Aachen: Fast 500 Meter langer Tunnel unter dem Brander Wall.

Bau der neuen Erdgas-Pipeline Zeelink : Mit 300 Tonnen Druck und heiligem Beistand

Die heilige Barbara hat alles im Blick. Ganz oben am Rand der acht Meter tiefen Grube hängt die Heiligenfigur, gut beschützt hinter Glas und beleuchtet von einer Lampe, und wacht gleichsam darüber, dass unten in der Grube und noch viel tiefer unter der Erde alles glatt geht.

Die Dame ist die Schutzpatronin der Bergleute, sie taugt daher auch im Tunnelbau als Glücksbringerin. „Und Glück können wir hier gut gebrauchen“, sagt Frank Hennig.

Der 53-Jährige sitzt der heiligen Barbara gegenüber, am anderen Ende der Grube, vielleicht 15 Meter Luftlinie entfernt, und hat ebenfalls alles im Blick. Die Schutzpatronin natürlich, die Kollegen unten in der Grube und die vielen elektronischen Anzeigen in dem winzigen, engen Container, der sich Steuerstand nennt. Muss er aber auch.

„Extrem anspruchsvoll“: Auch Oberbauleiter Lothar Pfeiffer kann den Zeitrahmen für das Bohrprojekt derzeit nur grob abstecken. Foto: Andreas Steindl

Denn Frank Hennig ist dafür verantwortlich, dass der Tunnel dort wieder an die Erdoberfläche tritt, wo die Trasse der Erdgaspipeline Zeelink weiterverläuft: auf der anderen Seite des Brander Walls in der Nähe des Sportplatzes, knapp 500 Meter entfernt von der Startgrube neben der Münsterstraße, an der er in seinem kleinen Container sitzt. „Die Zielgrube müssen wir schon treffen“, umschreibt er seinen Auftrag in einem Satz und lacht.

Frank Hennig ist Bohrmeister und hat schon so einige Tunnel gebohrt in seinem Berufsleben. Sein längster war 860 Meter lang, am Frankfurter Flughafen. Der Rekord seiner Firma steht bei rund 1300 Metern, zwischen Bingen und Rüdesheim unter dem Rhein hindurch. Aber es hat den Anschein, als habe der Bohrexperte vor den „nur“ 480 Metern durchs Aachener Erdreich gehörigen Respekt. „Das ist eine ganz spezielle Herausforderung“, verweist er auf die wechselhafte geologische Struktur unter dem Brander Wall, in der man immer wieder auf ein Element stößt, für das Hennig ein Wort verwenden muss, das Bohrmeister eigentlich nicht so gerne in den Mund nehmen: „Hartgestein“.

Fest im Visier: Knapp 500 Meter Erdreich müssen bis zur Zielgrube auf der anderen Seite des Brander Walls durchbohrt werden. Foto: Andreas Steindl

Von einem „sehr teuren, sehr anspruchsvollen Gewerk“ spricht auch sein Chef, Oberbauleiter Christian Trittenbach. Und dessen Amtskollege Lothar Pfeiffer, Oberbauleiter des Auftraggebers Open Grid Europe (OGE), der die Pipeline von der belgischen Grenze bei Lichtenbusch über 216 Kilometer bis in die Nähe von Ahaus bauen lässt, bezeichnet den gesamten ersten Bauabschnitt zwischen Lichtenbusch und Eschweiler-Röhe als „extrem anspruchsvoll“. Auf den vergleichsweise dicht besiedelten 18,6 Kilometern gelte es mehr als 50 Kreuzungsbauwerke herzustellen, seien wegen des einstigen Westwalls umfangreiche und zeitaufwendige Kampfmittelerkundungen vorzunehmen und außerdem erhebliche archäologische Untersuchungen nötig. Und dann noch dieses Tunnelprojekt in schwierigem Untergrund.

Auf einen Nenner gebracht könnte man sagen: Das Aachener Teilstück ist für die Pipelinebauer ein Nadelöhr und der Brander Wall darin die engste Stelle. Zeitliche Prognosen seien deshalb schwierig, sagt Pfeiffer, denn: „Alles steht und fällt mit der Geologie.“ Einen Zeitplan hat man natürlich trotzdem. Ende Juni hat der Tunnelbau an der Münsterstraße begonnen, Ende August, Anfang September will man am anderen Ende des Brander Walls angekommen sein.

Kleine Knöpfe, große Wirkung: Bohrmeister Frank Hennig in Aktion. Foto: Andreas Steindl

Dann dürften auch einige Anwohner in der Nähe der Baustelle an der Münsterstraße hörbar aufatmen. Denn es hat einige Beschwerden gegeben wegen nächtlicher Lärmbelästigung. Der Lärm stammt von den dröhnenden Dieselgeneratoren, die die Baustelle und vor allem den Tunnelvortrieb mit Elektrizität versorgen und rund um die Uhr arbeiten. Sie speisen die Pressstation mit Strom, die direkt unter den Augen der heiligen Barbara die sechs Meter lange Abbaueinheit – einen großen Schild mit verschiedenen Rollenmeißeln – in die Tiefe treibt. Mit 300 Tonnen Druck und heiligem Beistand sozusagen.

Hinter diesem „Bohrer“ werden sogleich die Tunnelelemente mit ins Erdreich gedrückt. Das Ganze ist ständig in Bewegung, langsam, aber stetig. Stillstand wäre fatal, sagt Oberbauleiter Trittenbach: „Dann besteht die Gefahr, dass der Betontunnel sich festsetzt.“ Also quasi stecken bleibt. Und das könnte das ganze Projekt zum Platzen bringen. Deshalb, beteuern die Verantwortlichen von OGE, müsse man rund um die Uhr arbeiten. Man habe sogar das Aufstellen von Schallschutzwänden geprüft, berichtet OGE-Pressesprecher Helmut Roloff. Doch dafür gebe es auf der Baustelle nicht genügend Platz.

Aachener „Hartgestein“

Allerdings kommt es zwischendurch immer mal vor, dass der Bohrer stillsteht. Aber unfreiwillig, wenn er mal wieder mit dem Aachener „Hartgestein“ Bekanntschaft gemacht hat. Bohrmeister Hennig erkennt das in seinem kleinen Container daran, dass der Drehzahlmesser auf seinem Monitor heftig ausschlägt, dass sich die Druckwerte rasant verändern. Und zieht dann sozusagen die Notbremse. Vor ein paar Tagen erst ist das zuletzt passiert.

Dann müssen Arbeiter in den Tunnel, der innen einen Durchmesser von 1,60 Metern hat, hineinklettern und die Werkzeuge am Bohrschild austauschen. Und das kann schon einmal ein bis zwei Zwölf-Stunden-Schichten dauern. Schließlich hat man schon 310 Meter Strecke geschafft, den tiefsten Punkt 27 Meter unter der Erde hinter sich gelassen und befindet sich bereits wieder im Aufstieg zur Zielgrube.

Doch warum überhaupt dieser ungewisse Ausflug ins geologisch anspruchsvolle Erdreich? Warum eine Lösung, die das Vier- bis Fünffache der Kosten einer normalen Pipelineverlegung verschlingt – eine mittlere einstellige Millionensumme, wie OGE-Oberbauleiter Pfeiffer verrät? Weil es nicht anders geht. Den Brander Wall, der einst als Lärmschutz zur Autobahn hin aufgeschüttet wurde, kann man schlecht abtragen. Und daneben ist schlicht kein Platz für eine Pipeline, auch weil dort schon viele andere Leitungen verlegt sind.

Wenn die Tunnelbauer dann Anfang September am anderen Ende des Brander Walls angekommen sind, wartet schon die nächste Herausforderung. Denn nach dem Tunnelbau ist vor dem Tunnelbau, zumindest in Brand. Die Trierer Straße muss in der Nähe der Autobahnausfahrt unterquert werden. Allerdings wird dort alles eine Nummer kleiner sein. Es geht nur um 100 Meter Strecke, es wird auch keine Tunnelröhre wie am Brander Wall gebaut, in der später die Pipeline verlegt wird. Der Bohrer wird dort kleiner sein und die Pipeline nach dem „Direct Pipe“-Verfahren unter der Straße hindurchziehen. Allerdings wird die Startgrube neben der Straße, die in den nächsten ein bis zwei Wochen ausgehoben werden soll, mit zwölf Metern deutlich tiefer sein, weil man dort unter vielen verschiedenen Leitungen hindurch muss.

Keine Verkehrsbehinderung

Bohrmeister Frank Hennig wird dann am oberen Rand dieser Grube wieder seine heilige Barbara aufhängen. Aachens Autofahrer müssen dagegen nicht auf heiligen Beistand hoffen, sondern können dieser Baustelle ganz ohne Druck entgegensehen. Laut OGE solle es an der viel befahrenen Hauptverkehrsstraße zu keinerlei Verkehrsbehinderungen kommen.