auch Halt. Mugtadas Erzählung ist aber nicht nur wegen der Familiengeschichte herausragend: „Seit ich elf Jahre alt bin, arbeitete ich als Automechaniker“, eröffnet er die Geschichte. In so jungen Jahren bereits arbeiten zu müssen – das ist eine Erfahrung, die Gleichaltrige in Deutschland nur selten machen. Jetzt geht Mugtada zur Schule, heißt es im Text, und wenn er diese abgeschlossen habe, dann möchte er wieder als Automechaniker arbeiten. Nachdenklich macht diese Erzählung.

In Asils Geschichte kommt der Protagonist ganz allein in Deutschland an, lernt, selbstständig zu sein, vermisst aber seine große Familie, die ihn in den Arm nimmt und für ihn da ist – er weiß, wie viel ihm die Familie bedeutet und wie schön es ist, mittlerweile wieder mit ihr vereint zu sein. Doch Familiengeschichten sind nicht immer positiv: In den Monologen von Maja Stefan und Maike Gentges geht es eher um Konfliktsituationen in der Familie, um Streit und um Durchsetzungsvermögen, um die Möglichkeit, sich selbst individuell zu entwickeln. Zum Schluss wurde dann auch das Publikum gebeten, die Konventionen zu brechen, sich selbst treu zu sein: das eigene Ich zu leben.

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