Aachen: Erster barrierefreier Karnevalswagen für Rollstuhlfahrer

Barrierefreier Karneval : Designierter Prinz hebt mit Rollstuhl ab

Spenden erwünscht! Aachens designierter Karnevalsprinz Martin Speicher und sein künftiger Hofstaat bauen den ersten rollstuhlgerechten Inklusionswagen für den Rosenmontagszug. Das ist durchaus komplex.

Darauf fahren nicht nur Narren ab, das Projekt kommt buchstäblich „ins Rollen“: Aachens designierter Karnevalsprinz Martin Speicher und sein Hofstaat bauen mit ehrenamtlicher Unterstützung und Profi-Technikern der PEM Motion GmbH den ersten vollwertigen Inklusionswagen für den Aachener Rosenmontagszug. Ab dem Jahr 2020 können Rollstuhlfahrer völlig sicher und sicher voller Freude auf einem Wagen den Zug genießen – sowie selbst tonnenweise Kamelle unters närrische Volk am Wegesrand werfen.

„Zesame fiere! Oecher Fastelovvend – All Inklusive!“ heißt das ambitionierte Motto der künftigen Prinzenmannschaft. Damit das wirklich klappt, ist jetzt Vollgas angesagt. Knapp 80.000 Euro – vor allem unabdingbare Materialkosten – werden für den ersten tatsächlich barrierefreien und rollstuhlgerechten Karnevalswagen benötigt. „Wir möchten auch im Straßenkarneval alle Barrieren niederreißen und so allen Menschen das einmalige Erlebnis ermöglichen, einmal auf einem geschmückten Karnevalswagen durch die Straßen zu fahren – vorbei an Hunderttausenden Jecken, auch in den kommenden Jahren“, erklärt Speicher. Mit seinem Hofstaat und PEM-Ingenieuren tüftelt Speicher derzeit an der optimalen Lösung.

Geld und „Hirnschmalz“

Die Umsetzung des ehrgeizigen Plans kostet nicht nur Geld, sondern auch „Hirnschmalz“: Über zwei Meter hoch logieren die Rollstuhlfahrer. Der Karnevalswagen wird deshalb mit einem robusten Liftsystem am Fahrzeugheck und einem Rohrrahmen ausgestattet. Außerdem ist eine Nottreppe vorgeschrieben. Möglich sind themenspezifische Verkleidungen auf dem Stahlkorsett, dazu bittet Speicher um kreative Vorschläge (siehe Infobox). Das hintere Abteil des „Fastelovvajongs“ – eine Wortschöpfung aus Fastelovvend und Wajong – soll außerdem einen klassischen Turmaufbau erhalten. Integriert werden zudem viele Unterbringungsmöglichkeiten für Wurfmaterial. Dabei gilt es, viele Vorschriften zu beachten, nicht nur bezüglich eines „Notevakuierungssystems“.

Speicher und die Ingenieure wollen möglichst jedes Detail berücksichtigen. Zu beantworten sind viele Fragen: Wie weit kann ein Rollstuhlfahrer mit seinem Arm beziehungsweise seiner Hand zum Wurfmaterial greifen? Wo müssen die Kamelle-Reservoirs positioniert werden? In welchem Winkel schaut der Rollstuhlfahrer über die Verkleidung des Karnevalswagens komfortabel zu den Jecken auf der Straße hinunter? In welchem Bogen fliegen die Kamelle? Und wie sorgt man für eine feste Verankerung des Rollstuhls auf der Wagenplattform?

Hinzu kommen Stromversorgung, Steuerungskomponenten, weitere technische Ausstattung – und nicht zuletzt eine umfassende Funktionsprüfung sowie die Unterweisung des Begleitpersonals. „Das ganze Paket ist durchaus komplex“, sagt Alexander Gilson, der Speicher als Leibgardist durch die Session begleiten wird. Und Prinz Martins Adjutant Andree Brüning erinnert an das gemeinsame Lebensmotto: „Jeder Mensch ist anders. Das ist auch gut so.“ Die Begeisterung der jecken Truppe ist ungebrochen.

Rund 400 Termine werden Speicher und sein Team in der Session bewältigen. Schon vor der Proklamation stehen dutzende Auftritte an. „Immer wieder werden wir auf den barrierefreien Karnevalswagen angesprochen. Ich bin glücklich, dass die Idee so gut ankommt. Das motiviert uns umso mehr“, sagt Speicher.

„Familiär bedingt sind wir seit vielen Jahren mit vielen tollen und engagierten Organisationen, Initiativen und Aktiven der Behindertenbetreuung und Behindertenversorgung in Aachen und der Städteregion eng verbunden. Deshalb war es eigentlich gar keine Frage, mit welchem Motto ich mich als Prinz Karneval der Stadt Aachen bewerben werde“, erklärt er. Und zeigt sich dankbar für die professionelle Unterstützung von Technikern und Ingenieuren. Denn auch die fahren auf den „Fastelovvajong“ ab.

Mehr von Aachener Nachrichten