Aachen: Feuerwehr reagiert auf Angriffe auf Rettungsdienstpersonal

Angriffe auf Rettungskräfte : Keine stichfesten Westen, aber Funkempfänger mit Notfallknopf

Sie werden bedroht, geschlagen und bespuckt. Sie müssen Tritten ausweichen und Randalierer beruhigen. Die Frauen und Männer, die in Aachen im Rettungsdienst und bei Feuerwehreinsätzen unterwegs sind, haben im Laufe ihres Berufslebens einiges auszuhalten.

Seit dem vergangenen Jahr wird jede einzelne Attacke registriert und in der Regel auch zur Anzeige gebracht. Bezirksregierung und NRW-Innenministerium werden ebenfalls informiert. Stichfeste Westen für den Rettungsdienst allerdings will die Aachener Feuerwehr derzeit nicht anschaffen.

In Herzogenrath ist das anders. In der Roda-Stadt hat man sich entschlossen, für die Kräfte im Rettungsdienst stichsichere Westen anzuschaffen. Und das hat über die Stadtgrenzen hinaus für Gesprächsstoff gesorgt. „Das Beispiel Herzogenrath hat auch bei uns Diskussionen ausgelöst“, bestätigt Bernd Geßmann, stellvertretender Leiter der Aachener Feuerwehr. Verständlich, wie er findet. Helfer hätten das Gefühl, bei ihren Einsätzen zunehmend mit respektlosem Verhalten konfrontiert zu werden. Andererseits: „Wir hatten in Aachen bisher keinen Angriff, bei dem eine solche Weste geschützt hätte“, sagt Geßmann. Für Kopf, Arme und Beine biete auch eine stichsichere Weste keine Sicherheit.

Persönlich ist er sogar überzeugt: „Eine Weste verleiht eine scheinbare Sicherheit, die nicht da ist.“ Und: „Je mehr Rüstung wir uns anziehen, desto mehr verlieren wir die Nähe zur Bevölkerung.“ Der stellvertretende Feuerwehrchef setzt stattdessen darauf, dass seine Leute beruhigend auf aggressive Patienten oder Angehörige einwirken und sich zur Not mit Mitteln der Selbstverteidigung aus kritischen Situationen befreien. Gleichwohl weiß Geßmann, dass einige Kollegen sich privat so eine Weste angeschafft haben, weil sie sich damit etwas sicherer fühlen.

„Wir schauen sehr genau hin, was bei Einsätzen passiert“, sagt Bernd Geßmann, stellvertretender Leiter der Aachener Feuerwehr. Foto: Heike Lachmann

Ist die Zahl der verbalen und körperlichen Angriffe denn tatsächlich gestiegen? Belegen lässt sich das nicht. Schließlich wird die Statistik darüber bei der Aachener Feuerwehr erst seit 2018 geführt. Im vergangenen Jahr, sagt Geßmann, seien Feuerwehr und Rettungsdienst in Aachen rund 50.000 Mal ausgerückt. Die Einsätze reichten vom entflogenen Papagei über den akuten Herzinfarkt bis hin zum Großbrand. Bei 35 dieser Einsätze kam es zu körperlicher Gewalt gegen das Personal im Rettungsdienst. 32 der Fälle wurden angezeigt. „Und die übrigen drei nur deshalb nicht, weil der Angriff von einer stark dementen Person ausging“, berichtet Geßmann. 35 Übergriffe, das bedeutet, dass es bei 0,07 Prozent der Einsätze eine „Gewaltbegegnung“ gab. Das klingt erst mal nicht dramatisch viel. „Aber wir schauen sehr genau hin, was da passiert“, betont Geßmann. „Und wir überlegen, wo wir besser werden können.“ Die meisten Übergriffe passieren nicht auf der Straße, sondern zum Beispiel bei internistischen Notfällen in Wohnungen. „Und man weiß nie, was hinter der Tür auf einen wartet“, sagt Geßmann.

Wenn auch stichsichere Westen bei der Aachener Feuerwehr – noch – kein Thema sind, so wird an anderer Stelle doch nachgerüstet. Das Rettungspersonal wird derzeit nach und nach mit neuen Funkempfängern ausgestattet. Diese Geräte haben einen eigenen Notfallknopf für einen Notruf in die Leitstelle. Die Kollegen dort können dann Polizei als Verstärkung losschicken.

Der große Knopf stellt im Notfall den Kontakt zur Leitstelle her. Die Aachener Feuerwehr ist dabei, ihre Kräfte mit den neuen Funkempfängern auszurüsten. Foto: Heike Lachmann

„Wir löschen Brände, wir versorgen Verletzte“, bilanziert Bernd Geßmann. Aber der Respekt vor den Helfern und das Verständnis für deren Arbeit, so jedenfalls der allgemeine Eindruck, hätten stark abgenommen. Das fängt schon damit an, dass sich auch in Aachen Anwohner über den Lärm von Martinshörnern beklagen oder dass Autofahrer nicht einsehen wollen, dass sie warten müssen, wenn Einsatzfahrzeuge im Weg stehen. Noch gut erinnert sich Geßmann an einen Fall, als ein Patient auf der Straße im Rettungswagen reanimiert wurde. „Es ging um Leben und Tod“, erzählt er. „Und plötzlich klopft jemand an die Tür und sagt: Sie parken mich zu!“

Und als jüngst Kollegen von der Freiwilligen Feuerwehr in Aachen unterwegs waren, um die unter der Trockenheit leidenden Bäume mit Wasser zu versorgen, da beschwerte sich prompt ein Anwohner, weil das Einsatzfahrzeug – übrigens ganz korrekt – mit Blaulicht auf der Straße stand.

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