Aachen: Hein Lindgens wird am Mittwoch 70 Jahre alt

Ehemaliger Beigeordneter blickt auf Bilderbuchkarriere zurück : „Der Jong va de Hörn“ feiert runden Geburtstag

Als er in Pension ging, wollte er sich „erst mal kramen“. Das meinte wohl, das Alte sortieren, ordnen, Abstand gewinnen, sich neu aufstellen. Gucken, was der Ruhestand bringt. Das war vor sieben Jahren. Der da kramte, der Beigeordnete a.D. Hein Lindgens, wird am Mittwoch 70 Jahre alt.

Wer langsam durch die schmale Straße Auf der Hörn fährt, muss die Adresse Lindgens nicht lange suchen. Auf einem Mäuerchen in einer Garageneinfahrt steht eine gläserne Laterne im gardasee-grünen viereckigen Metallgestell, in der still im roten Glas eine Kerze brennt, eine Ölflamme. Es ist 11 Uhr vormittags, helllichter Tag. Gegenüber hängt ein Muttergottesbild. Wer Hein Lindgens kennt, weiß auf der Stelle: Hier, nur hier, ist es, Hausnummer suchen überflüssig.

Der Hausherr erklärt die fromme Szenerie: „In der Nähe liegt ein Altenheim und das Hospiz, viele Bewohner kommen hier im Rollstuhl vorbei, halten an und beten dann am Kerzchen. Die Kerze macht auch nur Sinn, wenn sie brennt, wenn sie sich verzehrt. So sehe ich auch das menschliche Leben: Wer nicht brennt, wer sich nicht verzehrt, für eine Sache, für den Nächsten, der hat den Sinn des Lebens verpasst.“

Eine Erzählung, die den praktizierenden Katholiken Hein Lindgens zutiefst charakterisiert. Knapp fünf Jahrzehnte in städtischen Diensten war er bemüht, seine Worte zu befolgen. Für die Vaterstadt gebrannt, ihr gedient von der Pike auf bis nach ganz oben: Verwaltungspraktikant, im Fuhrpark, im Ordnungsamt ganz nah „bei de ärm Lü“, bei den Obdachlosen, ins Rathaus gewechselt als erster Bürgerbeauftragter der Stadt, die ihn prägende Zeit als Referent von Oberbürgermeister Kurt Malangré, aufgebaut und geleitet den Zweckverband Straßenverkehrsamt für die Städteregion, elf Jahre Bezirksstellenleiter in Haaren-Verlautenheide und zum Schluss auch noch Beigeordneter der Kaiserstadt Aachen, acht Jahre Dezernent für Personal und Organisation.

Eine Bilderbuchkarriere

Eine erstaunliche, eine Bilderbuchkarriere. „Das war phantastisch, das war unglaublich“, schwärmt der 70-Jähige noch heute von den Malangré-Jahren 1979 bis 1989, jene Zeit, als das befreundete Triumvirat Kurt Malangré-Presseamtsdirektor Ottmar Braun-Hein Lindgens im Rathaus souverän den Ton vorgab und die städtischen Dinge quasi im Alleingang managte. Die Drei hatten schlicht „das Sagen“, was selbst einen ausgebufften CDU-Fraktionschef wütend auf die Palme bringen konnte.

„Nee, was waren das für Zeiten“, sagt Hein Lindgens. Wunderschöne Jahre, kostbare Erinnerungen und dabei immer Bodenhaftung behalten. Hein Lindgens hat nie vergessen, wo er herkam. Der Vater Schreinergeselle, die Mutter Schuhverkäuferin. „Was die stolz wären... – ose Jong“, sinniert er. Er ist „der Jong va de Hörn“ geblieben, „op de Hörn ben ich ze heäm“, nur ein paar Häuser weiter geboren wohnt er „in dritter Generation“ im Häuschen, das „Oma und Opa“ 1939 als „Reichsheimstätte“ gekauft hatten. Das Häuschen hat heute freilich einen geräumig-eleganten Anbau, ein Atelier-Haus mit hohen Fensterwänden, lichtdurchflutet mit Blick in den stillen Garten. Bücherregale. Behaglich, gemütlich, heimelig, moderne Poeten-Kammer, hier wohnt ein mit sich zufriedener Mensch.

Wer Hein Lindgens längere Zeit nicht begegnet ist, wird staunen. Die dichte Stoppelfrisur ist grauem Langhaar-Zottel gewichen, unter der „Plaat“ zu einem Zöpfchen gebunden. Ein rotes Akkordeon liegt rum, mit dem Unterricht hat er vor kurzem begonnen. Blockflöte spielt er seit vier Jahren. In Simenon-Krimis schmökert er noch immer gern. Reisen ist nicht sein Ding, aber eine Israel-Reise hat er gemacht, um endlich einmal die biblischen Stätten zu sehen. Seit 40 Jahren zieht er sich einmal jährlich, so es sich machen lässt, für ein paar Tage in ein Kloster zurück, nach Maria Laach mit Vorliebe, auch Kornelimünster. Frommer Kirchgänger wie eh und je: Jeden Mittwoch geht er mit einem Freund zur Messe in den Dom, aber auch sonntags und schon mal die Woche über besucht er einen Gottesdienst.

„Das mit dem Glauben“, räumt Hein Lindgens ein, „wird in der Tat immer schwieriger.“ Aber dann spricht er von „diesem riesigen Universum, in dem unsere Erde doch nur ein Vogelschiss ist“. Er denke nach über die Frage: „Warum verbrennt in diesem Universum gerade unser kleiner Planet nicht – obwohl wir dabei sind, ihn zu vernichten?“ Und Lindgens spricht von der „Kraft der Schöpfung“, die man auch „Gott“ nennen könne, und in dieser „Kraft oder Gott“ sehe er „eine Botschaft: ein anständiger Mensch zu sein“. Deshalb glaube er an Gott. Und der Christen-Mensch Hein Lindgens setzt hinzu: „Jesus Christus hat die Kraft der Liebe am reinsten beschrieben. Deshalb glaube ich an ihn.“

„Wir sind dran!“

„Grelliger, empfindlicher“, glaubt er, sei er geworden. Das sei wohl „die Erkenntnis, dat et op de letzte Plöck“ zugehe. Wer komplimentierend abwiegelt und ihm „die Hundert“ wünscht, sieht Hein Lindgens zur parat liegenden Bibel greifen und Psalm 90 rezitieren: „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, sind es achtzig . . .“ Er beharrt und lacht dabei: „Wir sind dran!“

Zum Geburtstag gratulieren Tochter und Schwiegersohn und drei Enkelkinder und „ming Nöi“, meine Neue, die neue Lebenspartnerin seit zwei Jahren, „sie wohnt im Frankenland“.

„Bes op de niekste Kiehr!“ – „Bis zum nächsten Mal!“ verabschiedet Hein Lindgens seinen Gast und fügt traditionell hinzu: „Bleibe ein guter Mensch!“

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