Aachen: Busfahrer schuld an Tod einer Radfahrerin

Tod einer Radfahrerin am Hansemannplatz : Gericht spricht Busfahrer schuldig

Auf den Tag 19 Monate nach dem tragischen Tod einer Radfahrerin am Aachener Hansemannplatz ist der Fahrer des Busses, der die junge Frau beim Rechtsabbiegen überrollt hatte, schuldig gesprochen worden.

Wenn der Busfahrer ein bisschen langsamer angefahren wäre auf der Monheimsallee, könnte ein junger Mensch vielleicht noch leben. Oder wenn er einmal mehr geguckt hätte. Oder noch einmal angehalten hätte vor dem Abbiegen in die Peterstraße, um ganz sicher zu sein, dass niemand kommt. Es ist frappierend, von welchen Kleinigkeiten ein Menschenleben abhängen kann – und was für fatale Folgen eine Unachtsamkeit hinter dem Steuer haben kann.

Darüber denkt sicher so mancher Besucher oder Prozessbeteiligte nach an diesem Dienstagmorgen, an dem der Prozess um den Tod einer Radfahrerin vor dem Aachener Amtsgericht zu Ende geht. Vermutlich auch der Busfahrer selbst, der nach dreitägiger Beweisaufnahme, nach Anhörung von neun Zeugen und einem Unfallsachverständigen, wegen fahrlässiger Tötung schuldig gesprochen wird und eine Verwarnung sowie eine Geldstrafe auf Bewährung erhält. Außerdem muss er als Bewährungsauflage 2000 Euro an den Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) zahlen, der sich in Aachen für mehr Sicherheit im Radverkehr einsetzt.

Vorher, als sein Verteidiger auf Freispruch plädierte, hatte er leise geschluchzt, als die Rede davon war, dass durch sein Zutun ein Mensch gestorben ist. Kurz darauf, in seinem letzten Wort, hatte er sich noch einmal entschuldigt und beteuert: „Ich habe sie nicht gesehen, wenn ich sie gesehen hätte, hätte ich gebremst.“ Doch hätte er, davon ist das Gericht überzeugt, die 29-jährige Radfahrerin an jenem 27. April 2017 beim Rechtsabbiegen von der Monheimsallee in die Peterstraße sehen können und müssen – wenn er denn die nötige Sorgfalt an den Tag gelegt hätte.

Nötige Sorgfalt nicht beachtet

Und mit dem Begriff Sorgfalt, der an diesem Morgen in dem gut besuchten großen Schwurgerichtssaal des Aachener Justizzentrums häufig fällt, meint Richter Simon Schäfer eben Dinge wie langsameres Anfahren, noch einmal gucken, noch einmal anhalten. An einer als besonders gefährlich bekannten Stelle, an der die Radfahrerin ohnehin Vorfahrt gehabt habe, seien auch die Anforderungen an die Sorgfaltspflicht besonders hoch, sagt der Richter. Da hätte der Busfahrer eben warten müssen, um sicherzugehen, dass niemand mehr aus dem toten Winkel kommt. Oder er hätte sich ganz langsam in die Kreuzung hineintasten können. Stattdessen habe er das
„Gebot der zweiten Rückschau“ missachtet und „fahrlässig den Tod der Geschädigten verursacht“.

Schäfer stützt sich in seinem Urteil auf vieles, was der Unfallgutachter Eugen Babilon zuvor präsentiert hat. Der erfahrene Alsdorfer Sachverständige zeigt dem Gericht und dem Publikum unter anderem zwei Videoanimationen mit möglichen Varianten des Unfallgeschehens. Klar wird dabei, dass auch im für den Angeklagten schwierigsten Fall die Radfahrerin für einige Sekunden im Rückspiegel zu sehen gewesen sein muss. Und: Babilon spricht auch über die Geschwindigkeit. Der Bus habe laut Tachoscheibe nach dem Anfahren an der Ampel Monheims-
allee 25 Stundenkilometer erreicht, dann beim Abbiegen auf 15 bis 20 abgebremst. „Das ist schon flott“, sagt der Sachverständige. Mit einer geringeren Geschwindigkeit hätte er vielleicht nicht den Zusammenstoß, „wohl aber das Überrollen der Radfahrerin vermeiden können“. Einen tödlichen Unfall hätte es dann wohl nicht gegeben.

Ein vergleichsweise mildes Urteil

Mit seinem vergleichsweise milden Urteil, das am unteren Ende des möglichen Strafrahmens angesiedelt ist, folgt das Gericht fast aufs Wort dem Strafantrag von Staatsanwalt Jan Balthasar, der die eher ungewöhnliche Aussetzung einer Geldstrafe zur Bewährung vorgeschlagen hatte. Das macht deutlich, dass in diesem Fall niemand den Busfahrer einfach kurzerhand verurteilen will. Balthasar spricht zum Beispiel von „einem Versagen, das so oder in ähnlicher Form jedem passieren kann“. Und Richter Schäfer stellt mit Blick auf die glaubhafte Reue des Angeklagten, den möglicherweise großen toten Winkel und die unübersichtliche Kreuzung nur einen „leichten Fahrlässigkeitsvorwurf“ fest.

Ganz am Ende seiner Urteilsbegründung lenkt der Amtsrichter den Blick dann auch nicht von ungefähr weg vom Busfahrer und hin zu anderen Verantwortlichkeiten: „Wenn in den Bussen der Aseag zumindest auf dieser Linie“ – die einzige, die an dieser Gefahrenstelle rechts abbiegt – „ein Assistenzsystem vorhanden gewesen wäre und wenn die Verkehrsführung an dieser Kreuzung nicht so gefährlich wäre, wäre es durchaus denkbar gewesen, dass die Unachtsamkeit des Angeklagten nicht solch schwere Folgen gehabt hätte.“

Dann hätte nämlich vielleicht ein Fehler, der dort jedem passieren kann, nicht zum tragischen Tod einer jungen Frau geführt.

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