Aachen: Grundstückswerte in Einkaufsstraße sinken

Einzelhandel schwindet : Sorgen auf der Großkölnstraße wachsen

„Einmal keine Sorgen haben“ hieß der Kinofilm, mit dem das Lichtspielhaus „Roxy“ an der Großkölnstraße 30 eröffnet wurde. Schauspielerin Nadja Tiller kam persönlich. Lang ist’s her.

Seit der Premiere 1953 hat sich das Gesicht der ehemals florienden Einkaufs- und Flaniermeile zwischen Markt und Hotmannspief erheblich verändert. Schon bald werden sich die Mienen von Geschäftsleuten und Eigentümern dort weiter verfinstern – obwohl die Nordhorner Projektentwicklungsgesellschaft List Develop Commercial GmbH & Co. KG anstelle abgerissener Schrottimmobilien ein neues Hotel mit Einzelhandel – wahrscheinlich ein Drogeriemarkt – im Erdgeschoss baut.

Mit einem halben Jahr Verzögerung, also Ende 2019, sollen in dem fünfeinhalbgeschossigen Gebäude an der Großkölnstraße 57-63 auf 6000 Quadratmetern 157 Betten der Kette „B & B“ stehen. Gleichzeitig dürfte der Auszug des Modehauses Sinn Richtung umgebauter „Lust for Life“-Immobilie anlaufen. Dann stehen zunächst weitere 5500 Quadratmeter Verkaufsfläche von der Ecke zur Mostardstraße bis weit in die Großkölnstraße hinein leer. Wobei im unteren Teil der Großkölnstraße schon jetzt ein halbes Dutzend Geschäfte – vor allem neben dem Drogeriemarkt Müller – im Umfeld des Baugrube verwaisen. Und Müller ließ auch schon durchblicken, dass man Alternativstandorte favorisiert.

Abwanderung des Einzelhandels: An der Ecke Großkölnstraße / Mostardstraße könnte in wenigen Jahren ein weiteres Hotel stehen. Foto: ZVA/Michael Jaspers

Wie also geht es mit der Großkölnstraße weiter? Viele Immobilieneigentümer fürchten, dass die Preise und damit die Werte ihrer Grundstücke weiter fallen. Dem Vernehmen nach wurde ein Quadratmeter Fläche noch vor 15 Jahren zu Preisen um die 5000 Euro gehandelt. Inzwischen sind es kaum noch 3300 Euro. Mitten in einer eigentlichen Einkaufszone.

Auch der gewaltige Eckbau Richtung Markt dürfte nach dem Auszug des Modehauses kaum noch ähnlich zu vermarkten sein. Zumal sich die beiden Eigentümer – ein Aachener und ein spanischer Investor – nicht auf eine gemeinsame Zukunft einigen konnten. Für das Eckgrundstück des Spaniers ist ein weiteres Hotel in zentraler Lage im Gespräch, für den Gebäudeteil daneben kommen die Themen „kleinere Einzelhandelsfäche“ und Wohnen in Betracht. Die Gebäude und Grundstücke könnten baulich wieder sichtbar getrennt werden. Fest steht hier kaum etwas. Nur so viel: Der Mietvertrag des Modehauses endet angeblich erst Ende 2023...

Bauanträge unterwegs

Bis dahin dürfte der Neubau der Deutschen Rückversicherungs Aktiengesellschaft, die schräg gegenüber anstelle des Roxy-Kinos (das 1978 geschlossen und jahrelang ebenfalls als Modehaus genutzt wurde) Studentenappartments bauen will, längst bezogen sein. Vielleicht sogar mit neuem Einzelhandel im Erdgeschoss. Die Bauanträge sind unterwegs, Details zum bevorstehenden Abriss will man offiziell aber erst Anfang 2019 preisgeben.

Tatsache sei nichtsdestotrotz, so versichern namhafte Aachener Makler, dass die Nachfrage bei Einzelhandelsflächen seit der Einweihung des Aquis Plaza mit 130 Shops auf 30.000 Quadratmetern auf der anderen Seite der Innenstadt eingebrochen sei. Der „Lebenszyklus“ der Großkölnstraße sei nach vielen erfolgreichen Jahren – vor allem in den 80er und 90er Jahren – nunmehr an einem Tiefpunkt angelangt.

Drumherum viel Leerstand: Im kommenden Jahr jagen Bautrupps 110 Bohrpfähle bis zu 15 Meter in den Boden, dann entsteht hier an der Großkölnstraße 57 bis 63 ein Hotelbau. Foto: ZVA/Michael Jaspers

Damit sei zu erwarten, dass es in den kommenden Jahren entlang der Großkölnstraße Alternativen zum Einzelhandel geben werde. Ungewöhnliche Ideen in den jetzt preiswert zu mietenden Geschäftsflächen seien zu erwarten, darunter sicher auch florierende Einfälle. Es müsse ja nicht gleich ein martialisches Waffengeschäft mit Macheten, Kampfmessern, Pistolen und Gewehren sein – so wie es jüngst gegenüber der Citykirche St. Nikolaus eingezogen ist, sagen Nachbarn.

Anwohner und Geschäftsleute wundern sich, dass der Abwärtsspirale in der Großkölnstraße in politischen Debatten städtischer Gremien wenig Beachtung geschenkt werde. Denn man rechnet damit, dass Abwanderung und „Downgrading“ noch weiter Fahrt aufnehmen, wenn das Rathaus-Parkhaus an der Mostardstraße 2019 für mindestens ein Jahr zur Generalsanierung dicht gemacht wird. Dann schneidet die Mammutbaustelle wohl wichtige Kundenströme ab.

Was wiederum in der früher florierenden Shoppingmeile an weitere Filmtitel von Nadja Tiller erinnert: „Es muss nicht immer Kaviar sein“ oder „Waterloo“ zum Beispiel.

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