Aachen: Geschäftswelt leidet, Nachfrage sinkt

Gewerblicher Mietspiegel : Einzelhandel in Aachen blutet aus

Die Nachfrage sinkt, der Einzelhandel schrumpft. Immobilieneigentümer erzielen selbst in zentralen Lagen der Aachener Innenstadt immer geringere Mieteinnahmen. Viele Geschäftslokale stehen leer. Das sind Erkenntnisse aus der neuen Analyse und Studie des gewerblichen Immobilienmarkts der Initiative Aachen und eines hochkarätig besetzten Gutachterausschusses.

„Der neue gewerbliche Mietspiegel zeigt drastisch die Probleme der Aachener Innenstadt“, resümiert Dr. Simone Pfeiffer-Bohnenkamp, Vorstandsvorsitzende der Initiative Aachen. Geschäftsführerin Andrea Trebschuh erläutert, dass viele Areale und Straßenzüge – etwa wegen sinkender Passantenfrequenz und zahlreicher Leerstände – „nicht mehr als einzelhandelsrelevant im Sinne einer innerstädtischen Lage“ einzuordnen seien. So fällt zum Beispiel die ehemalige Flaniermeile Dahmengraben vor dem verwaisten alten Horten-Kaufhaus komplett aus dem Mietspiegel. Das heißt: Wo früher von einzelnen Hauseigentümern Mieten von bis zu 70 Euro pro Quadratmeter aufgerufen wurden, können nun nicht einmal mehr 15 Euro pro Quadratmeter erzielt werden. Und trotzdem stehen dort reihenweise Geschäftslokale leer. Noch dramatischer ist die Situation zwischen Willy-Brandt-Platz und Kaiserplatz an der Adalbertstraße neben dem Aquis Plaza. Dort vergammelt eine ganze Häuserzeile. Auffällig bei der Entwicklung der Aachener Einzelhandelszonen ist, dass fast der komplette Grabenring – Kapuzinergraben, Alexianergraben, Löhergraben, Karlsgraben und Templergraben (abgesehen vom direkten RWTH-Umfeld) erstmals seit Erhebungsbeginn in den 90er Jahren aus dem gewerblichen Mietspiegel fallen. Das heißt: Es handelt sich hier mit Quadratmeterpreisen deutlich unter 15 Euro nicht einmal mehr um klassische „2er-Lagen“.

Trebschuh: „Nur die 1a-Lage – vordere Adalbertstraße – konnte durchweg bestätigt werden. Schon in der 1b-Lage musste der Friedrich-Wilhelm-Platz heruntergestuft werden auf 1c“, rechnet die Expertin vor. Damit sinken auch gegenüber dem Elisenbrunnen die Quadratmetermieten auf 25 bis 50 Euro. Nur geringe Abschnitte von Holzgraben, Krämerstraße und Aachener Markt sind zwischen 50 und 80 Euro vermietbar. Direkt daneben fallen die Mietpreise immens. „Für die 2er-Lage weist der Mietspiegel jetzt deutlich weniger Bereiche der Aachener City auf, in denen der Mietzins zwischen 15 und 25 Euro pro Quadratmeter liegt. Diese Entwicklung spiegelt sich auch im deutlich verschlechterten Investitionsklima wider“, erläutert Trebschuh. Deshalb durchaus überraschend: Die meisten Teilnehmer der Datenerhebung – also Immobilieneigentümer und Geschäftsleute – bescheinigen Aachen zukünftig eine gute Positionierung als Einkaufsstadt mit ebensolcher Aufenthalts-, Lebens- und Wohnqualität. So ist es den Umfragen der Gewerbeimmobilienanalyse der Initiative Aachen zu entnehmen. Auch wenn die anderen Kommunen der Städteregion gerade bei Rahmenfaktoren wie verkehrliche Erreichbarkeit und Parken deutlich positiver abschneiden.

Umfassende Analyse mit besorgniserregenden Ergebnissen: (v.l.) Simone Pfeiffer-Bohnenkamp, Vorstandsvorsitzende der Initiative Aachen, und Geschäftsführerin Andrea Trebschuh sehen trotzdem viel Potenzial für Aachens Gewerbeimmobilienmarkt. Foto: Harald Krömer ZVA/Harald Krömer

Die Geschäftsführerin der Initiative Aachen betont, dass man nun schnellstens in der Kaiserstadt die richtigen Weichen stellen muss. „Das Ergebnis unserer Umfrage bedeutet, dass die Fachwelt ein großes Potenzial in Aachen sieht, wenn angekündigte Projekte in der Aachener Innenstadt in naher Zukunft in Angriff genommen werden“, sagt sie. Gemeint sind versprochene Großbauprojekte wie das tausende Quadratmeter große Einkaufsparadies, das der Moderiese Peek & Cloppenburg anstelle des seit Jahren leer stehenden Wehmeyer-Baus an der Adalbertstraße bauen will. Hier wurde noch nicht einmal der Abriss in Angriff genommen. Oder die marode Häuserzeile neben Aquis Plaza – oder der Leerstand im alten Hortenhaus (Lust for Life), wo ein Food-Markt geplant ist. Oder die Überplanung des Bereichs Büchel inklusive Parkhaus-Abriss. Oder die Bushof-Umgebung... und so weiter. Das größte Potenzial sehen die Experten auf der Achse Aquis Plaza – Elisenbrunnen bei sinkenden Top-Mieten sowie in guten 1b-Lagen wie Markt, Krämerstraße, Ursulinerstraße, Münsterplatz. „Künftig können auch der Bereich Büchel mit dem ehemaligen Lust for Life sowie die Kapellenstraße in Burtscheid eine größere Rolle spielen“, erläutert Trebschuh.

Für Bars, Restaurants und Imbissbuden gelten indes andere Gesetze: Vor allem im Pontviertel sind hier auf dem gastronomischen Sektor regelmäßig Quadratmetermieten zwischen 25 und 50 Euro fällig. In Ausnahmefällen werden von (System-)Gastronomen auf dem Aachener Markt zwischen Kleinköln- und Mostardstraße sowie am Holzgraben bis zu 80 Euro pro Quadratmeter fällig – was laut Initiative Aachen auch an den großen Außengastronomieflächen und entsprechenden Umsatzchancen liegt.

Herabgestuft: Am Friedrich-Wilhelm-Platz lassen sich keine Höchstmieten mehr erzielen. Foto: Harald Krömer ZVA/Harald Krömer
Mehr von Aachener Nachrichten