Aachen: Ein Jahr Kriseninterventionsteam des Jugendamts

Wenn das Kindeswohl gefährdet ist : Mehr als ein Dutzend Alarmrufe – und das jeden Tag

Der Anruf kommt kurz vor den Sommerferien. Die Zeugnisnoten seien nicht so gut, sagt das Mädchen. Nun traue es sich nicht nach Hause. Denn dort gebe es Prügel. Das Kind bittet um den Schutz des Aachener Jugendamts. Solch ein Hilferuf ist ein Fall für das Kriseninterventionsteam des städtischen Fachbereichs Kinder, Jugend und Schule.

So ungefähr 15 Mal am Tag meldet sich jemand bei der Stadt Aachen, weil er in Sorge ist, dass es einem Kind oder Jugendlichen nicht gut geht. 15 Mal jeden Tag steht ganz akut der Verdacht auf Kindeswohlgefährdung im Raum, wie das im Fachjargon genannt wird. Seit gut einem Jahr gehen alle diese Alarmrufe bei dem eigens eingerichteten Kriseninterventionsteam ein. Und dann müssen Mona Jazmati und das gesamte Team sehr schnell überlegen, was zu tun ist. Sehen sie eine akute Gefahr für das Kind, dann wird es, zumindest vorübergehend, in die Obhut des Jugendamts genommen. 15 Mal ist das in diesem Jahr bis Ende Juni bereits geschehen. Im ganzen Jahr 2018 gab es insgesamt 22 solcher Inobhutnahmen. Die Familie dieser Kinder waren in der Regel vorher nicht beim Jugendamt aufgefallen.

Im Mai hat Mona Jazmati gemeinsam mit ihrer Kollegin Manuela Gawlas die Leitung des Kriseninterventionsteams übernommen, bisher noch kommissarisch. Die zweijährige Pilotphase läuft zunächst bis nächsten Sommer. Aber sowohl Mona Jazmati als auch Brigitte Drews, stellvertretende Leiterin des städtischen Fachbereichs Kinder, Jugend und Schule sowie Leiterin der Abteilung Jugend, sind überzeugt: „Wir sind mit diesem Konzept auf dem richtigen Weg.“ Es sei hilfreich, solche Fälle einem einzigen, darauf spezialisierten Team anzuvertrauen. „Wir werden Experten für solche Themen“, sagt Jazmati. Das entlaste auch die anderen Sozialraumteams. Und alle Kooperationspartner, ob Krankenhäuser, Polizei, Schulen, Kitas oder Beratungsstellen, hätten feste Ansprechpartner.

Die Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung kommen per E-Mail (kriseninterventionsteam@mail.aachen.de), per Telefon über die Aachener Kinderschutz-Hotline 432-5151 oder auch ganz altmodisch per Post. Es melden sich Nachbarn, die die Kinder nebenan oft weinen hören oder Verdächtiges beobachten, es meldet sich besorgtes Personal aus Schulen und Kindertagesstätten, es melden sich Polizisten, die bei Einsätzen, etwa wegen häuslicher Gewalt, aufmerksam geworden sind. Und gar nicht so selten nehmen auch Kinder und Jugendliche selbst Kontakt auf.

„Vor den Sommerferien riefen etliche Schulkinder an, die Angst hatten, mit ihrem Zeugnis nach Hause zu gehen“, berichtet Mona Jazmati. Wie das Mädchen, das Schutz beim Jugendamt suchte. „Wenn ein Kind darum bittet, in Obhut genommen zu werden, dann tun wir das“, betont die Teamleiterin. Das sei im Gesetz ausdrücklich so geregelt. Das Mädchen kam übers Wochenende bei einer Pflegefamilie unter, und das Kriseninterventionsteam nahm Kontakt zu den Eltern auf. Die Familie soll nun Hilfe und Begleitung erhalten. Das Jugendamt wird die Eltern im Auge behalten.

1213 Verdachtsfälle von Kindeswohlgefährdung sind im vergangenen Jahr beim städtischen Jugendamt gemeldet worden. In diesem Jahr waren es bis Ende Juni bereits 751. Und in der Regel sind die Hinweise berechtigt. „Bei fast jeder Meldung stellt sich heraus, dass es für das Jugendamt etwas zu tun gibt“, bilanziert Jazmati.

Die Bandbreite ist vielfältig. Auch in Aachen werden Kinder vernachlässigt oder misshandelt, gehen nicht zur Schule, obwohl das ihr gutes Recht ist. Hinweisen auf sexuellen Missbrauch von Kindern gehe das Team besonders intensiv und sorgfältig nach, betont Brigitte Drews. Nachdem der vielfache Missbrauch von Kindern in Lügde, Kreis Lippe, bekannt wurde, seien auch bei der Stadt Aachen deutlich mehr Hinweise auf sexuelle Übergriffe eingegangen, berichtet Jazmati. „Die Bürger sind aufmerksamer und vorsichtiger geworden.“

Acht Frauen und zwei Männer arbeiten im Kriseninterventionsteam. Und manchmal müssen sie nach Hinweisen sogar regelrecht Detektivarbeit leisten. Wie bei dem Kind, das auf der Straße erzählt hatte, es müsse den Papa immer an intimen Körperstellen küssen. Das Team konnte das Kind tatsächlich ausfindig machen, Kontakt zur Familie aufnehmen und Hilfen zur Erziehung einleiten.

Unbegleitete Flüchtlinge

Insgesamt lag die Zahl der Inobhutnahmen in Aachen im ersten Halbjahr 2019 bei 174. Dazu gehören die Akutfälle, die über das Kriseninterventionsteam veranlasst werden. Es werden aber auch Kinder aus ihren Familien genommen, nachdem alle anderen Hilfsangebote nicht gefruchtet haben. Bereits dreimal in diesem Jahr wurden Säuglinge sofort nach der Geburt zu ihrem Schutz in Obhut genommen. In die Statistik eingerechnet sind auch 57 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die das Aachener Jugendamt von Januar bis Juni unter seine Fittiche genommen hat. Zwar beherrscht das Flüchtlingsthema längst nicht mehr so massiv die Schlagzeilen, dennoch kommen in Aachen weiterhin regelmäßig Minderjährige an, die Schutz vor Krieg und Terror suchen. Um Grenzstädte wie Aachen zu entlasten, wird ein Großteil der Jugendlichen mittlerweile in andere Kommunen und in andere Bundesländer verteilt. Insgesamt, sagt Brigitte Drews, kümmere sich das Aachener Jugendamt derzeit um 290 junge Flüchtlinge.

Das Kriseninterventionsteam ist weiterhin im Aufbau. „Wir müssen noch daran feilen, auch am Konzept“, betont die stellvertretende Fachbereichsleiterin. Die Ergebnisse einer großen Organisationsuntersuchung im Fachbereich Kinder, Jugend und Schule, die Ende des Jahres vorliegen sollen, werden in den Prozess einfließen. Schon jetzt deutet sich aber laut Drews an, dass das Team mehr Stellen braucht, um optimal arbeiten zu können und auch die anderen Sozialraumteams nachhaltig zu entlasten.

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