Aachen: Am 14. August 1949 wurde der erste Bundestag gewählt

Erste Bundestagswahl vor 70 Jahren : Von Klebekolonnen und Wahlschleppdiensten

Der Begriff „Klebekolonnen“ dürfte in diesen Zeiten nicht mehr zu jedermanns Sprachgebrauch gehören. Auch nicht in der Politik. Dass Parteien Plakate „kleben“, verbietet sich schon allein aus der Tatsache heraus, dass das traditionelle Plakatekleben Geschichte – und heutzutage eine Ordnungswidrigkeit – ist.

Wahlwerbung vor exakt 70 Jahren – zur Bundestagswahl am 14. August 1949 – sah da ganz anders aus. Mit ziemlich abstrusen Begleiterscheinungen. Werfen wir einen Blick zum Beispiel in die Aachener Volkszeitung vom 15. August. Das ist der Montag nach der ersten Wahl eines nationalen Parlaments nach dem Zweiten Weltkrieg: „Die steigende Heftigkeit des Wahlkampfes entlud sich leider in den letzten Nächten in nicht wenigen Schlägereien zwischen den Klebekolonnen der einzelnen Parteien. In Aachen waren des Morgens alle Plakate der CDU abgerissen!“ Aber die christdemokratische Welt ist nicht überall in der Region aus den Fugen geraten. In Orsbach machen von 199 Wahlberechtigten 167 ihr Kreuz bei der CDU. Das sind 84 Prozent...

Stadtgebiet kleiner

Knapp 75 Prozent der Aachener gehen bei dieser ersten Bundestagswahl an die Urnen. Wobei man bedenken muss, dass das Stadtgebiet damals wesentlich kleiner war. Erst 1972 kamen die bis dahin selbstständigen umliegenden Gemeinden Laurensberg, Richterich, Haaren, Kornelimünster, Eilendorf, Brand und Walheim im Rahmen der kommunalen Neugliederung hinzu. An diesem 14. August 1949 gehen in der Stadt Aachen 67.505 von 83.539 zur Wahl Zugelassenen wählen, 1453 „treffen“ mit ihren Schreibutensilien den Wahlzettel allerdings nicht vorschriftsgemäß. Ihre Stimmen sind ungültig.

Klare Wahlsiegerin in Aachen ist Christdemokratin Helene Weber. Ihre Partei verbucht rund 53,3 Prozent der Stimmen. „Das bedeutet viel“, schreibt die AVZ damals, „da erfahrungsgemäß in der Stadt Aachen ihr prozentualer Anteil bei großer Wahlbeteiligung sank.“ Klarer Zweiter ist die SPD mit knapp 30 Prozent. Erstmals tritt die FDP an und erreicht in Aachen rund 6,4 Prozent. An die vierte Stelle schafft es die damalige KPD mit 5,4 Prozent der Stimmen.

Wer bis zu diesem 15. August zurückblättert, an dem Aachener Volkszeitung und Aachener Nachrichten über die Ergebnisse der Bundestagswahl berichten, der erfährt auch ein gutes Stück Zeitungsgeschichte. AN und AVZ hatten nach 1945 bzw. 1946 von der britischen Verwaltung in Deutschland den klaren Auftrag bekommen, Zeitungen für die großen politischen bürgerlichen Lager zu machen. Die AN eben SPD-nah, die AVZ christdemokratisch. So erklärt sich, dass in der Schlagzeile zur Bundestagswahl in den Aachener Nachrichten am 15. August 1949 das Wort CDU überhaupt nicht auftaucht. Und dass wiederum die AVZ in ihre Überschriften nur die CDU aufnimmt. Der politische „Gegner“ bekommt dann im Kleingedruckten sein Fett weg.

„Sieg auf der ganzen Linie“ heißt es in der AVZ, die im August 1949 ganze vier Seiten stark war und drei Mal wöchentlich, ab dem 1. September 1949 dann täglich erschien. Aachen und der Landkreis „bekannten sich zur CDU“, heißt es. Das Weltbild ist schnell gezeichnet. Und die SPD bekommt in der Analyse schwer einen mit. „Betrachtet man das Ergebnis der Wahl in der Stadt und im Landkreis Aachen, so muss man schon zu dem Schluss kommen, dass die mit allen, aber auch mit allen Mitteln geführte Wahlagitation der SPD keine Früchte getragen hat.“ Am Wahlsonntag noch habe die SPD, so die Aachener Volkszeitung, „vergeblich an die Katholiken Aachens appelliert“.

Auch heute noch bieten Parteien an, Wahlwillige zu den Wahllokalen zu fahren. Ganz neutral, versteht sich. Ein Dienst im Dienste der Demokratie. Das war vor 70 Jahren nicht anders. 1949 liest sich das in der Zeitung dann so: „Die CDU hatte einen Wahlschleppdienst eingerichtet, der am Nachmittag von Haus zu Haus zog, um all die Aachener zu mobilisieren, die bis dahin nicht gewählt hatten.“

Es gibt aber auch eine ganze Reihe Menschen, die an diesem Wahlsonntag ohnehin nicht sonderlich viel anderes zu tun haben: die Insassen des Untersuchungsgefängnisses am Adalbertsteinweg (heutiges Justizzentrum) zum Beispiel. So wundert es wenig, dass die Zeitung am Montag nach der Wahl berichtet, dass der im Gerichtsgebäude eingerichtete „Bezirks 85, in dem die Untersuchungsgefangenen zur Wahl schritten“, der erste Bezirk ist, der komplett ausgezählt ist. Welcher Partei die U-Häftlinge ihre Gunst schenkten, ist natürlich nicht überliefert. Das Wahlgeheimnis gilt auch hinter Gittern.

Auch medial endet diese erste bundesweite Nachkriegswahl in Aachen dann doch ausgesprochen versöhnlich.

Die Innenstadt ist mit Fahnen in Schwarz-Rot-Gold und Schwarz-Gelb geschmückt, Aachen bietet laut Tageszeitung „trotz aller mit der Wahl nun einmal verbundenen Geräusch- und Plakatkulissen ein festliches, der Bedeutung des Tages entsprechendes Bild“.

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