Aachen: Ein Mann erzählt von seinem Selbstmordversuch

Ein bewegendes Bekenntnis : Viktor Staudt erzählt von seinem Suizidversuch

Auf Einladung der Telefonseelsorge hat Viktor Staudt von seinem Suizidversuch berichtet. „Beeindruckend“ war das häufigste Adjektiv, das die Zuhörer im Publikum in der Citykirche benutzten.

Beeindruckend, wie offen Viktor Staudt von seinem Leben berichtete. Wie offen er das Thema Depression und Suizid behandelt. Er war jung, gut aussehend, erfolgreich, sportlich, intelligent, aktiv. Aber er litt schon sehr lange unter Depressionen und wollte deshalb seinem Leben ein Ende setzen. „Eigentlich wollte ich dem Problem ein Ende setzen. Doch ich fand keine andere Möglichkeit, als das mit einem Suizid zu tun.“

Viktor Staudt sprang am 12. November 1999 in der Nähe von Amsterdam vor einen heranrasenden Intercity. Sein Leben verlor er dabei nicht, aber beide Beine. Sein Leben davor und danach hat er über zehn Jahre nach dem Suizidversuch in einem Buch veröffentlicht. Seitdem wird er immer wieder eingeladen, daraus zu lesen und mit den Leuten zu sprechen. Jetzt hatte ihn der Förderverein der Telefonseelsorge Aachen-Eifel in die Citykirche geholt.

„Ich hätte mir damals extra die Zeit genommen, so eine Geschichte zu lesen, wenn es sie gegeben hätte. Vielleicht hätte ich mich anders entschieden, wenn ich eine attraktive Alternative gefunden hätte.“ Das ist seine Motivation, sein eigenes Leid und den Ausweg daraus immer wieder vorzutragen: anderen eine attraktive Alternative bieten.

Das Leben war schwarz-weiß

Im Publikum hat wohl nahezu jeder seine eigene Erfahrung mit dem Thema: „Ist Ihr Leben heute farbig?“, fragte ein junger Mann, weil Staudt berichtet hatte, dass er als Kind um sich herum alles in schwarz-weiß gesehen hat. Das Leben der anderen war farbig und er wollte auf den Tag vorbereitet sein, wenn das Leben auch für ihn farbig werden würde. Staudt: „Es war auch damals farbig. Ich konnte die Farbe aber nicht sehen. Jetzt sehe ich sie und bin froh, dass ich noch da bin – trotz Schmerzen und Rollstuhl. Ich freue mich fast täglich, dass ich ganz normale Dinge tun kann wie mit einem Freund einen Kaffee trinken.“ Seine Rettung war zunächst ein Antidepressivum und dann die Beschäftigung mit der Ursache für seine Angstzustände.

„Haben Sie kurz vor Ihrem Suizid darüber nachgedacht, was Sie womöglich ihren Eltern oder dem Lokführer… antun ist vielleicht nicht das richtige Wort … welches Leid Sie auslösen?“, fragte eine Frau in der ersten Reihe. „Vielleicht ist ‚antun‘ das richtige Wort, aber: Nein, daran habe ich nicht gedacht, aber ich habe die Gedanken an andere nicht absichtlich ausgeschaltet. Das ist keine Rechtfertigung, nur eine Erklärung“, antwortete Staudt.

„Haben Sie Hinweise auf Ihre Suizidpläne gegeben?“, möchte eine andere Frau wissen. „Ja, das habe ich und das macht eigentlich auch jeder“, meinte Staudt. „Aber ich habe nicht gesagt: ‚Hilf mir, sonst bringe ich mich um.‘ Man muss schon wissen, wie man es anstellt. Ich verstehe die Ohnmacht von Angehörigen sehr gut.“ Er selbst habe vielleicht auch nicht lange genug an Türen geklopft, um professionelle Hilfe zu bekommen.

Viktor Staudt lebt heute ein anderes Leben. Er ist immer noch gut aussehend, erfolgreich, sportlich, intelligent, aktiv. Aber die Depressionen bestimmen nicht mehr sein Leben. Auch weil er darüber spricht, wie es ihm geht. Und andere damit veranlasst, es ebenfalls zu tun.

Die Telefonseelsorge nimmt sich aller hilfesuchenden Menschen 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche an. Erreichbar ist sie unter der kostenlosen Nummer 0800/1110-111 oder -222.

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