Aachen: Debatte um das Büchel-Altstadtquartier gewinnt an Schärfe

Beispiellose Aktion : Aachener Einzelhändler zeigen Bordellen die rote Karte

Nachdem die privaten Investoren im Streit mit Stadt und Politik bei der Neugestaltung des Büchel-Quartiers das Handtuch geworfen haben, schlagen Aachens Einzelhändler Alarm. Sie verlangen von der Stadt vehement, die Bordellbetriebe aus der Antoniusstraße auszulagern – und das benachbarte Parkhaus erst abzureißen, wenn ein konkretes Nachfolgeprojekt in trockenen Tüchern ist.

Den Bordellbetreibern zeigen die Einzelhändler die rote Karte. In beispielloser Einigkeit und Vehemenz haben am Freitag führende Vertreter des Handels in Aachen Position im Streit um die Zukunft des Büchel-Altstadtquartiers bezogen. Sie wollen mitreden, bei der Stadtverwaltung, in der Politik – und drohen schlimmstenfalls mit der Aufgabe innerstädtischer Geschäfte.

„Hier muss jetzt gerade auch im Sinne der umliegenden Unternehmen gehandelt werden“, stellte Jörg Hamel, Geschäftsführer des Handelsverbandes Aachen-Düren-Köln, bei dem Treffen klar. „Wir müssen genau wissen, wann exakt was passieren soll“, forderte Manfred Piana, Geschäftsführer des Märkte und Aktionskreises City (MAC), Klarheit.

Nach dem Rückzug der privaten Investoren – die das komplette Büchel-Quartier auf über 12.000 Quadratmetern bebauen wollten, aber wegen der politischen Rahmenbedingungen Millionenverluste fürchten mussten – will die Stadt nun selbst die Entwicklung in die Hand nehmen. Für 14 bis 18 Millionen Euro könnte die öffentliche Hand das Parkhaus und eine Handvoll weiterer Immobilien von Norbert Hermanns und Gerd Sauren erwerben.

Beginnen will man dann Aachens größtes Stadtplanungsprojekt – das ist bislang auch Tenor der Mehrheitsfraktionen im Stadtrat – mit dem Abriss des maroden Büchel-Parkhauses. Stufenweise könnte dann in ersten Schritten der – wahrscheinlich wirtschaftlich zu modifizierende – Masterplan des Architektenbüros Chapman Taylor angegangen werden: mit neuen Gebäuden, Wegeverbindungen – aber definitiv ohne Laufhaus.

Was anstelle des Büchel-Parkhauses realisiert werden könnte, ist ohnehin völlig offen. Einzelhandel, Wohnbebauung – oder vielleicht eine neue Zentrale für die Volkshochschule, die ohnehin aus dem Betonbunker Bushof herausgelöst werden muss. Alles möglich.

Breite Front für eine zügige Stadtentwicklung im Sinne der Bewohner und Einzelhändler: Namhafte Unternehmer und Handelsvertreter meldeten sich jetzt vehement zu Wort. Foto: Andreas Herrmann

Bevor es zur nächsten Entscheidung im über 30-jährigen Streben nach einem neuen Profil fürs Schmuddelquartier kommt, wollen die Einzelhändler ihre Expertisen einbringen. „Es kann doch nicht sein, dass die Belange von einzelnen Prostituierten auf der Durchreise und Bordellbetreibern über die Anliegen sämtlicher Bürger, Unternehmer und damit der Stadt gestellt werden“, erklärte Christoph Drucks (Sporthaus Drucks).

Thomas Mathes (Mathes Einrichtungshaus) stellte klar: „Jetzt einfach planlos das Parkhaus abzureißen, wäre der schlechteste, der drastischste Fall. Das hätte existenzielle Auswirkungen. Wir haben hier 115 Mitarbeiter; und ich müsste meinen Geschäftsstandort hier am Büchel, von dem ich eigentlich überzeugt bin, mehr als in Frage stellen.“ Andere reagieren genauso.

Die Geschäftsleute fürchten eine jahrelange Trümmerlandschaft vor ihren Ladentüren – wie vor Jahren, als sich der Baubeginn für das Aquis Plaza immer wieder verzögerte, oder wie aktuell auf der Brache neben dem Hauptbahnhof. „Handel und Gastronomie machen nicht nur die Musik in der Innenstadt, sie bezahlen sie auch ein Stück weit. Dann wollen wir auch gehört werden, wenn es darum geht, was gespielt wird“, erklärte Klaas Wolters (Schreibwaren Weyers-Kaatzer).

Mathes befürwortet ein Konzept, dass einen „urbanen Hotspot zum Einkaufen, Leben und Arbeiten“ ermöglicht. „Aber das ist unmöglich, wenn nebenan das Rotlichtmilieu bleibt. Da will kein Einzelhändler, kein Kunde und schon gar keine Familie mit Kindern hin“, sagte Drucks. Es herrscht Unverständnis darüber, dass die Politik – abgesehen von FDP und Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) – dies nicht begreifen wolle.

Der Handel will nun den Druck erhöhen – aber gleichzeitig auch die Hand ausstrecken, um gemeinsam mit Politik und Verwaltung ein tatsächlich taugliches Bebauungskonzept zu erarbeiten. Und zwar zügig. Längst gebe es in Aachen überproportional viele Geschäftsschließungen in der Innenstadt, beklagte Hamel. Diese Abwanderungsgefahr gelte es einzudämmen.

Wolfgang Winkler (Cityhotel Aquis Grana), Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Aachen, sicherte seine Unterstützung zu. Ebenso Helmut und Ullrich Falter (Mayersche Buchhandlung), Franz Leo Drucks (Sporthaus), Martin Luhn (Yucca Design) und Martin Görg (Görg & Görg – Wolle und Knöpfe), Ulrike Rohe (Schuhgeschäft Neue Wege), Mark Walmrath (Schuhgeschäft Vanderlooy) und viele mehr aus den Interessengemeinschaften verschiedener Einkaufstraßen schließen sich an.

„Es ist gut, dass wir Gesicht zeigen, dass wir eindeutig Position beziehen“, stellte Ben Sütterlin (Hit Markt) fest. Falter senior wies darauf hin, dass es ja durchaus auch noch das Instrument eines Bürgerbegehrens gebe, um der Politik in Sachen Rotlicht zu verdeutlichen, was die Mehrheit der Aachener wünsche.

Handelsexpertin Monika Frohn und der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen, Michael F. Bayer, regten nun zielführende nächste Schritte an. „Aufgrund der jahrzehntelangen Hängepartie am Büchel ist viel Frust im Spiel – dabei mangelt es gar nicht an Ideen. Es mangelt an einem Konzept, hinter dem alle stehen“, sagte Bayer.

Er befürwortet ein „integriertes städtebauliches Entwicklungskonzept“. Darunter versteht man „ressort- und akteursübergreifende Entwicklungskonzepte als zentrales Instrument für die Umsetzung von Fördermaßnahmen“. Ein bewährtes Format. Denn ohne massive Mittel der Städtebauförderung wird sich die Stadt eine neue Bebauung des Quartiers nicht leisten können.

Mehr als 2100 Einzelhändler gibt es in der Stadt Aachen – und nicht nur im Altstadtbereich werden es spürbar weniger. Man fühlt sich von der Politik vernachlässigt, gerade angesichts des konkurrierenden Online-Handels. Wer eine anziehende Innenstadt inklusive neuem Büchel-Quartier wolle, komme an einer Rotlicht-Auslagerung nicht vorbei, hieß es. Nur dafür gebe es grünes Licht der Unternehmer und der meisten Bürger.