Aachen: Arbeiterwohlfahrt startet Quartiersprojekt in Burtscheid

Altersgerecht leben: Für eine solidarische Nachbarschaft

„Altersgerecht leben mit Qualität in Burtscheid“: Unter diesem Motto startet die Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Aachen ein Projekt zur Quartiersentwicklung im Stadtteil. Finanziert wird die Initiative drei Jahre lang von der Stiftung Deutsches Hilfswerk. Mit dem Schwerpunkt Mobilität soll die Arbeit noch in diesem Monat beginnen.

Burtscheid, da denkt der Aachener etwa an die Kurklinik, an die Fußgängerzone oder das Jonastor. Zu Burtscheid – mit seinen fast 17.000 Bewohnern einer der größeren Stadtteile von Aachen – gehört aber zum Beispiel auch der Bereich Dammstraße/Zollernstraße oder die Beverau. Burtscheid bietet ein lebendiges Miteinander und vielerorts eine gute Infrastruktur. Es gibt aber auch Verbesserungsbedarf an vielen Ecken. Hier will die AWO ansetzen. „Für uns ist das Projekt ein weiterer Baustein in der Quartiersarbeit in Aachen“, sagte AWO-Geschäftsführer Özgür Kalkan, als er jetzt gemeinsam mit den Mitgliedern der Lenkungsgruppe das Konzept vorstellte. Politik und Verwaltung unterstützen das Projekt ebenfalls.

Mit den Geldern, die die Stiftung zur Verfügung stellt, kann auf drei Jahre eine volle Stelle finanziert werden. Diese teilen sich Gaby Lang, die im Preuswald bereits grundlegende Quartiersarbeit aufgebaut hat, und Linus Offermann, der an der Katholischen Hochschule in Burtscheid (noch) Soziale Arbeit studiert und selbst auch in Burtscheid wohnt. Die beiden sollen das Projekt professionell managen.

Altersgerechte Quartiersentwicklung nimmt nicht nur die Alten in den Blick, betont Gaby Lang. Angestoßen werden sollen vielmehr Verbesserungen für alle Gruppen im Quartier. Schaut man auf die Bevölkerungsstruktur, dann gehört Burtscheid zwar zu den „älteren“ Quartieren in Aachen, im Stadtteil arbeiten aber auch etliche Schulen und gleich zwei Fachhochschulen. Neue Familien ziehen ins Viertel, und auch Flüchtlinge leben dort. Für alle will Gaby Lang das ermöglichen, was sie „sozialräumliche Sorgekultur“ nennt: Solidarität der Menschen im Stadtteil. „Wir wollen schauen, welche Stärken es gibt und welche Probleme“, sagt Lang. „Und dann wollen wir die Leute zusammenbringen für einen Hilfemix.“

Ganz bei null anfangen müssen Lenkungskreis und Quartiersmanager natürlich nicht. Es gibt ein reges Vereinsleben und vielerlei Initiativen. Und Burtscheid hat mittlerweile auch eine Stadtteilkonferenz. Deren Sprecher, Klaus Peter Otto, hat das Konzept für das Projekt „Altersgerecht leben“ mit entwickelt. Die Quartiersmanager sollen zusammenführen, was bereits existiert, und so auch vermeiden, dass Parallelstrukturen entstehen. „Netzwerke bilden“, gibt Otto als Devise aus. Burtscheid gehört zum großen Stadtbezirk Aachen-Mitte. Einen eigenen Bezirksbürgermeister, wo viele Fäden zusammenlaufen könnten, hat das Viertel aber nicht.

„Hauptquartier“ an der Bayernallee

Sein „Hauptquartier“ hat das neue Quartiersmanagement in den Räumen der AWO-Begegnungsstätte „Burtscheider Stube“ an der Bayernallee. Der Burtscheider AWO-Vorsitzende Willy Kneisel ist auch Mitglied der Lenkungsgruppe. Dort an der Bayernallee hat man ein Beispiel für den bunten Mix an Menschen in Burtscheid quasi vor der Haustür. Gleich nebenan entsteht derzeit ein Haus für Geflüchtete mit Bleibeperspektive. Viele dieser neuen Nachbarn, das hat Gaby Lang auch im Preuswald immer wieder erlebt, haben ein großes Interesse, sich zu engagieren. Das Quartiersmanagement will mithelfen, eine interkulturelle Nachbarschaft auf den Weg zu bringen, die Alteingesessenen und die Neuen zusammenzubringen.

Wie gut so etwas funktionieren kann, hat Gaby Kittel, Koordinatorin der Offenen Ganztagsschule an der KGS Michaelsbergstraße und Mitglied im Lenkungskreis, schon erfahren. Als seinerzeit die Schulturnhalle der Grundschule vielen Flüchtlingen als Notquartier diente, habe sich schnell ein Netzwerk von Ehrenamtlern gefunden, das sich um Kinderbetreuung, Deutschunterricht und Kleiderkammer kümmerte, erzählt sie.

Am Anfang des Projekts soll zunächst eine Vielzahl von Interviews stehen. „Wir gehen raus ins Quartier“, kündigt Gaby Lang an. Die Menschen in Kindertagesstätten und Schulen, in Institutionen und Firmen sollen ebenso zu Wort kommen wie die, die in Burtscheid wohnen. Die Quartiersmanager wollen herausfinden, wo der Schuh drückt, aber auch, wer etwas zum Gemeinwesen beitragen kann und will.

Thema Mobilität

Erster Schwerpunkt der Arbeit soll das Thema Mobilität sein. Burtscheid liegt zwar viel zentraler als zum Beispiel der Preuswald. Gerade für alte Menschen ist es aber trotzdem oft schwer, im Viertel von A nach B zu kommen, auch wegen der vielen Steigungen. Und es gibt auch in Burtscheid Bereiche, wo man so gut wie nichts einkaufen kann. „In der Beverau zum Beispiel fehlt jegliche Infrastruktur“, sagt AWO-Verbandsreferentin Marianne Kuckelkorn. Ein Mobilitätskonzept für Burtscheid habe man bereits in Arbeit, verrät Özgür Kalkan. Damit will die AWO erreichen, dass auch die, die nicht mehr so gut auf den Beinen sind, am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Die Jugendlichen wollen die Quartiersmanager ebenfalls in den Blick nehmen. Schließlich gibt es im Stadtteil nicht einmal einen Jugendtreff als Anlaufstelle.

Helga-Maria Rehberg, Mitarbeiterin in der AWO-Kita Kalverbenden, gehört ebenfalls zur Lenkungsgruppe. Sie ist in Burtscheid aufgewachsen – im Kinderheim am Branderhofer Weg. „In meiner Jugend habe ich erfahren, wie wichtig es ist, Menschen zu haben, die einen begleiten“, sagt sie. „Als Heimkinder lebten wir zwar mitten im Wohngebiet, aber integriert waren wir damals nicht.“ Sie habe sich immer gewünscht, „Teilnehmer zu sein, nicht nur Zuschauer“, bekennt sie. Genau daran will das Quartiersmanagement ab sofort arbeiten.

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